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Phaidros gehört zu den Spätwerken Platons (437-347 v. Chr.). Es ist ein philosophischer Diskurs, wie man sich ihn vorstellt. Ein warmer Sommertag, Sokrates und Phaidros gehen des Weges, rasten im Schatten einer Plantane nahe einem kleinen Bach. Ihr Thema ist der Eros, die Schönheit im Sinne der Rhetorik.
Die Macht der Liebe wird von drei Reden getragen, in denen es um Eros geht. (1) Phaidros trägt die Rede des Lysias vor (Erotikos), die Sokrates (2) durch eine eigene überbietet. Für ihn ist Eros unheilvoller Wahnsinn. Doch in der dritten Rede (3) findet Sokrates einen anderen Zugang. Als vom Eros Erfüllter preist er den göttlichen Wahnsinn. Mit Hilfe eines Mythos zeigt er das Wesen der Seele und gleichzeitig die Folge, nämlich, dass die Liebe ein von den Göttern geschenkter Wahnsinn ist. Dieser Wahnsinn ist Wahrheit und zeugt von der Unsterblichkeit der Seele, die es wiederzufinden gilt. Also ist die Begegnung mit einem philosophischen Liebhaber höchstes Glück. Die unsterbliche Seele ist wie ein geflügeltes Zweigespann, die beiden Pferde sind vom Lenker zu führen, obgleich das eine Pferd schön, gut und von edler Rasse ist, dass andere just das Gegenteil (vgl. Platon, Das Gastmahl, Eltern des Eros). Die Seele führt Aufsicht, ist sie vollkommen und gefiedert schwebt sie über allem, in den höchsten Regionen und durchwaltet die Welt (Welteros bei Daphnis und Chloe). Sie ist vollkommen und unsterblich, ("Jede Seele ist unsterblich, Denn was sich immer bewegt, ist ewig."). Ist sie nicht gefiedert, setzt sie sich fest in einen Leib und ist mit diesem sterblich. (vgl. Platon, Phaidon). Dieser offensichtliche Kampf zwischen den ungleichen Pferden und dem Lenker führt zur Dreiteilung der Seele, (vgl. Platon, Der Staat, politeia). Logos (Vernunft), Thymos (Eifer und Mut) und Epithymia (Begierde) sind die drei Teile der Seele, die sich bei Sigmund Freud als >Über-Ich, Ich, Es< wiederfinden lassen. Diese zusammen bilden die lebendige Seele, die Ur-Seele in höchsten Höhen, sie ist das Reine, Gute und Schöne. Diese IDEE des Schönen ist ein Zustand, der für kurze Augenblicke erreicht werden kann, aber die Anamnesis (Erinnerung) gibt dauerhaften Bestand, und somit ist sie der Erzeuger für die Annäherung an diese Idee und in der beständigen Verbesserung erzeugt sie die Liebe zum Schönen, zum sinnlich wahrnehmbaren Schönen.
Ein weiterer Aspekt dieses Dialoges ist ein sehr interessanter und sicher die vorherrschende Absicht Platons. Lysias wird zum virtuellen Sparringspartner in der Rhetorik. Phaidros hat Lysias Rede vorgelesen, Sokrates hielt seine frei. Damit entwickelt Platon einen Begriff der Rhetorik, der diese Kunst erst wirklich zur Kunst werden lässt. Die Verbindung von Rhetorik und Philosophie, die Ausdrucksfähigkeit verbunden mit dem Wissen um Wahrheit. (Cicero griff dieses auf in De Oratore) Und weiter weiß er die Unterscheidung von Schrift und freie Gedanken sehr schön zu differenzieren. So sagt bei Platon der ägyptische König Thamus zu Theuth, der ihm seine Erfindung der Schrift vorstellt:
"(...) diese Kunst wird Vergessenheit schaffen in den Seelen derer, die sie erlernen, aus Achtlosigkeit gegen das Gedächtnis, da die Leute im Vertrauen auf das Schriftstück von außen sich werden erinnern lassen durch fremde Zeichen, nicht von innen heraus durch Selbstbesinnen. Also nicht ein Mittel zur Kräftigung, sondern zur Stützung des Gedächtnisses hast du gefunden. Und von Weisheit gibst du deinen Lehrlingen einen Schein, nicht die Wahrheit: wenn sie vieles gehört haben ohne Belehrung, werden sie auch viel zu verstehen sich einbilden, da sie doch größtenteils nichts verstehen und schwer zu ertragen sind im Umgang, zu Dünkelweisen geworden und nicht zu Weisen".
Eine Gegenüberstellung zwischen Innen und Außen wird in diesem Absatz offenkundig. Der wirklich Wissende bewahrt seine Weisheit ohne äußere Hilfe bei sich selbst und hat sie immer zur Verfügung, um sie in der Lehre weiterzuvermitteln. Derjenige, der nur scheinbar in Besitz von Weisheit ist, bedarf der äußeren Stütze und trägt sein "Gedächtnis" außerhalb seiner selbst in der manifestierten Schriftsprache. Die Schrift ist nur Abbild und eine leblose Kopie des Urbildes der belebten und beseelten Sprache. (vgl. Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit). Entscheidend ist hier die abwertende Bedeutung des Wortes Abbild: es ist von geringerem Rang als das Urbild, hat nicht dieselbe Wirklichkeit und Aura. Die Schrift ist angewiesen auf die mündliche Sprache als Grundlage und auf die Fixierung auf äußeres Material (vorlesen des Lysias Textes). Sie steht immer in einer Abhängigkeit. Daher kann Platons Phaidros als Konzeption einer philosophischen Rednerbildung verstanden werden, geübt an einem in der Zeit üblichen Thema: dem Eros, dem wirklich Schönen.
Diesen Dialog zwischen Phaidros und Sokrates schließt ein Gebet an Pan und die anderen Götter dieser Stätte. Schönheit im Inneren ist der Wunsch und sein äußerer Besitz möge sich diesem nicht widersetzten. Der geneigte Leser mag sich diesem Streben anschließen.