25 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein liebevoll-wunderbarer Sternenflug... (NIE entsprechend verfilmt!), 1. Mai 2008
Peter Pan lernte ich zuerst als Zeichentrick-Verfilmung kennen. Und: Etliche USA-Kinderfilme zitieren bei dort stattfindenden Kinder-Aufführungen die Sequenzen mit dem "abgerissenen Schatten" Peter Pans, der dann von Wendy wieder angenäht wird, dem Fingerhut-Kuß und Nimmerland-Erzählungen. Über allem steht eine Verklärung des Immer-Kindseins, des Nie-Erwachsenwerden-Wollens, und alle anwesenden "guten" Erwachsenen lächeln gerührt und mit tränenfeuchtem Auge.
Es folgte der Spielfilm Hook, in dem R. Williams wieder "zum Kind" wird. Was in seinem Fall bedeutet, er kräht, guckt debil durch die Gegend, tobt rum, wie es garantiert kein Kind normalerweise jemals tun würde, und schmeißt mit Essen. Das ist dann also das herzerwärmende Kindliche. - Davor hat Hook also Angst. - Ich verstand ihn sofort.
Doch dann las ich das Buch. Ich erwartete, schon mal durch die Filmvorbereitungen vorurteilsgeladen, einen bonbonbuntsüßen Kitsch von "Kind ist gut, Erwachsen schlecht, und Kindheit ist ein einzig farbenüberladener Rummelplatz mit rund-um-die-Uhr-Zirkus."
Aber ich wurde überrascht von einem der warmherzigsten, humorvollsten,
hintergründigsten, ehrlichsten Kinderbücher, die ich je erleben durfte!
Familie Darling - Vater, Mutter und drei Kinder - ist eine liebenswert normal verrückte Familie. Da man sich kein Kindermädchen leisten kann, muß der Hund diese Pflichten übernehmen. Und der Hund legt sich rührend ins Zeug, wechselt Windeln, achtet auf gesunde und gesittete Nahrungsaufnahme und vernünftige Kleidung bei schlechtem Wetter. Er ist wesentlich genauer und aufmerksamer als seine menschlichen Kolleginnen auf dem Spielplatz!
Bis dann aber das Unglück passiert: Der kleine Sohn soll Medizin nehmen und will nicht. Der Papa wirft ihm Feigheit vor und soll nun selbst zeigen, daß er diese Medizin sofort schlucken würde! - Dummerweise mag aber auch der Papa keine Medizin... Er schüttet sie also dank einer Blitzidee dem Hund in den Futternapf... Der Hund hat das nicht gemerkt, hält das Zeug für Milch und verläßt geschockt-anklagend den Raum, als er die bittere Plörre ahnungslos geschleckt hatte.
Nun steht Papa als Betrüger und Feigling da! Tief im Selbsthader, muß er nun seine Autorität zurückerobern und sperrt den Hund zur Strafe für dessen Illoyalität in die Hundehütte!
Die Reue kommt noch am selben Abend und ist lang: Vom Hund unbewacht, kommt justamente zu dieser Zeit Peter Pan vorbei und nimmt Wendy und ihre kleinen Brüder in sein Nimmerland mit... Besonders der Hund ist bekümmert: Ach, hätte er doch schneller begriffen! Ach, hätte er doch nur so getan, als hätte ihm die Medizin geschmeckt! Dann hätte er Mr. Darling diese Beschämung erspart und ihn nicht zu seiner Autoritätsbekundung getrieben...
Peter Pan allerdings hat großes Glück: Er guckt ja nachts gerne in Fenster, und diesmal ist er halt zu Wendy geflogen. Sie erwacht, weil er bei ihr seinen Schatten verloren hat und nun weint. Wendy, sehr müttlich-fürsorglich, näht ihm den Schatten wieder an. Betroffen hört sie, daß Peter keine Mutter hat, und auch alle seine Jungs im Nimmerland nicht... Und Peter will so gerne eine Mutter... Gerne ist sie bereit, Peter in sein Land zu folgen und den verlorenen Jungs dort eine Mutter zu sein...
Peter nimmt also seine neue Mutter Wendy und als Beigabe auch deren Brüder mit ins Nimmerland. Dort leben, wie gesagt, nur Jungs. Die sind alle irgendwann mal aus dem Kinderwagen gefallen und wurden von Feen aufgesammelt und ins Nimmerland gebracht. Mädchen gibts nicht - laut Peter Pan wären die zu clever und würden nicht aus Kinderwägen fallen.
Wendy ist nun mit ganzem Herzen Mutter für die verlorenen Jungs. Peter ist der Vater, aber leider will er denn doch nicht so ernst machen in Sachen "Verbindlichkeit". Erwachsenwerden macht ihm Angst. Das soll nicht sein, darf nicht passieren... Auch er ist ein aus-dem-Kinderwagen-Gefallener. Doch seine Eltern haben das Fenster nicht offengelassen, durch das er hätte zurückfliegen können. Sie haben ihn irgendwann mit einem neuen Baby ersetzt. - Also mißtraut Peter Erwachsenen. Wendy als kindliche Mutter ist ein absoluter Glücksgriff...
Es gibt auch noch andere Nimmerlands-Bewohner: Indianer, und Feen. Und Piraten. Die Piraten sind böse und werden von den Kindern gefürchtet und vergöttert. Besonders Smee ist toll, weil er sich für sehr gefährlich hält und es gar nicht mitgekommt, wie sehr ihn alle Kinder lieben. Käpten Hook würde gerne geliebt werden. Er ist neidisch, daß Peter Pan und seine Jungen nun eine Mutter haben. Er will auch eine Wendy-Mutter...
Und er ist neidisch auf Peter, weil er so ganz unbewußt guten Stil hat. Während er so darum kämpft und immer unzufrieden ist...
Kinder und Nimmerland-Erwachsene agieren unglaublich naiv-erfrischend miteinander. Auch die blutigen Kämpfe erinnern an Räuber-und-Gendarm-Spiele. Mit Regeln und Spielverderbern und Schummlern und Ärgern. Und bei allem schmunzelndem Augenzwinkern diese kindliche Sehnsucht bei allen Figuren - nach wohlwollend-bestätigend-haltender Liebe.
Ein Buch "gegen das Erwachsenwerden"? Wohl kaum! Wendy weiß, daß sie keine "echte" Mutter ist. Aber sie will eine werden. Sie nimmt letztlich alle Jungs mit nach Hause, und die Eltern Darling können es nicht anders, als den verlorenen Jungs eine Bleibe zu schenken. Und die Jungs scheiden von Nimmerland, ganz leicht - denn Phantasie ist Phantasie und ein echtes Zuhause und Erwachsenwerden das ideale wahre Leben.
Nur Peter bleibt in Nimmerland. Er läßt sich nicht überreden, trotz aller Sehnsucht. Aber das ist keine (wie so oft behauptete) kitschidealisierte Pro-Kindheits-Entscheidung, sondern eine allzutief sitzende Angst. Also bleibt Peter das ewige Kind im Phantasie-Traumland und holt regelmäßig oder (wie Kinder nunmal so sind) sehr sporadisch seine Wendy-Mutter zu sich, je nach Bedarf. Ein kleiner Junge, der entsetzt und wütend-hilflos reagiert, als Wendy "plötzlich" erwachsen ist.
Aber Wendy wollte ja erwachsen werden. Heiraten. Sie ist aber verständig und echt genug, den Schmerz Peters zu begreifen. Doch auch sie ist inzwischen Mutter einer kleinen Anne. Und Anne... wird die nächste Mutter Peters. Später fliegt dann die Tochter von Anne zusammen mit Peter ins Nimmerland, in dem es immer verlorene Jungs gibt, die eine Mutter brauchen. Und es gibt immer Kinder, die mit Peter Pan mitfliegen, mit ihm Kind sind und sich nicht um die Sorgen der eigenen Eltern scheren, da gute Eltern das Fenster ja immer offen lassen für eine Rückkehr...
Peter Pan ist in sich eigentlich eine tieftragische Figur. Sein Nicht-Erwachsenwerden-Wollen beinhaltet eine tiefe Angst, ein nicht zu heilendes Mißtrauen. Aber: Er vergißt sehr schnell Erlebtes, Verbindliches. Und entdeckt immer wieder neu. Spiele, Phantasien, Gegenden, Miteinander. Damit ist er dennoch ein herzerwärmender Begleiter wacher, lebendiger Erwachsener und neuerfahrender Kinder.
Peter Pan, das ewige Kind, schützt also aktuelle Kinder, entführt sie in eine Welt der Phantasie... und bereichert sie auf dem Weg des Erwachsenwerdens und -seins. Von Generation zu Generation.
Kein Film konnte das bisher wirklich umsetzen. Leider. - Also, das Buch ist unumgänglich, wenn man Peter Pan wirklich erfahren will!
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37 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein Kinder und Erwachsenenbuch, 25. Juli 2006
Rezension bezieht sich auf: Peter Pan (Gebundene Ausgabe)
Wer die Disneyversion besser mag als die des James Barry kann ich verstehen. So ist Disneys Version doch ein lustiges "kindgerechtes" Abenteuer. Distanzierter würde ich jedoch behaupten, dass es auf die Ansprüche ankommt die man diesem Buch stellt. Wer sagt "Für Peter Pan und seine verlorenen Jungen ist es genauso normal die Piraten brutal abzuschlachten, wie es für Wendy normal ist im Niemandland Socken zu stopfen und zu kochen, bis die Männer" von ihren Abenteuern zurück sind." Versteht die Geschichte wohl falsch. Kinder sind da natürlich weit unkomplizierter. Für sie ist es eine Geschichte. Nicht die Realität. Ausserdem muss man bedenken, dass das Buch über hundert Jahre alt ist. So kann man Barry nicht vorwerfen, dass die Geschichte nicht mehr 100% Gesellschaftsfähig ist. Als Pädagoge empfinde ich dieses Buch für Kinder als durchaus wertvoll und intelligent. Die Symbolprächtigkeit der vielen Handlungen und Figuren ist beispielhaft. Das tickende Krokodil (es tickt weil es dem Piraten Hook einen Arm abgebissen hat und das hat dem Tier so gut geschmeckt, dass es Hook verfolgt um noch einen Leckerbissen zu erwischen) verfolgt lediglich den erwachsenen Hook - die Zeit verfolgt alle Erwachsenen, Kinder nicht. Peters Kuss der Wendy rettete, die glücklichen Gedanken, die einen in die Luft reissen und so weiter...
Für das Kind ist dieses Buch voller Abenteuer und Humor, jedoch weckt es auch Ängste und wirft Fragen auf, die dem Kind beantwortet werden müssen. Jedoch empfinde ich es längst nicht so schlimm wie es andere Leser wohl taten.
Als Kind habe ich dieses Buch verschlungen und heute - als Erwachsener - lese ich es immer noch gerne. So habe ich einen ganz anderen Blickwinkel. Als Beispiel nenne ich nur das "Nimmerland". So assoziiere ich den Tag an dem Peter in den Kensington Garten geflüchtet ist (von wo aus er ins Nimmerland flüchtete um ewig Kind zu bleiben) als den Tag, an dem Peter gestorben ist.
Fazit: Dieses Buch ist Zeitlos, trotz einigen wenigen Punkten, die der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts und emanzipierten Leuten vielleicht ein Dorn im Auge sein könnte. Dennoch halte ich es für pädagogisch sehr wertvoll. Das Kind lernt auf fantasievoll(st)e Art alltägliche Dinge kennen. Es wird Fragen stellen weil es verschiedenes Nicht verstehen oder nachvollziehen kann, genau so wie im echten Leben eben :-)...
Wer sich nicht entscheiden kann ob dieses Buch gelesen werden soll, muss es lesen und sich ein Bild machen. Wer es mit seinem Kind lesen möchte, sich darüber jedoch noch nicht sicher ist, sollte es selbst erst lesen und danach verschiedene Stellen der Geschichte mit dem Kind nachbesprechen.
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