Das Buch wurde aus dem Englischen übersetzt von Reinhard Ferstl. Es ist 2009 im Original erschienen unter dem Titel "The Plant Hunters" im Carlton Verlag (den Link findet man in der Produktbeschreibung). Ich halte den hochwertigen Bildband für überaus gelungen wegen der vielfältigen Illustrationen und kunstfertigen Abbildungen zum Thema Botanik, aber auch wegen der beigefügten Faksimiles von Originaldokumenten, die wie bei einem Bilderbuch herausnehmbar in Papierhüllen stecken. Das Buch steckt in einem stabilen Schuber. Alle Zeichnungen stammen aus dem reichen Fundus der Royal Botanic Gardens in Kew (südwestlich von London), sofern nichts anderes angegeben ist.
Nicht immer war es so leicht wie heute, an Pflanzen und Lebensmittel zu gelangen. Als es noch keine Massenverkehrsmittel gab, spürten Entdecker in fernen Teilen der Erde seltene Pflanzen auf. Der Besitz dieser Pflanzen konnte zum Aufstieg und zum Sturz ganzer Imperien beitragen. Das mag für uns heute unverständlich klingen, doch wenn man sich vor Augen führt, aus welchen Ecken der Erde Pflanzen nach Europa transportiert wurden und unter welchen Umständen, wird die Bedeutung von Pflanzen in unserem heutigen Leben klarer. PFLANZENSCHÄTZE führt uns sehr bildhaft vor Augen, welche Schwierigkeiten bewältigt werden mussten, bevor es zu dem Angebot kam, wie wir es heute kennen.
So erfahren wir von der Gewürzsuche in Asien vor der Zeit als es Schiffe gab, die die Welt umsegeln konnten, von Apothekergärten und Tulpenmanie, vom Pflanzensammeln als Beruf und von exotischen Neuheiten in Europas Gärten, gesammelt in botanischen Gärten. Interessant, welchen Weg z.B. Zuckerrohr, Tee, Kautschuk oder auch Opium genommen haben. Man erfährt z.B. dass man im Laufe von 350 Jahren 10 bis 15 Mio Afrikaner in die Neue Welt verschleppte, um den Bedarf an Arbeitern auf den Zuckerrohrplantagen zu decken und dass die Abschaffung des Sklavenhandels den Niedergang der Zuckerrohrindustrie im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert bedeutete. Auch die Kautschuk- oder Kaffeeproduktion gingen nicht ohne Sklavenhandel. Manche Vorkommnisse haben ihren Niederschlag sogar in der Literatur gefunden, wenn man einmal an "Die Meuterei auf der Bounty" denkt, auf der die Brotfrucht transportiert wurde. Viel Hintergrundinformationen, viel Wissenswertes - gut und übersichtlich aufgearbeitet.
In der Überschrift schrieb ich zwar "nostalgisch" und "gediegen", doch das Buch ist, was die aktuellen Entwicklungen in Sachen Umweltschutz angeht, ebenfalls auf dem Laufenden. Gleich zu Beginn wird auf die Bedeutung der Biodiversität und Artenschutz hingewiesen. Den "Rettungsmaßnahmen für die Pflanzenwelt" ist ein eigenes Kapitel gewidmet, ebenfalls wieder mit historischem Rückblick. Die Problematik der sich immer mehr ausbreitenden Neophyten (unerwünschte, nicht heimische Pflanzen, die andere Arten verdrängen) ist ebenfalls dargestellt, wobei nur ein kleiner Teil der betreffenden Pflanzen genannt ist. Das "Indische Springkraut", das in Süddeutschland schon sehr weit verbreitet ist, ist gar nicht genannt.
Dennoch - ein überwältigendes Buch - das optimale Geschenk für einen Pflanzenliebhaber. Einfach reizend z.B. der Auszug aus einem Brief von Marianne North mit einer kleinen Skizze, die sie unter einem Baum sitzend und malend zeigt oder die älteste bekannte Karte von Kew Gardens aus dem Jahre 1754 von dem Franzosen Jean Rocque. Besser kann man das wohl nicht machen.