Sade macht süchtig. Seitdem ich ihn für mich entdeckt habe, komme ich nicht mehr ohne ihn aus. Was macht ihn für mich zu einer Droge? Ist es die Pornographie? Sicherlich ist die Pornographie ein zentraler Bestandteil in Sades literarischem Schaffen und es wäre heuchlerisch und unsinnig zu leugnen, dass es pornographische Stellen gibt, die einen sexuell erregen. Schließlich ist das Ziel einer jeden guten Pornographie (literarisch oder bildlich) die Befriedigung der Lust, "jene süßen, köstlichen Wollustgelüste", "von denen euch vielleicht eitle, abgeschmackte Moralisten und Sittenprediger abschrecken". Zu diesen abgeschmackten Moralisten und Sittenpredigern zählen nicht nur die Vertreter aller fundamentalistischen Religionsgemeinschaften (insbesondere des prüden Protestantismus und der lust- und sexualfeindlichen katholischen Kirche), sondern inzwischen auch Feministinnen wie Andrea Dworkin, die in ihrem durchaus lesenswertem Buch "Pornographie", Marquis de Sade verdammt und ihn in eine Reihe mit der langweiligen, monotonen, mechanischen, Profit bringenden, spannungslosen Pornoproduktion des 20. Jahrhunderts stellt. Der Unterschied zwischen der literarischen Pornographie von Sade und den Pornos der Massenproduktion, die einen mit ihrer Allgegenwart förmlich penetrieren, liegt aber darin, dass Sades Pornographie ein Instrument war, um zu schockieren und zu provozieren. Er war zwar im 18. Jahrhundert nicht der einzige, der solche Schriften mit expliziten Sexualdarstellungen verfasste (die übrigens fast alle anonym erschienen), aber er gehört zu den ersten, der die Sexualität beim Namen nannte, sprich in aller vulgären Deutlichkeit (das Wort mit F war damals noch eine Provokation!). Im Gegensatz zu der heutigen bildlichen heterosexuellen Macho-Pornographie, schließt die Pornographie von Sade das homosexuelle Verlangen und die homosexuellen Praktiken nicht aus. Seit der griechischen Antike gab es im christlichen Abendland bis zu Sade keine expliziten homosexuellen Handlungen in bildlicher und literarischer Darstellung. Während die griechische Antike aber immer nur vom Knaben als Lustspender sprach, treten in Sades Werken, so auch hier, erwachsene Männer auf, die sich gegenseitig Lust verschaffen. Dabei wird diese Lust nicht etwa in jüdischer, christlicher und muslimischer Manier verdammt, sondern verteidigt, denn "in der Liebe der Männer zu eigenem Geschlecht gibt und kann es überhaupt kein Delikt oder einen Frevel geben, da jegliche Liebe, insbesondere jegliche Liebesaktion uns Menschen von der Natur diktiert und inspiriert wird, demnach eine natürliche ist und keine frevelhafte oder gar verbrecherische sein kann". Marquis de Sade ist somit ein Pionier der homosexuellen Emanzipationsbewegung, der erste und einzige im 18. Jahrhundert, und dass im Widerspruch zu der Enzyklopädie der Aufklärung, die unter dem Stichwort "Sodomie" (=Homosexualität) das göttliche Gesetz zitiert, dass die Todesstrafe für homosexuelle Handlungen fordert und gleichzeitig von einem Todesurteil berichtet, in dem zwei Männer am 5. Juni 1750 wegen Homosexualität auf dem Platz de Greve lebendig verbrannt wurden, von deren Verbrennung sich der Verfasser des Artikels nicht distanziert. Auch kann man bei Sade nicht von einer Frauenunterdrückung sprechen, im Gegenteil gesteht er den Frauen dieselbe sexuelle Freiheit, das gleiche Anrecht auf Lustbefriedigung zu wie den Männer. Die Frauen spielen nicht nur die passive Rolle, sondern mit Hilfe von sexuellen Spielzeugen, wie z.B. mit Godemichés, schlüpfen sie spielerisch in männliche Geschlechtsrollen, und penetrieren die Männer, die wiederum daraus durchaus Lustgewinn ziehen. (Man stelle sich so was in der heutigen heterosexuellen Mainstream-Pornographie vor!) Die Pornographie von Sade hat somit einen aufklärerischen, spielerischen und provozierenden Aspekt, die nicht bei der Darstellung der genitalen Penetration stecken bleibt, sondern diese immer mit einem philosophischen Gedankengang verknüpft.
Die Philosophie von de Sade ist für mich die zentrale Droge, die ich brauche, um die Welt, die Natur, die Religion, die Sexualität und die Sitten und Gesetze in ihrer nackten und grausamen Wahrheit zu sehen. Diese Verknüpfung von Pornographie und Philosophie ist in keinem Werk von Sade prägnanter und besser gelungen als in der "Philosophie im Boudoir". "Die Philosophie im Boudoir" ist ein spannungsreiches Werk, in dem Sade rückhaltlos und konsequent zu denken wagt, indem er dunkle Wahrheiten der menschlichen Existenz zum Ausdruck bringt. Der äußere Rahmen ist schnell erzählt: In einem eleganten, reizenden Boudoir der Madame de Saint-Ange treffen sich am späten Nachmittag Madame de Saint-Ange, ihr Bruder, der Chevalier de Mirvel, die junge Freundin von Madame de Saint-Ange, Eugenie und der Lebemann und Freund von Mirvel, der philosophische Zyniker Dolmancé. Bereits im Vorwort wendet sich Sade an alle "liebenswürdigen Wollüstlinge und Liebeslüsterne jeden Alters und Geschlechts", die er dazu auffordert, sich Madame de Saint-Ange, Eugenie und Dolmancé als Vorbild und Muster zu nehmen. Zu einer Unzahl von erotischen Szenen, in denen sich die beiden Hauptfiguren Dolmancé und Madame de Saint-Ange einander an Obszönitäten überbieten, mit dem Ziel die junge Eugenie von ihrem sexuell ausschweifendem Leben zu überzeugen, treten als intellektueller Kontrast sieben lehrhafte Dialoge, in denen aufs freimütigste über Fragen der Religion, Natur, Sitten und Verbrechen diskutiert wird. Der philosophische Ausgangspunkt in Sades philosophischer Gedankenwelt ist seine Erkenntnis, dass die Grausamkeit und Gewalt der Menschen in der Natur angelegt ist. Angesichts der gleichgültigen und grausamen Natur gibt es keine menschliche Handlung, mag sie noch so schlimm sei, die die Natur in irgend einer weise beleidigt oder verletzt. Egal ob Mord, Vergewaltigung, Abtreibung, Homosexualität, Masturbation, die Natur nimmt alles hin, ja selbst die Vernichtung der ganzen Menschheit würde für die Natur kein Problem darstellen , "die still weiter waltende Mutter Natur kümmert sich nicht im Allermindesten darum, ihretwegen könnte die gesamte Menschheit auf der Erde aussterben... und der Lauf der anderen Planeten oder Sterne am Himmelszelt, der Wechsel der Monde und Gestirne wird eben dadurch nicht im Mindesten tangiert oder aufgehalten, das Universum oder Weltall geht deswegen noch lange nicht aus den Fugen." Die Menschheit hat keine Sonderstellung innerhalb der Natur und es ist die größte Anmaßung des Menschen sich als Krone der Schöpfung bezeichnet zu haben. Es ist klar, dass innerhalb dieser naturalistischen Perspektive für Gott kein Platz ist. Die Erde, die Natur und die Menschen sind nicht die Schöpfung eines außenstehenden Gottes, sondern verdanken ihre Existenz "dem ewigen, ehernen, unveränderlichen Walten der Kräfte der Natur". Die Pflanzen, die Tiere und die Menschen sind aus dem gleichen Stoff gebaut und sind "lediglich ein für sie, nämlich für unseren Planeten, die Erde, notwendiges Produkt der Natur". Ein allmächtiger, allwissender und allgütiger Gott "müsste fortwährend und ständig tätig sein und neu schaffen, was sie, die Natur, immer wieder zerstört, und Letztere - die Natur - deren ewige, unveränderliche Kraft und Tätigkeit wiederum in ihr selbst fundamentiert ist, würde sich demnach in einem beständigen Gegensatz und Zwiespalt sowie in immerwährender schärfster Opposition und Konkurrenz mit Gott selbst befinden". Auch der Pantheismus wird von Sade einer scharfen Kritik unterzogen, denn wie kann das Geschaffene, die Natur, dem schaffenden Wesen gleich?! Und der Gott der Religionen, der Bibel und des Christentums ist nichts anderes als eine "Schimäre", "ein inkonsequentes Wesen, das heute, wie wir beispielsweise annehmen wollen, die Welt und die Menschen in ihr geschaffen hat und dem es morgen schon leidtut, sie, die Welt und die Menschen, gerade so, wie sie nun einmal sind, das heißt im Grunde genommen doch so fehlerhaft, insbesondere so lasterhaft, geschaffen zu haben." Anstatt diesen Gott, der mit seiner Allmacht, Allwissenheit und Allgüte die Menschen ohne Sünde und ohne Fehlerhaftigkeit hätte erschaffen können, anzuklagen, unterwirft sich der Mensch wie eine Sklave vor diesem Alleinherrscher im fiktiven Himmel, schließt mit ihm einen Pakt auf Ewigkeit und zollt ihm "durch einen besonderen Religionskultus seine Annerkennung und Verehrung", um sich irgendwelche Verdienste gegenüber Gott zu erheischen. Marquis de Sade ist einer der schärfsten Atheisten und Religionskritiker und rät allen sich Voltaire zum Vorbild zu nehmen, der mit keinen "anderen Waffen als mit denen des Spotts" die Religionen behandelt oder vielmehr gegeißelt hat.
Man muss Sade nicht in allem zustimmen, aber es ist bewundernswert, wie ein Mensch aus dem 18. Jahrhundert, der fast dreißig Jahre in Gefangenschaft sein Leben verbrachte zu solchen kühnen und modernen Auffassungen gelangen konnte. Außerdem verwendet er auch in diesem Buch wie in allen seinen Büchern einen derben, schwarzen Humor, über Sade kann man auch also lachen. Sade war zudem ein fleißiger Leser, der alle Philosophen der Vergangenheit und seiner Zeit, allen voran die französischen Materialisten gelesen hat und der ethnologische Studien betrieb, die sich dann besonders in seinen Überlegungen zur Moral niederschlugen, mit der Erkenntnis, dass jede Moral und Sitte relativ und zeit- und ortabhängig ist.
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