"Pfisters Mühle" spielt häufig auf deutsche Mühlenromantik und -idyllik an, verwahrt sich aber gegen jegliche Rührseligkeit. Denn die alte Mühle in diesem Buch ist ja sowieso schon nicht mehr richtig "urig" sondern hat sich in ein Ausflugslokal für Städter gewandelt, hat also schon etwas die Geschichte touristisch Ausbeutendes an sich. Trotzdem--noch ist genug von der alten Geschichtsverbundenheit übrig, noch ist die Natur rundherum schön und klar genug, so daß die Verschmutzung des Mühlbaches und, letztlich, der daraus entstehen Verlust der Mühle, um den sich hier alles dreht, doch als sehr bedauernswert empfunden werden muß. Zwar hat die Mühle schon viele schlechte Zeiten durchgestanden (z.B. den Siebenjährigen Krieg), aber so etwas ist dennoch nie in der ganzen Bestehungsgeschichte vorgekommen: das Wasser selbst, symbolisch, wie auch ganz wirklich, der Quell allen Lebens, ist verdorben. Es tut sich etwas in der Geschichte, ein Umbruch von nie zuvor gekannten Ausmaßen, von nie zuvor gekannter Tiefe und Schärfe, eine Vergiftung der Natur, des Lebensurgrundes, an sich. Damit ringen die Figuren in diesem Buch, ganz ehrlich und charaktervoll, sich so gut wie möglich gegen ein Übermaß an Selbstmitleid entschließend. Wir moderne Menschen, mit sehr begrenztem Zugang zu einer wahrhaft verwurzelten, natürlichen Daseinsweise, auch wir müssen mit diesem geschichtlichen Umbruch und seinen Folgen ringen, wenn wir auch nichts anderes kennen als eben diese von aller traditioneller Lebensweise gelöste Welt.
Der Erzähler verbringt den letzten Sommer vor dem Abbruch der Mühle in seiner alten Kindheitsstätte, und zwar mit seiner jungen, unsentimentalen, lebensfrohen, neunzehnjährigen Braut, einer echten Berlinerin und somit ein Großstadtmensch. Diese Ehesituation erzeugt eine interessante Dynamik und Gefühlsspannung; die Gegenwart seiner Frau ermöglicht es dem Erzähler inmitten des Verlustes doch noch voll an der Lebensfreude festzuhalten.
Ein sehr komplexes Buch in dem unnachahmbaren ironischen Ton Raabes erzählt... Äußerst lesenswert.