Sibylle L. Binder hat mit dem vorliegenden Buch über das Leben und Werk des unstreitig größten Schauspielers aller Zeiten großes schreiberisches Können bewiesen. Es zeigt ebenso Professionalität und ihren gewohnt verantwortungsvollen Umgang mit der Materie.
„Peter O'Toole - Ein Porträt" ist ihre ganz besondere Glanzleistung!
Dank ihres typischen Scharfblicks und ihrer Empathie schafft Sibylle Binder, uns den Menschen Peter O'Toole zu zeigen. Ohne sein Privatleben über Gebühr in das Licht der Öffentlichkeit zu ziehen. Sie achtet seine Privatsphäre, indem sie sich darauf beschränkt, nur die im Zusammenhang mit seiner Karriere stehenden Ereignisse zu dokumentieren, ohne Intima auszuplaudern.
Die Presse hat von O'Toole jahrzehntelang das Bild höchsttalentierten, aber exzessiv selbstzerstörerischen, melancholischen Zynikers gezeichnet. Doch Frau Binder hat diese „Schubladen" nicht beachtet, sondern mit Neugier und Offenheit genau hingesehen. Sie fand, was der Rest der Welt gerne zu ignorieren scheint: O'Toole hat einfach zu viele Lachfalten im Gesicht, als dass er nichts mehr als Zyniker sein könnte!
Natürlich kommen in diesem Werk die Tiefpunkte seines Lebens und seiner Karriere vor. Doch hierzu hat er immer gestanden. Sie werden von Frau Binder mit der gleichen Beachtung behandelt wie seine Leinwand- und Bühnentriumphe und schönen Momente seines Lebens.
Denn hier wird ein Leben beschrieben! Eines steht fest: O'Toole gehört unstreitig zu der Handvoll absoluter Genies seines Genres. Ein solches wird nur ein Mensch, der ständig Grenzen sucht, sie oft missachtet, und aus genau diesem Grunde natürlich auch mitunter über Bord geht. Wie hätte er ohne die intensiven Tiefen je dermaßen überzeugend darstellen können? Die Größe eines Menschen misst sich daran, inwieweit er zu Fehlern und Unzulänglichkeiten stehen kann. Dies jedoch, so zeigen zahlreiche Anekdoten in diesem Werk, hat er immer getan, und die Verantwortung selbst übernommen, wenn er sich im Vorfeld von Ereignissen verschätzt hatte.
So schildert die Autorin uns die Entwicklung eines hochbegabten Kindes, das in einer etwas illustren irischen Familie aufwächst (der Vater war ein Berufsspieler und Buchmacher). Beeinflusst durch abgrundtiefen Hass auf den Nationalsozialismus und die damit zusammen hängenden Ereignisse im damaligen Europa, die auch in England, wo O'Toole seinerzeit aufwuchs, tiefe Spuren hinterließen.
Geprägt durch irischen Katholizismus, eine endlos liebende, sehr belesene Mutter und einen recht smarten Vater, entwickelt O'Toole seine ganz eigene Sicht auf die Dinge und sich selbst.
Sibylle Binder zeichnet diesen Werdegang in lebhaften Bildern und mit gekonnt spitzer Feder, die wahrlich nicht nur die Puderzuckerseiten dieses groß(-artig)en Mannes aufzeigt. Man spürt, dass sie seine Sicht auf sich selbst genau eingefangen hat, zeigt aber auch ihre eigene Sichtweise von diesen großen Mimen. Der mit seinem von Jugendjahren an zu Pointe und mitunter Dreistigkeit neigenden Mundwerk und seiner Schalkhaftigkeit immer auch irgendwie ein „Bengel" (sorry!) geblieben ist.
Die Autorin geht systematisch und chronologisch vor, greift auf Gespräche mit Menschen aus seinem Umfeld zurück. So vervollständigt sie das Bild vom Leben des Mannes, den die meisten von uns als „Lawrence von Arabien" kennen. Der aber doch ungleich viel mehr geleistet hat, schaut man insbesondere auf sein Schaffen als Theaterschauspieler, der dem Londoner Old Vic Theatre über Jahrzehnte immer wieder seine Treue bewiesen hat. Aber auch die verschiedenen Filmprojekte werden von Sibylle Binder der Reihe nach aufgezeigt, immer im Kontext der jeweiligen Lebenssituation.
Die krasse Darstellung der Dreharbeiten zu seiner berühmtesten Rolle - die „Lawrence von Arabien" nun einmal war - sorgt sicherlich dafür, dass man diesen Film nach der Lektüre von Sibylle Binders Werk mit völlig neuen Augen betrachtet!
Die Ehe mit Siân Phillips, die immerhin 17 Jahre andauerte, brachte für O'Toole die wohl schlimmsten Jahre. Sein Alkoholkonsum eskalierte während seiner komplizierten Beziehung, bis er letztendlich beinahe daran gestorben wäre. Die lange schwere Krankheit ließ O'Toole das Trinken aufgeben, so dass für Siân Phillips' co-alkoholische Persönlichkeit kein Platz mehr an seiner Seite war. Mit dem Ende dieser Ehe fand O'Toole einen neuen Anfang, privat wie beruflich.
Nach der Beziehung zu der Mexikanerin „Malinche", die nicht für die Ewigkeit bestimmt war, trat Anfang der 80er Jahre das Model Karen Somerville in seinen Leben, blieb aber ebenfalls nicht lange.
Aus Rücksichtnahme auf die Privatsphäre lässt Sibylle Binder wenig über die Kinder O'Toole's verlauten.
Die Ehe mit Siân Phillips brachte die Töchter Kate und Pat hervor, Karen Somerville gebar ihm 1983 Sohn Lorcan - für den O'Toole in Amerika das Sorgerecht erstritt. Den er allein aufgezogen und oft genug in Theatergarderoben gewickelt und gefüttert hat.
Amüsant machen diese Biographie die geschilderten Begebenheiten, besonders, wenn sie Peter O'Toole selbst zu Worte kommen lässt. Nicht nur, weil es selten einen so pointenbegabten, blitzgescheiten Menschen gibt, sondern weil neben der Lebendigkeit mit denen die Szenen beschrieben sind, gleichzeitig Frau Binder der große Wurf gelingt, ihre eigene amüsierte Bewunderung auszudrücken für die Bravour, mit der er es schafft, sich im Leben sein Amüsement zu gönnen. Ein Individualist, der immer in sich verspürt, zu was er im Stande ist, der sich weigert, konventionell den unteren Weg zu gehen, und der sich ebenso weigert, zu Autoritäten um ihrer Titel und Position willen aufzusehen - das ist das Menschenbild, dass uns in diesem gelungenen Porträt gezeichnet wird.
Ein Grenzgänger, dem das, was er in der Welt vorfindet genauso wenig reicht wie banale Erklärungen, die er in seiner unstillbaren Neugier immer auf ihre Richtigkeit oder (anscheinend besonders gerne!) Falschheit, vor allem aber auf Machbarkeit überprüfen muss.
Die Kombination aus Ironie, Selbstironie, und Ehrlichkeit macht dieses Porträt zu einem Lesegenuss.
Sibylle Binder weckte erfolgreich meine Neugier! Ein größeres Kompliment fällt mir für eine Biographin nicht ein. Deshalb werde ich nun anschließend die Autobiographie O'Toole's „Loitering with intent" lesen.
Im Mittelteil des Buches finden sich zahlreiche Schwarzweiß-Fotos, die den Künstler in seinen Rollen zeigen und die Vielseitigkeit seiner Fähigkeiten im Schnelldurchlauf dokumentieren.
Im Anhang finden sich weitere Informationen:
Anmerkungen, Filmographie, Literatur, Danksagung, Bildnachweis, Namensregister
Aktuell:
Wie treffend dieses Buch Peter O'Toole beschreibt, erkennen wir an den aktuellen Ereignissen:
Den „Ehren-Oscar" für sein Lebenswerk gedenkt er vorläufig nicht anzunehmen. Er sei "still in the game, and might yet win the lovely bugger outright, would the academy please defer the honor until I am 80?"
DAFÜR lieben ihn seine Fans: he's the greatest!