Pressestimmen
(Andrea Weindl, H-Soz-u-Kult 2011-3-139, 6.9.2011) Die Erforschung historischer Netzwerke hat in den letzten Jahren an Popularität gewonnen. Vielen Autoren gilt alles als ein Netzwerk, wie Kalus ganz richtig zu Beginn seiner Untersuchung feststellt. Doch den wenigsten gelingt es, "konkrete Verflechtungen aufzuzeigen [...] oder diese gar [zu] visualisieren" (S. 3). Diesem Desiderat abzuhelfen, hat sich der Autor in seiner an der Universität Jena angenommenen Dissertation zur Aufgabe gemacht. Exemplarisch soll der so genannte "Europakontrakt" der Fugger und Welser mit der portugiesischen Krone von 1591 bis 1593 einer Netzwerkanalyse nach einer von ihm entwickelten, computergestützten Methode unterzogen werden. Der Europakontrakt regelte den Verkauf des in Asien erstandenen Pfeffers in Europa und wurde zwischen dem portugiesischen König und einem Handelskonsortium geschlossen, an dem sich verschiedene Handelshäuser beteiligten, unter anderem die Augsburger Welser und Georg Fuggerischen Erben. Kalus' Methode weist dabei weit über das konkrete Beispiel hinaus und soll Historikern, Sozialwissenschaftlern oder historischen Fachinformatikern ein Instrumentarium an die Hand geben, das eine präzise Rekonstruktion von Netzwerken sowie deren Analyse erlaubt. […] Das von ihm entwickelte System "histcross" kann, nach verschiedenen Zusammenhängen befragt, diese graphisch darstellen und erlaubt die Interpretation der Graphiken. So lassen sich wechselseitige Beteiligungsstrukturen einzelner Firmen, Gesamtnetzwerke, die sich nach geschäftlichen und familiären Beziehungen unterscheiden, oder eben Einzelnetzwerke wie die des Pfeffer- oder Kupferhandels darstellen. Natürlich können die verschiedenen Netzwerke auch nach Belieben verknüpft werden. Im zweiten Teil der Netzwerkanalyse, in dem sich der Autor dem Unternehmen Georg Fuggersche Erben widmet, untersucht er vor allem die "innerbetriebliche Kommunikation" zwischen Zentrale, Faktoren, Agenten und Korrespondenten. Brieffrequenzen, Inhalt usw. werden einer Analyse unterzogen, wobei der Darstellung dieses Parts kaum mehr Graphiken dienen, sondern herkömmliche Tabellen. Kalus beschreitet mit seinem "histcross" neue Wege in der Netzwerkforschung und bietet möglicherweise für Fragestellungen, bei denen eine große Menge historischer Daten verarbeitet werden soll, ein System, das das Zusammenfügen und Ordnen dieser Daten erleichtert. So könnten auch die Ergebnisse unterschiedlicher Forscher(gruppen) zusammengefügt und zu sinnvollen Analysen genutzt werden. (Ekkehard Westermann, Mitteilungen des Vereins zur Geschichte der Stadt Nürnberg, 98 (2011)) ... Das im zweiten Teil entwickelte methodische Instrumentarium weist mehrere Vorzüge auf. Die aus Literatur und Quellen ermittelten Namen von Kaufleuten wurden auf 33 Seiten im Profil der Netzwerkakteure zusammengestellt und bieten damit eine systematische Sammlung, auf der weitere Forschungen unbesehen aufbauen könnten. Ihre Verwendbarkeit wurde im Laufe der Arbeit je nach spezifischem Markt bzw. andersartiger Fragestellung in Form von verschiedenen Netzwerken umsichtig und überzeugend belegt. Damit sichert der Autor nicht nur durch rund 50 Abbildungen (einige der 54 Abb. sind nämlich Karten) eine willkommene Anschaulichkeit bei der Präsentation und eine Übersicht über die Vernetzungen "auf einen Blick", sondern er trägt dadurch wesentlich zu einer höheren Vergleichbarkeit qualitativer Informationen bei. Da vor Einreichen der Dissertation die ersten Ansätze dieses neuartigen Zugriffs auf Quellen und Literatur, ihrer Aufbereitung und Präsentation bei verschiedenen Kongressen, Tagungen und Arbeitstreffen zur Diskussion gestellt wurden, hat sie - und das ist ungewöhnlich für eine Doktorarbeit - eine ganze Reihe von Tests durchlaufen. Das so gewonnene, zur digitalen Nutzung unter histcross angebotene Instrumentarium, ist also schon ein vielfach erprobtes und daher ausgereiftes Endprodukt der methodischen Mühen des Autors. Es steht also als Herausforderung zur Anwendung auf ganz anderen Feldern der Forschung bereit. (Wilfried Reininghaus, Archiv und Wirtschaft, 4/2011) Die Arbeit vermittelt trotz der langen Textpassagen auch wegen der beigefügten Profile der Netzwerkakteure einen lebendigen Eindruck von der Weite des europäischen und deutschen Handels im späten 16. Jahrhundert.
Kurzbeschreibung
Die vorliegende Studie analysiert die damaligen Handelsnetzwerke mit Hilfe einer neuen computergestützten Methode, der sogenannten semantischen historischen Datenbank.Wesentliche Triebfeder des "Zeitalters der Entdeckungen" im 16. Jahrhundert war die europäische Nachfrage nach asiatischen Gewürzen wie Pfeffer und Muskat. Die portugiesischen Expeditionen nach Indien wurden daher bereits früh von Kaufleuten begleitet und finanziert. Insbesondere die großen europäischen Firmen der damaligen Zeit beteiligten sich am Gewürzgeschäft. Neben Italienern und portugiesischen "Neuchristen" waren auch Oberdeutsche wie die Welser und Fugger aus Augsburg involviert, nicht zuletzt weil die Oberdeutschen die für den asiatischen Handel wichtige Tauschware Kupfer lieferten. Durch den international organisierten Handel bildeten sich formale und informelle Netzwerke zwischen den Firmen und deren Angestellten.
Die vorliegende Studie analysiert solche Netzwerke mit Hilfe einer neuen computergestützten Methode, der sogenannten semantischen historischen Datenbank. Prototypisch wurde der bislang nur wenig erforschte Europakontrakt von 1591 herangezogen und dessen Akteure aufgedeckt. Besonderes Augenmerk richtete sich dabei auf die Firma der "Georg Fuggerischen Erben" sowie deren Angestellte und Geschäftspartner. Außerdem wurde untersucht, inwieweit die Erkenntnisse dieser Fallbeispiele Allgemeingültigkeit besitzen könnten. Dazu wurde die Situation der Kaufleute innerhalb und außerhalb Europas im späten 16. Jahrhundert durchleuchtet und überraschende Befunde gesichert.