Wenn so viele Jahre nach den allseits bekannten Zirkuslektionen-Klassikern (Borelle, Wiemers, Penquitt) eine Neuerscheinung zu diesem Thema auf den Markt kommt , verspricht sich der neugierige Pferdebesitzer davon dann nicht wenigstens ein bißchen Neues? Jedenfalls bei mir war das so, und folgendes habe ich festgestellt:
Wie vom Cadmos Verlag gewohnt, ist das Buch sehr ansprechend aufgemacht, mit stimmungsvollen Fotos und einer übersichtlichen Gliederung. Das Kapitel Anatomie und Sinnesphysiologie" (vermutlich von den Kollegen geschrieben?) liest sich für den Laien verständlich und bespricht die wichtigsten Gesichtspunkte.
Von den Kapiteln zu den Zirkuslektionen sind aus meiner Sicht lediglich diejenigen über die Biomechanik von Interesse für den Leser. Diejenigen zur Ausbildung bleiben so gut wie jeden praktischen brauchbaren Rat schuldig. Zwar schreiben die Autoren ausdrücklich keine Gebrauchsanweisung" geben zu wollen, weil die Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Trainer ohnehin unerlässlich sei (dem stimme ich absolut zu). Was sie an Trainingsanleitungen dann aber doch geben, birgt jede Menge Gefahren. Als Beispiel sei erwähnt, wie ein Pferd in das Kompliment gebracht wird: Wir heben das Vorderbein und halten es mit der um den Bauch gewundenen Zirkuslonge gebeugt fest. Danach richten wir das Pferd durch leichte Paraden am Zügel rückwärts ...., bis sein Karpalgelenk ganz kurz den Boden berührt." (S. 53) Ich stelle mir lebhaft vor, wie ein 600 kg - Pferd, welches lediglich durch Beinaufheben (ohne Longe!!!) und Rückwärtsrichten vorbereitet wurde, daraufhin in die Tiefe sinkt! Natürlich ohne Locken" mit Futter! Was hat rückwärts mit runter zu tun? Psychisch und körperlich? Wie leicht" bleiben da die Paraden, vor allem bei solchen Pferdebesitzern, die wie Herr Hellmayr ganz durchdrungen sind davon, dass das Pferd vor allem Respekt zeigen soll?
Und was ist mit der Biomechanik? Da schreiben die Autoren (S. 56): ... wird vor allem das Schultergelenk in eine extreme Streckung gebracht und damit die thorakalen Schultergürtelmuskeln gedehnt." Stimmt ja auch - doch welchen Effekt hat es wohl, wenn 400 kg Rumpf an eventuell verkrampften thorakalen Schultergürtelmuskeln hängen?.. - ohne vorbereitende Dehnübungen und ohne sichergestellt zu haben, dass keine Schulterblockaden vorliegen?
Da lese ich auf S. 43 zum Kompliment, ... können wir ihm zeigen, dass diese Übung ungefährlich ist und sogar Spaß macht, weil sie natürlichen Dehnungsbewegungen entspricht, ...".Dem stimme ich ebenfalls zu, doch: das Gefühl für diese Dehnungsbewegungen haben wir ihm also durch still stehen, rückwärts treten und Beine heben gezeigt? Fazit: Der Zusammenhang von Biomechanik und Ausbildung bleibt offen. Was sagen die Kollegen aus der Physiotherapie und der Chiropraktik dazu?
Ferner sehe ich, dass all die so richtigen Beobachtungen über natürliches Verhalten und Sinne ebenso völlig isoliert für sich dastehen und nirgendwo mehr mit einer der Lektionen in einen konkreten Lern-Zusammenhang gebracht werden. Das Eingehen auf die Psyche beschränkt sich auf Geduld, kleine Schritte und Respekt.
Ich kann nicht anders, ich muss noch einmal zitieren: ...Lehrmeinungen, die starre, immer gleiche Kommandos und Rituale vorschreiben, auf die das Tier gedrillt" wird, bis sie im Schlaf sitzen". Diese Auffassung vom Lernen stammt aus dem Militärischen und der daraus entwickelten Verhaltenspsychologie, die unter Dressur eine maschinenhafte Reaktion auf stereotype Signale versteht, die sogenannte Konditionierung" (nach Skinner). Doch dadurch bekommt man ein stumpfsinniges, innerlich unbeteiligtes Pferd, ..." (S. 62 im Rahmen). Also das Militär hätte die Verhaltenspsychologie entwickelt? War Skinner General? Wehe den vielen psychisch und körperlich Kranken, die im Delphintraining neuen Lebensmut suchen - bei diesen abgestumpften Delphinen, die mittels operanter Konditionierung ausgebildet wurden.... Wie können zwei medizinisch ausgebildete Koautoren unter solch mehrfach blanken Unsinn ihre Unterschrift setzen!
Disqualifizierende Äußerungen, die dazu noch sachlich unrichtig sind, finden sich mehrfach, so zum Beispiel besonders vehement gegen Trainer, die Leckerchen geben (z.B. S. 38, S. 50 im Rahmen). Dort finden die Autoren, Leckergaben seien nach der Übung sinnvoll als Bestärkung" - womit die völlige Unkenntnis der Arbeit der Konditionierer und ihres Fachvokabulars trefflich demonstriert wäre.
Wenn man schon Kollegen an den Pranger stellen will (was sich jemand, der ein Lehrer sein will, gut überlegen sollte), dann müssen die Argumente mehr als hieb- und stichfest sein.
So bewährt sich wieder der Rat des Philosophen, der sagt: Bevor man etwas von sich gibt, sollte man es verdaut haben.
Und was habe ich jetzt Neues gelernt? Das Buch benennt bereits seit Jahren veröffentlichte Inhalte mit dem inzwischen in Mode gekommenen Wort Biomechanik" - eine inspirierte Leistung? Auch die Mitwirkung der Ko-Autoren kann nicht darüber hinweg täuschen, dass die vorgestellten Ausbildungsvorschläge lerntheoretisch archaisch sind. Fazit: Ein neues Buch mit überholten oder längst bekannten Inhalten.