Aus der Amazon.de-Redaktion
Die vorliegende Dokumentation zeigt zunächst ein knapp viertelstündiges Interview mit Luhmann aus dem Jahre 1973, worin er seine Theorie in Grundzügen erläutert. Durch die gezielten Fragen von Ulrich Boehm erhält auch der Zuschauer, der sich noch nicht mit Luhmanns Theorie beschäftigt hat, einen Einblick in deren Leitgedanken. Anschließend folgt eine halbstündige "Philosophie heute" - Sendung aus dem Jahre 1989, in der sich Luhmann gemäß seiner Theorie zur damaligen Ökologie-Debatte äußerte. Angesichts der gewalttätigen Auseinandersetzungen am Zaun der geplanten Wiederaufarbeitungsanlage im bayerischen Wackersdorf sah er die Umweltschutzbewegung sehr kritisch. Er glaubte, sie könne der Volkswirtschaft schaden, wenn sie zu einseitig die Ökologie in den Vordergrund stelle und dabei die Regeln der Wirtschaft missachte. Dabei kritisierte er vor allem das moralisierende Argumentieren, das seiner Meinung nach in solchen Situationen nicht weiterhelfen würde. Es handele sich dabei um sogenannte "Risikoprobleme", bei denen eine Ungewissheit über zukünftige Schäden besteht. Für den politischen Entscheider ginge es nun darum, das eventuelle Risiko einer Entscheidung, zum Beispiel für Atomkraftwerke, abzuschätzen.
Beide Filme bilden aussagekräftige Zeugnisse Luhmanns aus der jeweiligen Epoche, die auch die Zeitbezogenheit von philosophisch-soziologischem Denken deutlich machen. Während zu Beginn der 70er-Jahre die Auseinandersetzung mit dem Marxismus im Vordergrund stand, schienen 1989, nur drei Jahre nach Tschernobyl und wenige Monate vor dem Fall der Mauer -- und zehn Jahre vor der ersten rot-grünen Bundesregierung -- die Fronten zwischen Umweltschutzbewegung und Wirtschaft so verhärtet, dass sich selbst ein Theoretiker wie Luhmann ein gedeihliches Zusammenwirken nicht vorstellen konnte. Wie ein Beobachter im Ausguck eines Schiffes, den man auch Krähennest nennt, sehe ein Theoretiker mehr als die Menschen im täglichen Leben, meinte Luhmann. Aber auch ein solch bedeutender Denker wie Luhmann konnte eben nicht alle Entwicklungen vorhersehen. --Elke Wolter