„Fundamental“
„Wir hatten uns schon auf den Albumtitel geeinigt, bevor wir überhaupt mit den Aufnahmen anfingen. Er hat natürlich viel mit den endlosen Diskussionen über Fundamentalismus zu tun, die wir derzeit führen. Aber wie es mit so vielen Themen ist, haben wir auch diesen Titel auf unser Schaffen bezogen. Wir wollten ein Electro-Album machen, dass fundamental nach Pet Shop Boys klingt. Und was die Lyrics betrifft, haben wir uns an aktuellen Ereignissen orientiert und diese in Songs integriert, die anscheinend von zwischenmenschlichen Beziehungen handeln.“ Neil Tennant, der mit Chris Lowe das erfolgreichste Duo der britischen Popgeschichte bildet, weiß mit seiner feinen englischen Art galant zu umschreiben, dass die Pet Shop Boys mit „Fundamental“ ihr stärkstes politisches Statement in ihrer gesamten, über 20 Jahre währenden Karriere abgeben. Schon die erste Singleauskopplung „I’m With Stupid“, eine bissige Persiflage auf die merkwürdige Beziehung zwischen Tony Blair und George Bush, gibt den Tenor des Albums vor, das mit gezielten Pointen und klugen Metaphern eine Welt beschreibt, die, beherrscht von Terrorangst, immer paranoider wird.
„Fundamental“ entstand in enger Zusammenarbeit mit der Produzentenlegende Trevor Horn (Frankie Goes To Hollywood, Art Of Noise), mit dem die Pet Shop Boys bereits 1988 „Left To My Own Devices“ eingespielt hatten. Die zwölf neuen Songs markieren eine fulminante Rückkehr zu dem „großartigen Discopop ihrer Glanzzeiten“ (Q). Überhaupt schwärmt die britische Presse von dem neuen Album in höchsten Tönen: „das beste Album seit mehr als einer Dekade!“ (NME), „ein Kracher!“ (Observer Music Monthly); „brillant“ (The Sun) und „das erste große Popalbum des Jahres“ (Popjustice). Aber es sind nicht nur Kritiker (und selbstredend die riesige Gemeinde der Pet Shop Boys Fans), die dem Duo zu Füßen liegen, auch zahlreiche Kollegen sind von Neil Tennant und Chris Lowe absolut begeistert. Madonna brachte bei den letzten Brit-Awards ihre Bewunderung zum Ausdruck, Sir Elton John ist schon seit Jahren erklärter Anhänger und jüngst, bei einem BBC-Radiokonzert, ehrten Robbie Williams und Rufus Wainwright die Pet Shop Boys mit einem Gastauftritt.
Mit ihren fast drei Dutzend UK-Top-20-Hits und mehr als ein Dutzend Studioalben (inklusive Compilations und dem letztjährigen Soundtrack zum Stummfilmklassiker „Panzerkreuzer Potemkin“) haben die Pet Shop Boys ein künstlerisches Gesamtkunstwerk geschaffen, das geprägt ist von ungewöhnlichen konzeptionellen Ideen, hohem Stilempfinden und erfrischendem Design. Ganz gleich, ob sie Elvis Presley huldigten („Always On My Mind“), sich auf dem Roten Platz in Moskau postierten („Go West“) oder mit brasilianischen Sounds flirteten („Se A Vida E“), stets war der Wille zur Innovation spürbar. Kollaborationen mit Stars wie Liza Minnelli und Dusty Springfield, mit Blur und Bowie, mit Film- und Theaterregisseuren, bildenden Künstlern und Architekten sorgten stets für frischen Wind und haben die Pet Shop Boys fortwährend interessant und dauerhaft relevant gemacht. Nach ihrer anfänglichen Weigerung, überhaupt live aufzutreten, glichen ihre späteren Tourneen extravaganten Kunstwerken. Selbst ein Musical („Closer To Heaven“) und ein Gitarrenalbum („Release“) gehören mittlerweile in ihr schillerndes Universum.
„Fundamental“ erweitert dieses Universum durch ein ebenso politisch motiviertes wie philosophisches Album und selbstredend durch ein weiteres Dutzend großartiger Popsongs. Der Opener „Psychological“, der Terrorangst mit Urängsten vergleicht, ist nicht nur ein Song von freudianischer Tiefe, sondern auch eine augenzwinkernde Reverenz an Depeche Mode und Kraftwerk, die neben den Pet Shop Boys selbst zu den Pionieren des zeitgenössischen Electro-Pop zählen. Der Basslauf von „Minimal“ klingt hingegen wie eine Grußadresse an New Order, eine weitere Brit-Pop-Größe. Damit hat es sich aber schon mit den musikalischen Querverweisen, denn die Pet Shop Boys können getrost auf ihre eigene musikalische Handschrift vertrauen, die sich mal so melancholisch wie bei Diane Warrens „Numb“ (die einzige Fremdkomposition des Albums) und „Casanova In Hell“ erweist, mal so bissig wie „Indefinite Leave To Remain“ (eine Abrechnung mit kruden Einwanderungs-gesetzen) oder mit typisch überbordender Euphorie wie in „Integral“ daherkommt. An „Fundamental“ wird man noch lange Spaß haben, auch wenn die Pet Shop Boys stärker denn je vom bitteren Ernst des Lebens getrieben zu sein scheinen. Aber selbst den verwandeln sie in großartigen Pop.
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