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Wollte man den Inhalt bündig zusammenfassen, könnte man vielleicht sagen, dass die Phänomenologie des Geistes darstellen will, wie das absolute Wissen, nach Hegel die vollkommene Übereinstimmung von Wissen und Gewusstem, in verschiedenen Gestalten des Bewusstseins erscheint und an ihnen sich auswirkt. Dieser Weg des Erscheinens, gleichsam die Odyssee des menschlichen Geistes, hat ihr eigenes Bewegungsgesetz, für das Hegel das Zauberwort Dialektik geprägt hat. Jeder erscheinende bewusstseinsmäßige Ausgriff auf einen Gegenstand, in dem Wissen und Gegenstand zur Deckung gelangen sollen, erweist sich als unzureichend, so dass jede Gestalt über sich hinausweist auf eine höhere, neue Bewusstseinsstufe, der sich die Erkenntnis wiederum anzugleichen hat. Erst wenn der Geist sich nicht nur anschaut, sondern sich wissend durchschaut hat, ist das Werden der Wissenschaft in der Philosophie vollendet.
Für die Erforschung des menschlichen Selbstverständnisses in der historisch gewachsenen, modernen Wirklichkeit, ist die Phänomenologie des Geistes ein einzigartiges Dokument. Lehrstücke wie die Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft wurden zu einem Schlüsseltext marxistischer Gesellschaftskritik und bilden noch heute einen Anknüpfungspunkt in sozialphilosophischen Debatten. --Jens Kertscher
Buch der 1000 Bücher
Phänomenologie des Geistes
OA 1807 Form Sachbuch Bereich Philosophie
Die Phänomenologie des Geistes von Georg Friedrich Wilhelm Hegel stellt den Höhepunkt der philosophischen Entwicklung des deutschen Idealismus dar. Hegel beschreibt darin die Bildungsgeschichte des Bewusstseins und entfaltet programmatisch drei Stufen der Wissensbildung: Ausbildung der persönlichen Welterfahrung, individuelle Selbsterfahrung und Verständnis für die Geschichte.
Inhalt: Den Ausgangspunkt bildet das natürliche Bewusstsein, die »sinnliche Gewissheit«, die an das Hier und Jetzt gekoppelt ist. Dieses Bewusstsein der ersten Stufe ist abstrakt und allgemein und wird nur durch den Gegenstand konkret, auf den es gerichtet ist. Das Selbstbewusstsein der zweiten Stufe beschränkt sich auf die Individualität des von seinen Begierden beherrschten Ichs. Die nächst höhere Ebene, die Vernunft, verbindet die Abstraktheit der ersten mit der Konkretheit der zweiten Stufe. Sie ist zugleich Bewusstsein des Gegenstands und Selbstbewusstsein und erkennt sich als deren Einheit. Der Geist als verwirklichte Vernunft, die das tätige Selbstbewusstsein der Individuen generalisiert, verbindet auf einer weiteren Stufe, der Geist-Ebene, das Ich mit der Welt. Der wahre Geist ist die Sittlichkeit, die sich auf die Stufe der Religion erhebt. Als absoluter Geist, der sich eine eigene Wirklichkeit schafft, wird er sich selbst zum Gegenstand und kann die letzte Stufe, das absolute Wissen, erklimmen. Auf dieser letzten Stufe schaut der Geist nicht nur sich selbst an, sondern er »weiß« sich auch selbst, womit das Werden der Wissenschaft in der Philosophie vollendet ist.
Wirkung: Das spekulative Denkgebäude beeinflusste vor allem die durch den Marxismus geprägten philosophischen Positionen der Neuzeit, wobei das Kapitel über Herrschaft und Knechtschaft zu einem Schlüsseltext der marxistischen Gesellschaftskritik und Geschichtsphilosophie avancierte. Wie kaum ein anderer philosophischer Text leistete die Phänomenologie des Geistes Wesentliches für die Erforschung des Selbstverständnisses des Menschen und übte starken Einfluss auf den Existenzialismus (Martin R Heidegger, Jean Paul R Sartre), die Hermeneutik (Hans-Georg R Gadamer) und die Soziologie (Jürgen R Habermas, Herbert R Marcuse) aus.