Nadine, Jessica, und Kevin: die Namen dieser gequälten Kinder sind durch Medienberichte hinreichend bekannt. Es sind dies die Opfer erziehungsunfähiger Eltern, gleichgültiger Nachbarn sowie inkompetenter und/oder säumiger Behörden. Was viele nicht wissen: Jugendämter und Gerichte entscheiden nicht selten selbst in eklatanten Fällen von Vernachlässigung, Misshandlung und sexuellem Missbrauch, die betroffenen Kinder bei ihren Peinigern zu belassen. Das bedeutet, dass in der Bundesrepublik Elternrecht häufig vor Kindesrecht, speziell Kindesschutz, geht. Dabei benötigen traumatisierte Kinder ein soziales Umfeld, das ihnen ermöglicht, in angstfreien Beziehungen ihre tiefe Verletzung zu überwinden.
Die Diplom-Psychologen Monika Nienstedt und Arnim Westermann befassen sich seit 30 Jahren mit diesem Themenbereich, gestützt auf Ergebnisse der Trauma- und Bindungsforschung und auf psychoanalytische Schlüsselkonzepte. Sie haben weit über 1000 Kinder psychodiagnostisch untersucht und bei der Eingliederung in Ersatzfamilien geholfen. Sie stellen ein dreistufiges Modell vor, das die Entwicklung traumatisierter Kinder im neuen sozialen Umfeld beschreibt und damit verständlich und einigermaßen vorhersagbar macht. Bei Trennung von den erziehungsunfähigen Eltern und Aufnahme in eine Ersatzfamilie können Entwicklungsschritte nachgeholt und Traumen verarbeitet werden. Überzeugend legen die Autoren dar, dass auf diese Weise auch schwer gestörte Kinder (wieder) beziehungsfähig werden können: Über anfangs lediglich äußere Anpassung, eine folgende Übertragungsbeziehung und schließlich eine Phase der Regression entwickeln sich Bindung und Beziehungen zwischen Kind und Ersatzeltern. In dieser "Sozialisation im zweiten Anlauf" gewinnt das Kind seine Identität als Kind dieser (neuen) Eltern, entwickelt sein Selbst, seine Ich-Fähigkeiten, sein Gewissen und seine Selbstachtung.
Allein die zahlreichen Praxisbeispiele machen das Buch zu einer beinahe unerschöpflichen Quelle für alle, die mit dem Problem der Kindesmisshandlung befasst sind. Pflege- und Adoptiveltern finden darin ein klares Handlungskonzept für die Vorbereitung und (Krisen)Bewältigung von Ersatzelternschaft. Darüber hinaus bietet es für Studium, Praxis und Supervision eine hervorragende Grundlage.
Fazit: Ein sehr empfehlenswertes Buch