... die ich bisher gelesen habe. Russell versteht es wie kein Anderer, 2000 Jahre philosophischer Probleme und Gedankenentwicklungen in einem Guss zu präsentieren. So sollte eine Philosophiegeschichte aussehen, ich nenne fünf Vorzüge, die seine Philosophiegeschichte von vielen anderen Werken unterscheidet:
1. Russell schreibt interessant, anschaulich und verständlich (was leider nicht alle Philosophen beherrschen). 2. Er stellt die Bezüge her zwischen den einzelnen Denkern und der politischen Entwicklung. So kann man sich auch erklären, wie so mancher Philosoph zu bestimmten, z. T. absurden Ideen kam. 3. Russel beweist logischen Scharfsinn. Im Gegensatz zu anderen Darstellungen, werden nicht einfach alle möglichen Thesen eines Philosophen paraphrasiert, sondern die Argumente für die wichtigsten Thesen logisch rekonstruiert. 4. Jeder Denker wird kritisch aber fair gewürdigt. Russel weist sehr clever bei vielen zunächst erscheinenden Argumenten die logische Denkfehler auf - der Teufel steckt wie so oft im Detail. Jedoch bleibt es nicht bei reiner Kritik, es werden auch Möglichkeiten aufgezeigt, wie man gewisse Denkfehler konstruktiv weiterentwickeln oder aber besser begründen könnte. 5. Russel traut sich, die einzelnen Philosophen zu bewerten. Das ist meiner Meinung nach ein Vorzug. Nach der Lektüre vieler Philosophiegeschichten stellt man sich die Frage: Und was ist nun wichtig? Was ist heute noch gültig? Wer hat meiner Meinung nach Recht? Natürlich bewertet Russel die Denker vom Standpunkt der analytischen Philosophie aus, er wird jedoch jedem Denker gerecht, weil er erstens ihre Gedanken stets im Lichte ihrer Zeit betrachtet und sich zweitens dogmatischer Urteile enthält.
Kurz: Russel weist objektive logische Fehler nach und nennt seine eigene Position zum entsprechenden Sachverhalt. So kann sich der Leser selber eine begründete Meinung bilden. Manche Rezensionen stellen dieses Vorgehen als einseitig dar. Wer dieses Werk als einseitig analytische Interpretation der Philosophiegeschichte bezeichnet, hat es offensichtlich nicht genau gelesen oder verstanden. Natürlich kann man Philosophiegeschichte auch anders darstellen. Manche setzen jeden Philosophen auf einen Thron und zwingen den Leser durch schillernde Metaphern, seine Gedankengänge zu bewundern - ob das wirklich dem philosophischen Anspruch von Kants sapere aude genügt, sei dem Leser überlassen. Wer lieber eine etwas nüchternere Darstellung bevorzugt, dem würde ich Störigs Philosophiegeschichte empfehlen.
Noch ein Punkt, an dem andere Rezensionen unfair verfahren: Russells Buch stammt aus dem Jahre 1950. Naturgemäß können daher Philosophen, die nach 1950 geschrieben haben, nicht erfasst sein - wer deshalb einen Stern abzieht, macht sich unglaubwürdig. Wer sich für die Philosophen nach 1950 interessiert, dem sei Höffes zweibändige Ausgabe "Klassiker der Philosophie" empfohlen. Hier schreiben eben viele Autoren mit, d. h. einige können sich verständlich ausdrücken, andere wieder nicht.
Fazit: Eine rundum gelungene Philosophiegeschichte aus einem Guss, die zu Recht auch 50 Jahre nach ihrem Erscheinen noch gelesen wird.