Geranien, Dahlien, Hortensien, Kakteen - sie alle wachsen und blühen in unseren Gärten und Gewächshäusern. Aber auf welche oft abenteuerliche Weise viele dieser Pflanzen nach Europa gelangt sind, ist meistens unbekannt. Anhand von acht Kurzbiographien gehen die Autorinnen Kej Hielscher und Renate Hücking dieser Frage nach. Sie beschreiben das bewegte Leben von "Pflanzenjägern", Menschen, die einen grossen Teil ihrer Existenz der Jagd nach neuen, in Europa noch unbekannten Pflanzenarten widmeten.
Der Hunger der westlichen Welt nach neuen Pflanzen hat eine lange Geschichte. Einen ersten grossen Schub erhielt er durch die Gründung botanischer Gärten, die, zumeist Universitäten angegliedert, den Bedarf der medizinischen Fakultäten nach Heilpflanzen decken sollten. Mit Beginn der Aufklärung überwog zunehmend das wissenschaftliche Interesse: Die Flut neuer Pflanzenarten, insbesondere aus der Neuen Welt, rückte die Beschreibung und Systematisierung in den Mittelpunkt. Gleichzeitig wurde das private Sammeln exotischer Pflanzen immer populärer, die "Zierpflanze" kam in Mode. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts erlaubte dann die technische Neuerung des beheizten Glashauses auch gewöhnlichen Bürgern, Beispiele tropischer Vegetation mit eigenen Augen zu sehen. An einem kalten Wintertag in die dampfende Hitze eines Palmenhauses zu treten, in dem merkwürdige Blüten wuchsen, riesenhafte grüne Blätter gegen die Scheiben drückten und jener Geruch von Fruchtbarkeit und Zerfall zugleich herrschte, das bezauberte viele und regte ihre Phantasie an. Die neuartigen Gusseisen-Strukturen, wie das grosse Palmenhaus in Londons Kew Garden, lockten selbst Besucher vom europäischen Festland an. Und heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, interessieren sich zunehmend Pharma- und Kosmetikunternehmen für die pflanzlichen Wirkstoffe der artenreichen Apotheke Regenwald.
Ein grosser Verdienst dieses Buchs ist es, die vermeintlichen B-Promis der Pflanzenjägerszene in den Mittelpunkt zu stellen. Dass Alexander von Humboldt ein leidenschaftlicher Weltenbummler und begnadeter Naturforscher war, ist weitgehend bekannt; dass Chamisso an einer Weltumseglung teilnahm, weiss auch so mancher Literaturfreund. Aber wer kennt schon Paul Hermann, der als Arzt der Niederländischen Ostindien-Kompanie in Südafrika und auf Ceylon auf Pflanzenjagd ging? Oder Philipp Franz von Siebold, der aus Japan Clematis, Kerria und Hortensien nach Europa schmuggelte und später der Spionage angeklagt wurde? Sehr lesenswert ist auch das Kapitel über Amalie Dietrich, einzige Frau unter den Beschriebenen, die aus Australien ihre Hamburger Auftraggeber nicht nur mit Pflanzen, sondern mit zahllosen Skeletten von Aborigines versorgte. Dass Pflanzenjagd eine Tätigkeit ist, die neben der Bereitschaft zum Verzicht durchaus ein gewisses Mass an Besessenheit und Rücksichtslosigkeit erfordert, zeigen die Biographien dabei nur zu deutlich.
Um diese Rezension mit einem verdienten Lob an die Autorinnen zu schliessen, die schlechte Nachricht an dieser Stelle: Leider hat "Pflanzenjäger" nicht das Lektorat gefunden, das es verdient hätte. Viele, allzu viele Fehler finden sich bereits in den Kapiteln über Humboldt und Chamisso. So lassen die Autorinnen, historisch korrekt, den grossen Humboldt im Alter von 89 Jahren versterben, ihn jedoch zwei Kapitel später als 90-jährigen munter Briefe schreiben. Auch liegt die Stadt Caracas nicht 2700 Meter hoch, sondern fast 2000 Meter tiefer - wie sonst hätten Humboldt und Bonpland von Caracas aus den laut Buch 2631 Meter hohen (in Wirklichkeit fast 400 Meter niedrigeren) Avila besteigen sollen? Weiterhin kommt die Montezuma-Rose nicht wie beschrieben aus den Anden, sondern entstammt, wie auch Montezuma selbst, dem mexikanischen Hochland (zumal Rosen auf der Südhalbkugel nicht heimisch sind). Und Chamisso war auf dem Weg von Coppet bei Genf nach Berlin zwar in den Alpen, musste diese aber sicherlich nicht "überqueren". Dass im Kapitel über den Kakteensammler Curt Backeberg die Stadt Wilna kurzerhand nach Ostpreussen verlegt wird, wundert einen dann schon nicht mehr. Wohlgemerkt, diese Unachtsamkeiten gehen auf das Konto des Lektorats und sind nicht den Autorinnen anzurechnen. Denn trotz dieser Patzer ist "Pflanzenjäger" ein wunderbar lehrreiches, schön illustriertes und spannend geschriebenes Buch. Wer es gelesen hat, wird unsere heimischen Gärten mit mehr Aufmerksamkeit und Genuss betrachten. Deshalb fünf Sterne und einen grossen Blumenstrauss für die Idee der Autorinnen zu diesem Buch und ihre ausgezeichnete Arbeit!