Kopfhörer begleiten mich schon mein ganzes Leben lang, dabei sind einige Hochkaräter mit extra Leistungsverstärkern, aber auch einfach praktische Ohrhörer für den Alltag.
Zu letzteren zählt sicher der hier rezensierte InEar Ohrhörer Philips SHE9000, und zu den eher hochkarätigeren ein 10x so teuerer Pendant mit dem ich sonst so unterwegs bin (Klipsch Custom 3).
Man sieht dem Philips SHE9000 nicht an, dass er für kleines Geld zu bekommen ist, die Verarbeitung wirkt wertig, die Kabel fühlen sich gut an und haben einen hohen Gummianteil, was sie sehr flexibel macht. Auch die Kabellänge ist für den normalen Gebrauch gut gewählt (ca. 1m).
Im unteren Bereich der Zuführungskabel ist noch eine Geflechthülle aufgebracht, damit gleitet das Kabel schön durch Jackentaschen und außerdem schützt das Geflecht das Kabel.
Mein teuerer Klipsch hat das übrigens auch so, allerdings übertragen sich da gerne mal Störgeräusche vom rubbelnden Geflecht auf die Ohrhörer, das ist beim Philips nicht der Fall, und das finde ich schonmal gut.
Ein weiterer Pluspunkt (siehe auch Bild) ist das Vorhandensein von Schaumstoffspitzen aus Memoryschaum. Zumindest bei mir passen die Silicon-Tips eigentlich nie richtig. Zu groß, zu klein, zuviel Druck, zu wenig Halt ... irgendwas zwickt immer. Mit Schaumstoffspitzen sieht die Sache dann meist ganz anders aus, guter Sitz, angenehmer Tragekomfort und gute Schalldämmung sind einfach nicht zu verachten.
Für meinen Klipsch musste ich die Teile erst von der Fa. Comply nachkaufen ... soviel zum Thema Lieferumfang bei Premiumprodukten.
Auf der anderen Seite war beim Klipsch ein Hardcase mit dabei, sowie ein Adapterstecker für den Flieger etc., ob man das aber wirklich nutzt?
Wo also finden sich die Unterschiede zwischen teurem High-End InEar und Brot- und Butterstöpsel?
Im Tragekomfort? Nicht unbedingt. Zwar bin ich vom Bügelsystem des Klipsch restlos überzeugt, aber auch die kompakten Philips mit Schaumstoffspitze tragen sich einwandfrei, und man hat sie schneller drin bzw. draußen. Gleichstand ...
In der Lautstärke? Der Philips ist ein elektrodynamischer Ohrhörer mit Breitbandwandler, der Klipsch hat ein Mehrwegesystem auf BA-Basis. Die erzielbare, verzerrungsfreie Lautstärke ist bei beiden Systemen eher vom Wiedergabegerät abhängig und beide können laut genug, um verzerrungsfrei zu Hörschäden zu führen. Also auch Patt.
Im Klang? Ja ... jetzt kommen wir der Sache langsam auf den Grund. Wer jetzt aber glaubt der Philips mache es sehr viel schlechter, der irrt. Sagen wir es so: Er macht es sehr viel anders als z.B. der hochgezüchtete Klipsch.
Ansich hat das klassische Antriebsprinzip des Philips klare Vorteile zu verbuchen. Die Empfindlichkeit ist ordentlich hoch, und durch das Fehlen von Übernahefrequenzen sollte ein ausgeglichenes Phasenverhalten resultieren. Solche dynamischen Wandler, nicht anderes als ein Mini-Breitbandlautsprecher wenn man so will, werden ja auch in deutlich teureren Systemen mit Erfolg eingesetzt.
Wo finden sich dann die (naturgemäßen) Einschränkungen beim günstigen SHE9000?
An erster Stelle ist wohl die Systemgüte zu nennen. Güte im technischen Sinne von QTg, also der Antriebsstärke auf das Schwingsystem betrachtet. Hier haben die Entwickler, entweder aus Kostengründen oder um den Ohrhörer auf Basslastigkeit zu trimmen, ein Verhältnis zu Gunsten einer hohen Systemgüte gewählt.
Kurz: Tiefe Frequenzen werden lauter wiedergegeben, hohe Frequenzen etwas leiser.
Wie wirkt sich das Ganze aus?
Egal ob am heimischen Kopfhörerverstärker oder am Zune Mobilplayer, wirkt der Philips im Vergleich zum analytischen Klipsch wie eine Sub-Sat Kombination, bei der der Subwoofer deutlich zu laut eingestellt ist.
Jetzt wissen wir ja, dass viele dieser Spielweise den Vorzug geben, und für die Bassfetischisten dürfte es dann auch von Haus aus passen. Gerade Pop- und Chartmusik verträgt sich mit dieser Grundabstimmung noch recht gut. Auch überflügelt der Philips in diesem Punkt den Klipsch Custom3, dem man diese Basswucht bei manchen Liedern wünschen möchte.
Wenn es aber um defizilere Klangbilder geht, Stimmen, Räumlichkeit und feingliedrige Instrumente mit ins Spiel kommen, ist ein neutral abgestimmter Ohrhörer wie der Klipsch Custom 3 um Welten besser geeignet. Das gilt auch für längere Hörsessions wie z.B. beim Joggen etc.
Dennoch ist noch nichts verloren, denn auch mit dem Philips SHE9000 lässt sich Musik entschlackt genießen. Vorraussetzung ist allerdings die Möglichkeit zur Tonbeeinflussung.
Vorzugsweise sollte man versuchen die Bässe etwas herausdrehen, bzw. im EQ Preset eine Voreinstellung wählen, die den Mitten und Höhen etwas den Vorzug gibt.
Wer das umsetzt wird überrascht sein, was der Philips plötzlich so alles kann. Dann wäre das Preisleistungsverältnis nicht nur hervorragend, sondern schlicht überragend.
Der SHE InEar klingt plötzlich wie aus einem Guss, mit guter, wenn auch nicht überragender Auflösung. Vor allem im Mittelton spielt er ganz weit vorne mit wenn Stimmen nicht von zuviel Grundton und Bass mit unnatürlich großem Körper aufgemummelt werden, sondern im richtigen Verhältnis stehen. Da sind Custom 3 und SHE9000 dann plötzlich auf Augenhöhe. Der SHE analog schmeichelnd aufspielend, der Klipsch analytisch korrekt.
Mit dieser kleinen Tonkorrektur Korrektur machen auch Annett Louisan, Feist oder Philippe Jaroussky schon richtig Spaß.
Aus diesem Grund hat der Wandler beinahe 5 Sterne verdient. Also: Wer die Möglichkeit hat per EQ oder Tonregler die Klangfarben zu korrigieren, dürfte gerade aufgrund des niedrigen Preises von dem Schallwandler ziemlich begeistert sein, da er dann glatt in die 100+ Euro Liga aufschließen kann und dann mit 5 Sternen Plus bewertet würde.
Ich persönlich bin nunmal schon sehr verwöhnt und bleibe bei meinem Custom 3. Über den SHE9000 darf sich meine Nichte freuen.
Wenn es aber darum geht für suchende Bekannte einen Preisleistungstipp abzugeben, werde ich nicht zögern den Philips mit auf die Liste zu setzen, sofern eine Klangregelung am Wiedergabegerät vorhanden ist.