Das Buch ist ein literarisches Ereigniss, zumal es erst vor einigen Jahren für russische und kürzlich endlich für deutsche Leser verfügbar wurde.
Der Roman schildert vierundzwanzig Stunden aus dem Leben des Studenten und Kant-Adepten Nikolaj Apollonowitsch Ableuchow. Verliebt in eine verheiratete Frau lebt er 1905 bei seinem Vater, einem hohen Beamten: die Mutter ist mit einem italienischen Künstler durchgebrannt. Grotesk geht es zu, weil Nikolaj von einem einst ggebenen Versprechen eingeholt wird, das er revolutionären Kreisen gab: von denen erhält er nun den Auftrag, den eigenen Vater umzubringen. Das Ungeheure nimmt seinen Lauf - oder ist es nur ein "Hirnspiel" wie der Schauplatz Petersburg selbst, diese allerphantastischste Stadt der Welt?
Geschrieben von 1911 bis 1913 durfte der Roman erst 1981 in Russland verlegt werden. 33 Jahre alt war Belyj als "Petersburg" veröffentlicht wurde, zuerst erschien es in Berlin, wo Belyj zwei Jahre verbrachte. 1940, sechs Jahre nach dem Tod des Schriftstellers, durften seine Werke in der Sowjetunion nicht mehr veröffentlicht werden.
Der Autor selbst war Moskauer, besuchte 1905 erstmals Petersburg, um die Aufführung von Wagners "Parzival" zu sehen. Die Stadt hat eine innere Spannung, die schnell zu spüren, doch schwer zu begreifen ist: zur selben Zeit brachen in der damaligen russischen Hauptstadt blutige revolutionäre Unruhen hervor. Herrlich an dem Buch sind die Dialoge, das Werk ein polyphones, von Groteske und Parodie durchzogenes Sprachkunstwerk, der Autor malt Landschaften, den "giftigen Oktober", dass man ihn tatsächlich bunt vor Augen hat.
Boris Nikolaevyj Bugaev alias Andrej Belyj (1882- 1934), den man nicht zu Unrecht mit James Joyce verglichen hat, ist bis zu diesem Buch in Deutschland weitgehend unbekannt, da sein ebenso umfangreiches Werk bislang nur punktuell und in sprachlich nicht überzeugenden Übersetzungen vermittelt worden ist. Apropos Joyce: "Petersburg" gefällt mir weitaus besser als "Ulysses", lässt sich dieses Buch doch weitaus einfacher lesen und hat meiner Meinung nach auch eine poetischere Sprache sowie überzeugendere Charakterschilderungen (auch eine interessantere Handlung). "Petersburg" - endlich in adäquater Übersetzung - ist ein wahrer Kunstgenuss für den Leser.