Vor noch nicht allzu vielen Jahren war es Google das mit den täglichen "Google Trends" (was heute so am meisten gegoogelt wurde) und der Eindeutschung des Worts "googeln" für mediales Aufsehen sorgte. Doch was früher mal die auf fast jeder Homepage anzutreffende Google-Suche war ist heute Facebooks "Gefällt mir"-Button und der Login via Facebook-Accounts, mit dem man sich das Registrieren auf einigen Seiten bereits sparen kann. Wie weit Facebook unsere Gesellschaft allerdings bereits verändert hat wird einem klar wenn man selbst auf den Webpräsenzen renommierten Printmedien bei fast jedem Artikel bereits die Möglichkeit hat ein "Gefällt mir" zu vergeben und selbst in einschlägigen Job-Inseraten diverser Bezirksmedien von neuen Redakteuren bereits explizit Facebook-Erfahrungen verlangt werden. Erfolgreiche Facebook-Gruppen schaffen es als Reinkarnation so mancher Bürgerbegehren sogar in die klassischen Medien und manche Privatsender wie Puls4 oder Kronehit (in Österreich) nutzen Facebook-Gruppen sogar zur Gestaltung ihrer Sendungen, Fragen, Musikwünsche und dergleichen können parallel zu E-Mail und Telefonat auch über Facebook geposted werden.
Als Technik-Journalist des KURIER setzt sich Jakob Steinschaden in PHÄNOMEN FACEBOOK mit der Frage auseinander wie Facebook zu dem werden konnte was es heute ist und wohin der neben Google bereits zweitbedeutendste Web-Konzern mit dem Inbegriff der Social Networks hinsteuert. Doch ehe Steinschaden soweit kommt beschäftigt er sich erst einmal mit einer ganz anderen Frage, nämlich warum gerade Facebook dieser Erfolg beschieden war und worin die großen Vorzüge der Site liegen. Man bedenke doch dass gerade die Generation der aktivsten Facebook-Nutzer mit Web Communitys wie Szene1 und dergleichen aufgewachsen ist. Facebooks großer Vorzug liegt in der Zentralisierung all dieser Aktivitäten die man früher auf eigenen Portalen ausgetragen hat. Kommunikation die früher in meist eher abgeschotteten Foren stattfand verlagert sich nun in Facebookgruppen, Freunde die man oft mühsam über diverse Chat-Sites und Portale anschreiben musste, erreicht man nun ganz einfach über Facebooks Chat, wo es mangels der sonst üblichen Maskerade via Usernamen gleich viel einfacher ist all die Leute wiederaufzustöbern zu denen man den Kontakt verloren hat. Noch einfacher wird das weil (Stand von Juni 2010) sich schon 25% der Bevölkerung Österreichs und immerhin noch 12% der Deutschlands auf Facebook tummeln. Facebook bietet jedem einen eigenen Blog, ohne das mich sich um Design und dergleichen scherren muss. Man kann die Leute wissen lassen was man gerade bei Amazon bestellt hat, welcher Zeitungsartikel einem gerade gefällt, welches Youtube-Video man gerade zum Schreien komisch findet oder schlicht was man gerade tut. Da wundert es einen auch nicht mehr woher die großen Risiken rühren dass eine Auswertung all dieser freigiebig mit der Welt geteilten Informationen von Facebook zunächst einmal genutzt werden um das stets präsente Werbematerial neben dem News-Feed gezielt auf diese Web-Persönlichkeit abzustimmen. Denn mit Werbung verdient Facebook schlussendlich auch sein Geld und sorgt für beinahe 365 Tage ununterbrochenen Betrieb.
Die technische Betrachtung Facebooks ist jedoch wie bereits erwähnt nur der Einstieg in die Thematik. Steinschaden versucht zudem die Unternehmensgeschichte, welche es 2010 mit der Accidental Billionaires-Verfilmung The Social Network sogar in die Kinos geschafft hat, anhand der beiden Bücher Ben Mezrichs (The Accidental Billionaires alias Milliardär per Zufall) und David Kikpatricks (The Facebook Effect) sowie diverser Zeitungsartikel und eines einwöchigen USA-Aufenthalts nachzuzeichnen. Dabei beleuchtet Steinschaden auch Facebooks derzeitige Lage, in der von der Gründergeneration außer Mark Zuckerberg selbst keiner mehr in den höheren Rängen des Konzerns verblieben ist und die Lücken immer öfter mit abtrünnigen Google-Mitarbeitern geschlossen werden. Dass Facebook sich allmählich zur größten Bedrohung für Google entwickelt ist eine These die dem Leser zunächst allerdings etwas unwahrscheinlich erscheint, denn was haben die Suchmaschine und ihre Ablegerprojekte schon mit der Social Network-Plattform gemein? Nun zunächst einmal liegen beide Seiten im offenen Clinch mit Datenschützern aller Nationen und darüber hinaus geriert sich Facebook an manchen Tagen und Uhrzeiten Google als meistgenutzte Plattform des Web abzulösen. Nachdem sich viele Unternehmen und noch mehr Vereine darauf verlegt haben neben oder statt ihren Webpräsenzen gleich solche auf Facebook einzurichten ist ein interessanter Trend entstanden. Wer früher keinen Blog oder keine Homepage unterhielt weil ihm oder ihr das zuviel Aufwand gewesen ist, nutzt nun Facebook für genau solche Repräsentationszwecke und so muss man Facebook oft schon gar nicht mehr verlassen um an Informationen über Unternehmen, Produkte und Projekte zu gelangen, die diese Strategie bereits antizipiert haben.
Was Facebook jedoch konkret plant um Google ein Schnippchen zu schlagen enthüllt Steinschaden als er auf die zukünftige Bedeutung des Open Graph genannten "Gefällt mir"- oder "Like"-Buttons zu sprechen kommt. Je mehr Likes desto höher soll eine entsprechende damit auf Facebook registrierte Seite in der Facebook-Suche gereiht werden. Somit bräuchte man keine wertvolle Facebook-Zeit mehr opfern um etwas zu googeln, sondern kann sich auf die Empfehlungen einer Mehrheit der User stützen. Doch das ist nicht alles. Da Facebook was die Menge an Fotos und Videoclips betrifft die sich bereits auf der Seite finden längst an Youtube und Flickr heranreicht gibt es ein gezieltes schon fast orwellsch anmutendes Projekt via Gesichtserkennung all diese Fotos und vielleicht irgendwann auch Videos durch ein Autotagging erfassen zu lassen. Damit würde es einem Facebook schlicht abnehmen sich durch all die Fotoalben zu wühlen in denen man eventuell irgendwo zu sehen ist. Ob man das überhaupt will steht freilich auf einem völlig anderen Blatt. Da Facebook jedoch bereits einige Firmen aufgekauft hat, die solche Gesichtserkennungssoftware entwickelt haben, wird es wohl so kommen, auch weil diese Investitionen sonst ihren Sinn verlieren würden.
Wer The Social Network gesehen hat der wird sich vielleicht auch schon gefragt haben wem Facebook denn nun gehört, seit man weiß dass Mark Zuckerberg zwar die Mehrheit am Unternehmen hält, aber längst auch andere Investoren aufgenommen als bloß Peter Thiel. Wem gehört Facebook? - Auch auf diese Frage weiß Jakob Steinschaden eine Antwort und zeigt wer heute neben Mark Zuckerberg in der Firma den Ton angibt. In diesem Zusammenhang und auch im Vergleich zu Google spielt natürlich die Frage nach der finanziellen Zukunft Facebooks eine gewisse Rolle, denn während Mark Zuckerberg als jüngster Milliardär der Geschichte gehandelt wird stützt sich dieser Reichtum doch nur auf seine Facebook-Beteiligung und kein entsprechend hohes Barvermögen. Ein Zustand der Zuckerberg eines Tages zwingen könnte (Steinschaden prognostiziert diesen Tag auf 2011-12) sein Unternehmen entweder zu verkaufen, um mit den entsprechenden Erlösen seine Investoren zufriedenzustellen oder ähnlich dem Konkurrenten Google an die Börse zu gehen. Bis dahin dürfte allerdings noch einiges an Zeit vergehen, da Facebook seine tatsächlichen Gewinne derzeit wie Staatsgeheimnisse hütet. Erst seit Ende 2009 soll das Unternehmen positiv wirtschaften, darf die genauen Zahlen jedoch unter Verschluss halten, da es noch kein öffentliches Unternehmen ist.
Steinschadens erzählerisches Talent liegt ganz darin dass er Facebooks Entstehungsgeschichte und Zukunftsperspektiven relativ ausgewogen und spannend präsentiert. Weder verfällt er auf Glorifizierung noch tumbes Bashing. Dank Steinschadens kurzweiligen Stil wird auch die hohe Informationsdichte nicht zum Problem und bleibt sehr gut lesbar und informativ.
Fazit:
Spannende und höchst informative Lektüre, fern von Facebook-Bashing und Facebook-Glorifizierung.