Hallo,
Ich möchte heute meine Meinung zu dem Buch "Pflanzliche Notnahrung" von Johannes Vogel beschreiben. Grund dafür, dass ich das tue, ist, dass zu dem Buch erst eine Rezension existiert, und ich selbst beim Kauf meiner Bücher einen großen Wert auf differenzierte Meinungen von verschiedenen Leuten lege.
Zu mir: Ich kenne mich mit Pflanzen NICHT besonders gut aus, mein Wissen könnte man als "Basiswissen" bezeichnen. Ich habe mich bisher mit den Büchern
- "Grundkurs Pflanzenbestimmung" (Rita Lüder)
- "Exkursionsflora von Deutschland - Gefäßpflanzen: Grundband" (Rothmaler)
- "Essbare Wildpflanzen" (Fleischhauer, Guthmann, Spiegelberger)
und eben diesem Buch beschäftigt.
"Essbare Wildpflanzen" und "Pflanzliche Notnahrung" sind von der Zielgruppe meiner Meinung nach vergleichbar, also eher an Anfänger gerichtet (Lüders Buch wohl auch, allerdings ist es deutlich umfangreicher, und hat den Schwerpunkt nicht bei Ernährung, sondern bei Bestimmung von Pflanzen), daher werde hier auf Unterschiede eingehen.
In "Pflanzliche Notnahrung" findet man auf den ersten 50 Seiten Ausführungen zu Bestimmungsmerkmalen, Taxonomie, Inhaltsstoffen und auch eher survivalgerichteten Themen wie Genießbarkeitstests, Verhalten bei Vergiftungen, Sammelorten, Pflanzenheilkunde (alles stark praxisbezogen). Dabei bezieht Joe Vogel zu vielen Dingen Stellung, und erklärt seinen Standpunkt, erklärt das "Warum?", was für mich die größte Stärke des Buches ist, denn so entwickelt man als Leser auch viel schneller ein Verständnis für die Materie, als wenn man nur mit Tatsachen konfrontiert wird.
In "Essbare Wildpflanzen" hingegen werden Bestimmungsmerkmale fast gar nicht erläutert (finden sich jedoch selbstverständlich bei den Pflanzenportraits), die Inhaltsstoffe sind dort nicht ganz so umfangreich, jedoch auch ausführlich, beschrieben.
Die Pflanzenfamilien sind in "Pflanzliche Notnahrung" ausführlich beschrieben, ein zweiter großer Pluspunkt dieses Buches, denn damit entsteht auch ein größeres Verständnis für die Botanik, und die Möglichkeit der Gefahreinschätzung bei unbekannten Pflanzen einer bekannten Familie. In "Essbare Wildpflanzen" gibt es leider keine Beschreibung zu den Familien (was auch an der ein wenig verschiedenen Zielsetzung der Bücher liegt).
Die Menge der Pflanzenportraits ist in "Pflanzliche Notnahrung" allerdings nicht sehr groß. Das liegt daran, dass es nunmal kein Bestimmungsbuch ist, was zur Folge hat, dass man mit dem Buch nicht einfach auf die Wiese gehen kann, sondern fürs Training noch ein zusätzliches Bestimmungsbuch braucht (auch wenn der Leser eine Übersicht über ein paar Pflanzenfamilien erhält, und vielleicht geneigt ist, allein mit Kenntnis der Familien zum Salat holen nach draußen zu gehen, ist es UNERLÄSSLICH, das betont der Autor selbst, die Pflanze, die man verspeisen möchte, GENAU zu bestimmen (mindestens bis Gattung, besser bis Art) - und das ist mit dem Buch eben nicht möglich - abgesehen von ein paar Ausnahmen). "Essbare Wildpflanzen" legt seinen Hauptfokus auf die Pflanzenportraits, von daher ist dieses Buch dem Wesen nach besser dazu geeignet, es als alleiniges Nachschlagewerk mit in die Natur zu nehmen und Salat zu sammeln (was ich auch schon häufiger gemacht habe). Die Pflanzenportraits in "Essbare Wildpflanzen" sind demnach auch sehr übersichtlich und systematisch gestaltet und gehen stark auf die Bestimmungsmerkmale der Arten ein (darüber hinaus ist in "Essbare Wildpflanzen" zu jeder Art eine sehr gute Zeichnung vorhanden, an die die Zeichnungen in "Pflanzliche Notnahrung" in meinen Augen nicht heran reichen - hier sehe ich noch Verbesserungspotenzial). Auch sind die Sammelzeiten in "Essbare Wildpflanzen" in einer Übersichtstabelle aufgeführt, was in "Pflanzliche Notnahrung" leider nicht der Fall ist, die Sammelzeiten sind dort lediglich in den Portraits genannt (auch das fände ich eine tolle Neuerung für eine eventuelle 2.Auflage). Hier möchte ich jedoch direkt auf die Einzelportraits bei "Essbare Wildpflanzen" eingehen: Es werden manche Pflanzen beschrieben, die von Anfängern leicht verwechselt werden können (im Speziellen einige Doldenblütler). Die Pflanzenauswahl finde ich hier für den Laien unter Umständen gefährlich, auch wenn auf Verwechslungen hingewiesen wird und die Bestimmungsmerkmale sehr klar aufgeführt sind. Das ist in "Pflanzliche Notnahrung" nicht der Fall, die Doldenblütler werden mit Ausnahme von Wilder Möhre und Giersch kategorisch als Nahrung ausgeschlossen.
Leider wurde mir das Buch "Pflanzliche Notnahrung" gerade von einer anderen Pflanzenliebhaberin aus den Händen gerissen, weshalb ich auf den sonstigen Inhalt nur eingeschränkt eingehen kann:
In "Pflanzliche Notnahrung" finden sich noch Anleitungen zum Prozessieren (d.h. Verarbeiten/Verändern; zum Beispiel Auslaugen, Garen, Rösten etc.) von Pflanzen. Dieser Punkt hat mein praktisches Wissen in dem Bereich ausgebaut, und stellt für mich auch einen großen Wert an dem Buch dar, ebenso wie die Ausführungen zu den Werkzeugen (zum Mahlen etc.), mit denen die Pflanzen verarbeitet werden können.
"Pflanzliche Notnahrung" ist in meinen Augen kein Buch für Leute, die fünfmal im Jahr einen Wildsalat machen wollen, sondern für solche, die einiges an Zeit in das schwierige (!) Thema zu investieren bereit sind, was auch das Auseinandersetzen mit ausführlichen Bestimmungsbüchern einschließt. Da ich einer dieser Leute bin, war das Buch für mich auf jeden Fall eine Bereicherung und bekommt fünf Sterne.
Für Leute, die beim Survivaltraining nur mal etwas Grünzeug mit im Topf haben wollen und sich nur im mitteleuropäischen Raum aufhalten, wäre vielleicht "Essbare Wildpflanzen" die bessere Wahl.
So, nun möchte ich aber keine Zeit mehr in die Rezension investieren, ich hoffe, ich konnte einigen Interessenten bei der Entscheidung helfen.
(Die Kritik habe ich einmal editiert, ich hoffe, dass ich nun den Büchern noch mehr gerecht werde.)