Ernst Fuchs blickt zurück auf 70 Jahre Leben. Salvador Dali, Elias Canetti, Friedensreich Hundertwasser - sie gehörten zu seinem Lebenskreis. Ernst Fuchs wird einer der Begründer und schließlich der Vertreter des Fantastischen Realismus schlechthin. Umstritten und zugleich der bekannteste Maler Österreichs ist er ohne Zweifel einer der ganz Großen. Er schreibt ohne Zweifel spannend, lehrreich, faszinierend, unterhaltsam. Er ist ohne Zweifel phantastisch. Und: Er ist trotz marternder Fragen ohne Zweifel.
437 Seiten „Phantastisches Leben" berichtet Ernst Fuchs von seinem phantastischem Leben. Zu Beginn atemlos, dann geistesgeschichtlich faszinierend, zuletzt unentwirrbar Phantastisch. Zwischen Depression und Euphorie - so schildert Fuchs sein Spannungsfeld, in dem er funktioniert. Und so auch läßt sich die Lesearbeit einordnen. Denn dieses Buch ist nicht Lektüre-Vergnügen, es ist harte Arbeit - selbst für den bekennenden Fuchsfan-Leser: der rote Faden, die Spannung, zuletzt gar der sittliche Nährwert der Erinnerungen wird durch die retartierende solipsistische Haltung des Autors nur mühsam erlesen. Zwischen Euphorie und Depression bewegt sich der Leser: es ist das Buch eines Menschen mit großem Geist, mit sprachlicher Intensität - mit bereichernden Begegnungen mit geistigen Größen - mit Ansätzen zu religiös-metaphyischen Erkenntnissen. Die Lektüre läßt teilhaben an dieser bereichernden Innenschau.
Und gleichzeitig vernichtet sie die Hoffnung, Erkenntnis im Laufe eines Lebens zu gewinnen. Denn das Buch wird kein Ganzes, bietet keine Synopse. Verhaftet im Detail bleiben die Lebenserinnerungen fragmentarische Schau, der Lebenssinn ist von anbeginn verwurzelt im Selbstbewußtsein ein Auserwählter zu sein; damit einer, der alles besser weiß, der das andere nur für sein Ziel annimmt, aber ignoriert, wenn es zur eigenen Entwicklung eventuell auch unter Schmerz integriert werden soll.Der sich zwar martenden Fragen aussetzt, aber dennoch keinen Zweifel an sich hat. Wo bleiben die persönlichen Verbindungen? Wo bleibt die Verantwortung, die liebevolle Fürsorge? Wo die Menschlichkeit? Wo eine Konsequenz aus Erkenntnis und religiöser Innenschau für den Nächsten?
Fünfzehn Kinder hat Fuchs, so ist dem Anhang zu entnehmen. Doch gibt es eine Bindung an sie? Hat er ihnen etwas mitgeben können? Hat er durch sie Nähe erfahren, Inspiration bekommen oder sind das nur die Produkte, die seine zahlreichen Frauen eben als quasi Nebenwirkungen hervorbrachten?
Wenn schon Erinnerungen schreiben - dann doch um dem Leser etwas über das künstlerische Wirken hinaus zu bieten. Bei einem Maler, der ein großes, bewundertes Werk schaffte, dürfen seine Fans mehr erwarten, als ein Kompendium bereits veröffentlichter Traktate mit etwas biographistischem Zuckerguß und verbrämter Innerlichkeit. Die Lektüre quält und läßt sich dennoch nicht abbrechen. Fans lesen eben auch das mit treuer Bewunderung gerne.