Peter Gabriel entdeckt für sich die Rhythmen, die noch 30 Jahre später seine unvergleichliche Musik prägen werden. Einzig Kollege Brian Eno experimentiert zu dieser Zeit mit ethnischen Klängen, aber niemand nennt das Weltmusik. Gabriel hat gerade erst wieder Kontakt zu Phil Collins aufgenommen, denn der soll bei seiner dritten Solo-Produktion das Schlagwerk bedienen. P.G. lässt Kompressoren an Collins` Drumset anbringen und sämtliche Becken abschrauben. Damit Collins nicht ins Leere schlägt, werden diese durch zusätzliche Toms ersetzt. Ob daraus ein Song wird, weiß Gabriel auch noch nicht genau. Collins jedenfalls ist stark beeindruckt und fragt seinen ehemaligen Mitstreiter, ob dieser ihm das Band überlässt. Gabriel wäre nicht Gabriel wenn er sich mit seinen Ideen keine Zeit nehmen würde und so tüftelt er weiter, bis daraus sein drittes Solo-Album in diesem völlig neuen Sound-Gewand entsteht. Das Ergebnis klingt wuchtiger und voller, als man es jemals zuvor auf einer Produktion gehört hat. Den Trick mit den Kompressoren aber merkt sich ein (körperlich) kleiner, genialer Drummer und wird mit dem typischen Phil-Collins-Drumsound in die Musikgeschichte eingehen.
Zu den einzelnen Stücken:
Intruder:
Aus dieser Demo-Session mit Collins wurde der Opener für das dritte Solo-Album, dass ich als sein kompromisslosestes bezeichne. Gabriel stellt klar, dass auf diesem Album endgültig nichts mehr an seine alte Band erinnern soll. Nur leider merkte das auch sein damaliges amerikanisches Label Atlantic, warf ihm kreativen Selbstmord vor und kündigte seinen Vertrag.
No Self Control:
Steve Reich hatte gerade sein richtungsweisendes Minimal-Music-Album: Music for 18 Musicians veröffentlicht. In einem Interview von 1980 bezieht sich P.G. auf Steve Reich`s Musik: Ich war fasziniert vom rhythmischen Einsatz der Marimbas und der Art des Gesangs. Ich versuchte etwas von dieser musikalischen Färbung in diesen Song zu bekommen. Das ist definitiv ein Beispiel für direkte Beeinflussung.
Start/I dont Remember:
Das Stück handelt von politisch verfolgten Menschen, die im Exil einem übertriebenen Staatsapparat ausgesetzt sind, anstatt unbürokratische Hilfe zu bekommen. Es ist wie ein kafkaesker Albtraum.
Family Snapshot:
Erwartet das Unerwartete, sagte Gabriel am Beginn seiner Solo-Karriere und bei diesem Song beweist er es einmal mehr. Beim anhören des Stückes denkt man vielleicht an Lee Harvey Oswald, der am Fenster auf die Autokolonne mit JFK wartet. Aber das ist gerade der Plot dieses Stückes: Es geht gar nicht um einen erwachsenen Schützen, sondern um ein emotional vernachlässigtes Kind. Am Schluss singt er: There`s my toy gun on the floor / Come back, mum and dad / I need some attention
And Through the Wire:
Dieses Stück wäre mit dem ungeschliffenen Beat und seinem typischen Rockgitarren-Sound auf dem Vorgänger-Album besser aufgehoben. Vielleicht hielt Gabriel aber auch eine musikalische Trennlinie zwischen Snapshot und Games für notwendig, weil in beiden Songs Kindheitstraumata thematisiert werden.
Games without Frontiers:
In einem Interview erklärte Peter Gabriel dazu:
Es geht um dieses kindische Verhalten von Erwachsenen in Kostümen, die versuchen die beste Nation bei einem Wettkampf zu sein. Sie führen Territorialschlachten, um einen Platz einzunehmen und sie führen diesen Kampf nicht bloß im Fernsehen, sondern auch in anderen Situationen.
Ich habe es kurz vor den olympischen Spielen geschrieben und die Sache ging hoch wie eine Bombe. Ich hatte nicht angenommen, dass eine Menge Leute das in diesem Bezug sehen würden, doch es wurde als Aggression verstanden.
Not one of us:
Das Gefühl des Ausgegrenzt-Seins zieht sich weiter durch das ganze Album. Musikalisch besonders erwähnenswert sind die gegenläufigen Breakes von Collins, die dem letzten Teil des Stückes seinen besonderen Drive geben. Damit zeigt er einmal wieder was für ein einfallsreicher und versierter Schlagzeuger er sein kann.
Lead a normal life:
Dieses Kleinod scheint nur eine flüchtig hingeworfene musikalische Skizze zu sein, aber dieser Eindruck täuscht. Es ist ein Beispiel für den typischen gabrielesken Perfektionismus, denn es gab ursprünglich fünfzehn (!) Versionen. Diese wiederum wurden zu drei Tracks zusammengeschnitten, aus denen er die besten Klangelemente herausnahm und letztendlich zu einem Ganzen verschmolz.
Biko:
Bleibt noch das grandiose Finale des Albums. Ein Stück über das es beinahe unmöglich ist, irgendetwas zu schreiben, was noch nicht geschrieben worden ist. Deshalb will ich nur einige Zitate von Peter Gabriel zu dieser Hymne anführen, die nicht nur sein Leben verändert hat:
Steve Biko war ein intelligenter, junger Mann, ich erfuhr von seinem Tod und machte mir ein paar Notizen, aber eigentlich war ich 1977 noch ein eher unpolitischer Mensch
Dieser Song führte dazu, dass Bono mich 1986 anrief, als Amnesty International in Amerika die Benefiztournee Conspiracy of Hope veranstaltete. Dabei traf ich zum ersten Mal Menschen die man gefoltert hatte und die mich baten etwas für sie zu tun. Plötzlich kannst Du nicht mehr sagen: Oh, ich habe keine Zeit
Jeder sagte mir damals: Bagpipes und ein afrikanischer Song, das funktioniert nicht, aber ich finde das dieses Instrument einen sehr afrikanischen Sound hat