Brandts "Philosophie: Eine Einführung" ist keinesfalls leicht zu lesen. - Und doch empfehlenswert: Mein Eindruck war, mich selbst beim Lesen zu beobachten, wie mich dieser bedeutende Philosoph der Gegenwart, beim Lesen seines Textes zum Denken anregen möchte, als ob er zu mir spräche. Mir kam der, bei einigen Rezensenten überaus negativ beurteilte, Schreib-Stil, als der eines Gesprächs vor: Das Gespräch eines bedeutenden Wissenschaftlers mit jemanden, von dem er eine Vorbildung erwartet. Das Gespräch gestaltet sich teilweise launig, mit hintergründigem Humor, die Sprache, der Stil ist ebenso gewöhnungsbedürftig, wie bei jedem anderen Autor, und soll eine Einführung für Vorgebildete bieten, eine Weiterführung zum Adepten, eher eine Propädeutik, es ist kein Grundkurs, wie Detel, kein Lehrbuch, wie Pfister, oder ein allgemeines Herumdenken für jedermann, wie dies der, bei einem Rezensenten zitierte, Autor Nagel (der wiederum, und ebenso wie Brandt, ein äußerst bedeutender Gegenwartsphilosoph ist) zum Ziel hat, wenn auch auf höherem Niveau als spirituelle Lebens-Ratgeber.
Man kann darüber diskutieren, ob es "kulinarischere" Einführungen in die Philosophie gibt, wie z.B. K.P.Liessmann, oder die von mir äußerst geschätzte Einführung von Gernot Böhme, aber als (Verfasser einer...) Einführung kommt man um eine Vorkenntnis (... des Lesers) nicht herum und fällt das Lesen des Brandtschen Textes schwer, wird man mit Primärliteratur, oder mit anspruchsvollerer Sekundärliteratur zur Philosophie, schon gar keine Freude haben. Man tut dem Autor meiner Ansicht nach unrecht, wenn man ihm eine klare Absicht, und das Vermögen seine Absicht dem Leser zu vermitteln, abspricht und sein ambitioniertes Unternehmen, das in der Kürze seines Umfangs immer eher Ambition bleiben muß (worauf der Autor zu Beginn hinweist), mit Texten vergleicht, die zu einem völlig anderen Zweck und für eine völlig andere Klientel geschrieben wurden.
Auch wird man als Leser, egal welcher Vorkenntnis, zur Kenntnis zu nehmen haben, daß sich auch die Philosophie, und die über sie Schreibenden und Sprechenden, "technischer" Termini bedient, gleich den Naturwissenschaften (historisch aus der Philosophie herausemanzipiert, den Ballast der philosophischen Wort-Welt abwerfend, um ihre eigenen Wort-Welten zu schaffen), und niemand wird bezweifeln, daß ein aufgrund der verwendeten Termini unverständlicher Text in den Naturwissenschaften entweder eines fachspezifischen Wörterbuchs bedarf, oder des Austauschs dieses Textes für einen basaleren. Indessen bei naturwissenschaftlichen Texten dies unbestritten ist, denkt man bei philosophischen Texten leichthin, daß diese für jedermann und ad hoc verständlich sein müßten. Als Beispiel: Was dem einen "Elektronenaffinität" ist, ist dem anderen "Entität", was dem einen "Wärmekapazität" ist, ist dem anderen "Ontologie", was dem einen "Tracheide" ist, ist dem anderen "Kontingenz", was dem einen "Heterogonie" ist, ist dem anderen "Aporie". Chemische oder physikalische oder botanische oder zoologische Einführungen werden den Gebrauch weder von "Elektronenaffinität", noch von "Wärmekapazität", weder von "Tracheide", noch von "Heterogonie" vermeiden können, und werden diese Begriffe nicht verstanden, wird zum Wörterbuch gegriffen oder ein Werk gesucht, das diese Begriffe vermeidet (ob's gefunden werden wird, ist eine andere Frage...). Es wird jedoch niemand dem Autor vorwerfen, daß er sich einer unverständlichen Wortwahl bedient. Ich könnte vielleicht prägnantere Beispiele aus dem Sport bringen, doch dafür fehlt mir schlicht das Vokabular...
Brandt beginnt sein kleines Buch mit dem "Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch" (was, überspitzt formuliert, etwa dem "Ersten Hauptsatz der Thermodynamik" in der Physik entspricht), versucht ihn zu erklären (was ihm nicht bei jedem Leser gelingen wird) und baut darauf, mittels kommentierten Zitaten aus übersetzten Originaltexten, deren innewohnende Komplexität er selbst als solche dem Leser darlegt, unterschiedliche Denk-Anregungen per Fragestellung an den Leser, zu Themen der theoretischen und praktischen Philosophie, auf. Der Sprung ins Wasser damit ist kalt, aber man lernt schnell Schwimmen. Wie man Schwimmen nur im Wasser lernt, Asanas nur durch die Ausführung (im Yoga), Berglauf nur durch Laufen am Berg, so lernt man Philosophie durch nach-denken, was bereits gedacht wurde. Und wer mag, kann weiter-denken, angeregt durch die Fragen Brandts, so, wie man Schwimmstile perfektioniert, die zweite Ashtanga-Serie versucht, oder auf immer schwieriger werdenden Terrain läuft.
Es mag sein, daß im gegenwärtigen hiesigen Bildungssystem naturwissenschaftlich-technische Begrifflichkeiten geläufiger sind, auch aufgrund sozialer Umstände (fast jeder hat heutzutage irgendwie ein Handy, einen Computer, einen Fernseher, der für den Satellitenempfang programmierbar ist und der Normalverbraucher hat deshalb - und muß ihn zur An- und Verwendung dieser schönen neuen Dinge haben - einen technischen Kenntnisstand, - damit Wort-Kenntnisstand - , den vor kaum einer Generation bestenfalls und mindestens ein HTL-Absolvent hatte), jedoch ist unbestreitbar, daß mit dem vermeintlichen Fortschritt im Bildungssystem (... wohin eigentlich?...) das Verständnis der philosophischen Terminologie auch für Wissenschaftler, speziell Naturwissenschaftler, die sich zunehmend eher der Technik als der Metaphysik verbunden fühlen, abhanden gekommen ist.
Man mag darüber streiten, oder nachdenken, oder denken was man will, oder gar philosophieren, die Gegenwart (die Politik, das Bildungssystem) pointiert das bekannte Heidegger-Zitat "Die Wissenschaft denkt nicht." in einer Weise, in welcher es Heidegger zwar nicht meinte, dennoch dem gegenwärtigen Zustand an den ehemaligen "Bildungshochburgen intellektueller Eliten" zu "Ausbildungsstätten wissenschaftlicher Techniker" (welche doch immer der haut goût des "Fachidioten" umwehen wird) verkommenen Universitäten treffend gerecht wird (dazu andere Texte empfohlen: R. Brandt: "Wozu noch Universitäten?", Meiner-Verlag; K.P.Liessmann: "Theorie der Unbildung", Zsolnay-Verlag), indem selbst rezensierende Wissenschaftler bekennen, diesem eher verständlich gefaßten Text philosophischer Thematik, aufgrund unverstandener, weil unbekannter, Terminologie, nicht folgen zu können.
Für den Leser meiner Rezension des Brandtschen Textes kann ich nur meine Ansicht vermitteln: Wer sich dem Anspruch der Philosophie - und es ist ein Anspruch - gewachsen sieht, oder sich diesem Anspruch als bloßen Versuch stellen möchte, dem sei dieses Buch eines bedeutenden Philosophen empfohlen, mit der mentalen Einstellung, sich auf dessen Sprache, dessen Humor, dessen Weltsicht und der daraus sich ergebenden, sehr persönlichen, Fragestellung an den Leser einzulassen, auch im Bewußtsein der Unvollkommenheit von Ausführungen in der Kürze der sehr begrenzten Betrachtungen.
Jedem anderen empfehle ich leichtere Kost.