"Vollkommen unvorstellbar". So lautete die überwiegende Antwort, als der Arbeitswissenschaftler und Medizinsoziologe Wolfgang Hien 20 ältere - meist Mitte 50-jährige - Pflegekräfte fragte, ob es für sie vorstellbar sei, bis zum Rentenalter von 67 Jahren den Pflegeberuf auszuüben. Es klingt zunächst wie ein vernichtendes Urteil über die Zukunft eines Berufsstandes, der in unserer Gesellschaft unverzichtbar ist und dennoch anscheinend nur wenig Wertschätzung erfährt. Aber Wolfgang Hiens Buch "Pflegen bis 67?" bietet viel mehr als Lamentieren über die aktuelle und künftige Situation älterer Pflegekräfte - es ist eine komplexe wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem berufs- und gesellschaftspolitisch hoch aktuellen Thema.
In welcher Situation befinden sich ältere Pflegekräfte ab 50 Jahren? Warum verlassen so viele von ihnen aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig den Beruf? Was könnte getan werden, um dagegen zu steuern? Wolfgang Hien maßt sich nicht an, alleine eine Antwort auf diese Fragen zu finden oder alleine eine Bewertung der Situation Pflegender vorzunehmen. Vielmehr lässt er die Pflegenden ihre Arbeitssituationen, in zahlreichen Zitaten dargestellt, selbst bewerten. Dabei hat der Autor - im Sinne guter qualitativer Sozialforschung - nicht den Anspruch, allgemeingültige Aussagen treffen zu können. Vielmehr vermitteln Wolfgang Hiens Auszüge aus seinen Experteninterviews Einblicke in die Erlebniswelten einiger Pflegender. Aussagen werden darüber hinaus mit Zahlen aus (Vorab-) Studien, beispielsweise zu Krankheitstagen oder Frühverrentung, belegt und in den Kontext arbeitswissenschaftlicher Erkenntnisse eingebettet. Dieses Vorgehen wirkt authentisch und glaubhaft. Dennoch: Auf den ersten Seiten gewinnt der Leser zunächst ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit bezüglich der aktuellen Situation in den Pflegeberufen.
Denn schon in der Erläuterung der Problemstellung wird deutlich, dass sich offensichtlich die wenigsten aktiv Pflegenden über 50 vorstellen können, bis zu ihrem regulären Eintritt in das Rentenalter diesen Beruf auszuüben, zu groß seien die Belastungen. Dann aber ein Hoffnungsschimmer: Wenn sich die Arbeitsbedingungen ändern würden - vielleicht ginge es doch. Bei mehr Personal und Wertschätzung. Pflegende als hilflose Rädchen in einem komplexen Pflegeapparat? Nur noch maschinell abarbeiten statt menschenwürdig pflegen? Es scheint so. Aber diese Betrachtung wäre zu einseitig und auch Wolfgang Hien gibt sich mit einer solchen nicht zufrieden. Auch die Eigenverantwortung der Pflegenden für ihre Gesundheit kommt in einem ausführlichen Kapitel zum Thema Burnout-Prävention zur Sprache. Dabei scheut sich der Autor nicht, beispielsweise das "Helfersyndrom" zu thematisieren und an die Selbstpflegekompetenz der Pflegenden zu appellieren. "Die Schwestern selbst [...] müssen in ihre eigene Gesundheit investieren und darüber hinaus die Fähigkeit weiterentwickeln, mit Zeit umzugehen, damit sie fähig werden, negative Effekte der wachsenden und auszuhaltenden Job-Anforderungen abzupuffern [...]". Ohne Frage. Aber das Kernergebnis von Wolfgang Hiens Studie geht noch weit darüber hinaus: Es ist der Aufruf an Arbeitgeber, in den Erhalt von Gesundheit und Arbeitsfähigkeit älterer Pflegender in Form von gesundheitsfördernden Arbeitsbedingungen und Schulungsangeboten sowie individuellen Präventionsmaßnahmen zu investieren. Hierdurch nimmt er die Arbeitgeber in die Pflicht, ihren Fürsorgepflichten gerade gegenüber den Pflegenden besser nachzukommen. Konkrete Beispiele zur Umsetzung seiner Vorschläge runden das Buch ab.
Autoren, welche sich an die Thematiken "Pflegenotstand" oder "Arbeitsbedingungen in den Pflegeberufen" wagen, laufen stets Gefahr zu polemisieren oder Aspekte einseitig zu betrachten. Wolfgang Hien ist es in beeindruckender Weise gelungen, Ursachen für die vorzeitige Berufsaufgabe Pflegender differenziert zu betrachten. Das Angebot konstruktiver Lösungsvorschläge für die Aufwertung Pflegender und ihrer Potenziale - somit für die nachhaltige Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Pflege - macht das Buch letztlich zu einer Pflichtlektüre für aktiv Pflegende und Verantwortliche in Pflegeeinrichtungen.