Was die Phänomenologie des Geistes betrifft, so ist es in der für Hegel durchaus gewöhnlichen, ungewöhnlichen und komplexen Weise geschrieben. Das bedeutet für den Schnellleser und die Schnellleserin, die einen kurzen Einblick gewinnen wollen, ist das Werk vollkommen ungeeignet. Die wirklich fordernde Stil Hegels und die extreme Dichte der Daten macht es notwendig einerseits Begleitliteratur zu lesen und andererseits (im Optimalfall) die Lektüre im philosophischen Freundes- bzw. Kollegenkreis zu diskutieren. Doch nun zum Inhaltlichen. Hegel setzt sich umfassend mit Bewusstsein, Selbstbewusstsein, dem Unbewussten, dem Individuum und der Gesellschaft auseinander. In geradezu atemberaubenden Argumentationen verweist Hegel auf die Problematik des sich selbst begreifenden, erfahrenden Menschen und zwar in den Dimensionen des Wir (Gesellschaft) und des Ich (Individuum), ausgehend von der menschlichen Wahrnehmung und dem menschlichen Bewusstsein. Sehr bemerkenswert ist das Kapitel Beobachtung der Beziehung des Selbstbewusstseins auf seine unmittelbare Wirklichkeit; Physiognomik und Schädellehre. Hier nimmt Hegel Erkenntnisse vorweg, die erst Ende des 20. Jahrhunderts belegt wurden. Es kommt mir als Leser unwillkürlich die Frage warum bei einem solchen Denk-Stand zu Hegels Zeiten ein so unermesslicher Irrweg zu Beginn des 20. Jahrhunderts möglich war, der solche tragischen Blüten wie die Eugenik und anderes schreckliches mehr beinhaltet hat. Hegel stößt in diesem Werk eindrucksvoll das Tor zur Psychologie, Soziologie und zur Erkenntnistheorie auf. Als ergänzende Bücher kann ich dazu Tor Norretranders Spüre die Welt und Lloyd de Mousse Das emotionale Leben der Nationen empfehlen. Für jeden philosophisch tiefer interessierten Menschen ein absoluter Gewinn. Ein wirklich lesenswertes Buch, das aber entsprechende Aufmerksamkeit verlangt um tatsächlich zu wirken.