P.J. Hogans neuester Film ist Kino sowohl für jung und alt - und der Film ist ein Geniestreich, im Vergleich zu Disneys zuckersüßer Fassung oder Spielbergs Hook.
'Peter Pan' ist der Film, den Spielberg hätte machen wollen, doch fällt Hogans im Gegensatz zu Spielbergs starbesetztem Werk noch viel fantasievoller aus.
Denn wer nach dem Film keine Lust hat, einmal mit Peter und Tink ins Nimmerland zu reisen, dem ist echt nicht mehr zu helfen.
Bislang wurden in den Verfilmungen für die Rolle des Peter Pan entweder Mädchen genommen oder ein gealterter, wenn auch sehr sympathischer Robin Williams. Star des Filmes ist, neben seinem Widersacher Hook, auf jeden Fall Jeremy Sumpter als der Pan. Dieser spielt sogar die männliche Konkurrenz wie Daniel Radcliffe locker an die Wand - mal kindlich verspielt, mal machohaft, mal verletzlich mit geprügelter Hundemiene, und dann wieder ein jugendlicher Verführer oder hartgesottener Kämpfer - Sumpter kann in jeder Minute und jeder Gefühlsregung begeistern.
Und mit Sicherheit wird Sumpter auch der nächste große Schwarm aller pubertierenden Mädchen, denn trotz seiner jungen Jahre sieht er schon wirklich gut aus.
Doch was wäre eine Welt wie Nimmerland ohne einen entsprechenden Bösewicht? Ich präsentiere den bösen Barrakuda, den stahlhändigen Stachelrochen - Kapitän James Hook aka Jason Isaacs.
Seit seiner überragenden Darstellung des Colonel William Tavington in Roland Emmerichs "Der Patriot" wird der Brite gerne, zuletzt in der Rolle des Lucius Malfoy in Harry Potter und die Kammer des Schreckens, als Bösewicht eingesetzt. Wer meinte, nur Dustin Hoffman wäre dazu in der Lage, Hook zu spielen, der irrt. Denn Isaacs flößt dem rachsüchtigen Hook auch Menschlichkeit ein, ja, macht ihn sogar sympathisch.
Doch damit nicht genug, so erscheint Isaacs sogar in einer Doppelrolle - und dies nicht ohne Grund: So spielt er zugleich den Vater Wendys, einen Bankangestellten, der sogar Angst vor seinem eigenen Schatten hat. Diese Gratwanderung zwischen schüchternen Familienvater und Bösewicht zu spielen war sicherlich eine noch größere Herausforderung, als nur den Piratenkapitän zu mimen. Und damit kann Isaacs sogar noch vor Hoffman punkten, dem in "Hook" ein wenig mehr Gefühl und Menschlichkeit verwehrt geblieben ist.
Rachel Hurd-Wood ist genauso umwerfend, neben ihrer Schönheit (dem perfekten Kussmund und den stahlblauen Augen), kann sie genauso wie ihr Filmpartner Sumpter überzeugen. Besonders in den Szenen zwischen Peter und Wendy, in denen sich beide mal zärtlich verlangende oder verspielte Blicke zuwerfen.
Tatsächlich entpuppen sich Sumpter und Hurd-Wood als wunderschönes Paar zwischen dem die Chemie perfekt aufeinander abgestimmt ist: Der überaus romantische Tanz der beiden und der von den Zuschauern von der ersten Minute ihres Aufeinandertreffens an erwartete Kuss sind zauberhaft und dürften wohl keinen kaltlassen.
Zu erwähnen seien auf jeden Fall noch die beiden Darsteller Harry Newell und Freddie Popplewell, die John und Michael, Wendys Brüder, spielen, und ebenso göttlich wie die Hauptdarsteller herüberkommen.
Olivia Williams darf sogar ein paar hommageartige Sequenzen, die an ihre Rolle in "Sixth Sense" erinnern, spielen.
Und Ludivine Sagnier als Peter Pans Tinkerbell/Glöckchen gibt die Elfe weitaus leichtherziger als Julia Roberts und noch wesentlich fantastischer, als die Disney-Version je dargestellt wurde.
Zeitalter der Magie:
Früheren Verfilmungen mangelte es an den entsprechenden Special-Effects.
Doch die Computer machen's möglich, Nimmerland, Elfen, fliegende Kids, und ein riesiges Krokodil, das garantiert keiner als Kuscheltier haben will, endlich so umzusetzen, wie J.M. Barry es sich vorgestellt haben mag.
Sagnier wirkt nicht wie extra ins Bild kopiert oder vor einer Leinwand spielend, die rosa Wolken laden zu einem Picknick in luftiger Höhe ein und, besonders schön, Peters und Wendys Tanz vor Mond und Sternenzelt des Himmels.
Doch dies alleine reicht natürlich noch nicht, denn obschon die Effekte toll sind, so runden die liebevoll gestalteten Kulissen, wie die Jolie Roger und Hooks Kajüte, oder das Versteck der verlorenen Jungen, knallig eingesetzte Farben und schöne Kamerafahrten Hogans bildgewaltiges Märchen erst ab.
Die Maske tat ihr übriges, denn die Piraten z.B. sehen schon wirklich nach einer Mischung aus furchterregend und kurios aus. Und bei Isaacs wird einem gelegentlich gar nicht klar, dass er eigentlich zwei Rollen spielt...
Die Kampfchoreographie hatte es sicherlich auch nicht einfach, doch sind die Duelle zwischen dem fliegenden Peter und seinem Widersacher Hook perfekt umgesetzt.
Hogan und Crew zogen also alle Register ihres Könnens, und so ist die technisch und schauspielerisch perfekte Inszenierung ein Augen- und Ohrenschmaus.
Ohrenschmaus deswegen, weil James Newton Howards (Schatzplanet, Atlantis) Score für die entsprechende emotional-musikalische Untermalung sorgte: Flying, Learning to fly sowie Fairie Dance und I do believe in fairies sind die wohl besten Tracks seiner Komposition.
Und auch der Witz kommt nicht zu kurz - kaum eine Szene ist nicht erfüllt von einem Schmunzeln bis hin zum schallenden Gelächter...aber seht und lacht selbst.
Ein Kuss:
Ist Freud ins Nimmerland eingezogen? Eigentlich gehöre ich nicht zu denen, die alles sexuell interpretieren, doch die Anspielungen und die symbolischen Abbilder sind wohl mehr als eindeutig:
Hook und Pan praktisch als zwei Seiten derselben Medaille - Pans Erzfeind ist letztlich seine eigene Furcht vor dem Erwachsenwerden, denn in ihm sieht er nur das Altsein und die Einsamkeit.
Pan hingegen wird von Hook wegen seiner jugendlichen Unbekümmertheit verabscheut, da er das repräsentiert, was Hook entflohen ist, und der Pirat das auslöschen will, was ihn am meisten daran erinnert. So ist das Krokodil mit der verschluckten Uhr Hooks Todessomen, denn er hat Angst vor der Zeit, die ihm davontickt.
Zugleich aber, und nun darf sich Freud tatsächlich austoben, spiegeln Pan und Hook auch Wendys eigenen Zwiespalt wieder, der sie ereilt, nun, da sie zu einer Frau heranreift.
Peter hat das Feuer der Jugend, doch steht ihm die Unbeschwertheit eines Kindes im Wege, Wendy zu erreichen. Der über ihrem Bett schwebende Junge, das Vater-Mutter-Kind-Spiel und natürlich Wendys glücklicher Gedanke, der sie zum Fliegen bringt, all das als Ausdruck eines Mädchens, dass sich gerade auf des Messers Schneide zwischen Kindsein und Frausein befindet.
Hook hingegen ist die verantwortungsvolle Vaterfigur, und nun wird auch klar, warum Isaacs zugleich Mr. Darling spielt, die wohl jede Frau in ihrem Mann sucht.
So verzehrt sich aber nicht nur Wendy mal nach dem einen, mal nach dem anderen -natürlich meist eher nach dem Pan - sondern auch Peter steckt in einer jugendlichen Krise: ein Junge, zu alt, noch Kind, und zu jung, ein Mann zu sein.
Doch genau letzteres zeigt sich immer wieder, bis das Kind durchbricht, das doch nur Spaß haben will, aber die Verantwortung fürchtet, während der Mann in ihm Wendy unbedingt haben will.
Tinks Widerauferstehung durch Peters Rufe "I do believe in fairies. I do! I do!!" sind wohl dann auch so zu verstehen, dass der Junge in jener Szene sein Herz erst richtig entdeckt - mit Tinks Tod stirbt Peter innerlich mit ihr, denn der Himmel färbt sich schwarz, und die See wird aufgewühlt, und nur die Tatsache, das Gefühl der Liebe letztlich zuzulassen, bringt seine Elfe wieder zurück. Denn nach dem Dunkel des melancholisch tristen Tages herrscht auf einmal wieder Sonnenschein im Kino.
Schade nur, dass Peters Zwiespalt keine Auflösung findet und er weiterhin mit seinen inneren Dämonen kämpfen wird - denn wie schon Erich Kästner sagte:
Die meisten Erwachsenen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie und denken nicht mehr daran, dass sie jemals existiert hat. Aber nur, wer erwachsen wird und ein Kind bleibt ... ist ein Mensch.
Persönlich gefällt mir der Gedanke, dass Peter, im Gegensatz zu dem, was Wendy als Erwachsene im Off erzählt, vielleicht doch zu ihr zurückgefunden hat.
Trotz dieser Andeutungen, die eindeutig zweideutig in die Richtung Sexualität abzuzielen scheinen, ist der Film noch immer für Kids um die zehn Jahre geeignet. Die Altersfreigabe ab sechs im Kino lief nicht ohne ein paar Schnitte ab, die aber durch die Extended Version wieder wettgemacht werden.
"Peter Pan" ist rundum gelungenes Kino für die ganze Familie ab zehn Jahren, Kinder, die jünger sind, sollten wohl lieber erst einmal die Disney-Fassung ansehen.
Ein wunderschöner, farbenfroher, mal düsterer, mal heiterer, und auch inhaltlich überzeugender Film, der sichtlich näher am Original arbeitet, als alle anderen. Ein Film über das Erwachsenwerden und die Sehnsucht, sich seine Kindheit zu erhalten, den gerade auch die älteren Zuschauer nicht scheuen sollten - im Gegenteil.
Fazit:
Volle 5 Sterne, denn es ist schwer, mich rundweg zu begeistern und dergestalt aus dem Kino schlendern zu lassen, dass ich am liebsten selber ins Nimmerland reisen würde....