Aus der Amazon.de-Redaktion
Zweifellos gehört Nina Hagen zu den außergewöhnlichsten Persönlichkeiten, die Deutschlands Pop-Szene je hervorbrachte. Ihre Skandale, Exzesse und bisweilen befremdlichen Gedanken sind bekannt, ebenso wie die Vorliebe für junge Männer in den Zwanzigern. Weniger bekannt ist die hohe Intelligenz der 1955 in Ost-Berlin geborenen Exzentrikerin mit dem schrägen Humor und dieser unglaublichen Stimme, die ungefähr jede mögliche und auch ein paar unmögliche Tonlagen trifft. Mit zunehmendem Alter wurde das Gesangsorgan der einstigen Punk-Röhre aus der DDR immer rauchiger. Was bietet sich da mehr an, mit
Personal Jesus ein Album mit Traditionals und Klassikern des Country, Gospels und Blues aufzunehmen, was der schrillen Exzentrikerin erstaunlich gut gelingt. Auf den ersten Blick verwirrt es etwas, dass Nina Hagen Songs auswählte, in denen die Themen Gott und Jesus überwiegen. Immerhin ist die ehemalige Punk-Röhre aus der DDR bekannt für ihre Leidenschaft für alles Außerirdische. Im Jahr 2009 aber ließ sich die sprunghafte Pop-Diva im Alter von 54 Jahren in Schüttorf evangelisch taufen. Somit ergibt die Selektion der Lieder aus der Feder von Depeche Mode, Elvis Presley oder Woody Guthrie auch inhaltlich einen Sinn. Überraschend ist, dass Nina Hagen bis auf ein paar ganz wenig schrille Töne auf Eskapaden verzichtet und den Bariton rausholt. Überraschend ist auch, wie respektvoll die Lieder hier interpretiert. Es muss also kein Country-Fan aus dem Sattel fallen.
--Sven Niechziol
Das Gegenteil von gut ist gut gemeint: Nina Hagen macht jetzt in Gospel und verhebt sich dabei ordentlich – zumindest nach Popmusik-Kriterien. Falls es jemand noch nicht mitbekommen hat: Nina Hagen – wahlweise „Ulknudel“, „Punkmutti“, „Rockröhre“, „Bürgerschreck“ – hat sich letztens taufen lassen und ist jetzt auf Mission für Gott. Den guten, friedlichen, verständnisvollen Jesus-Vater-Gott natürlich, nicht jenen alttestamentarischen, blut- und rachedurstigen Pfingstglauben-Gott, der vermutlich wenig Verständnis für Junkies, freie Liebe oder eine etwas eigenwilligere Glaubensauslegung hat, wie man sie bei Nina Hagen natürlich voraussetzt. Ein Gott, also, der es sich gefallen lässt, von Unmengen mittelmäßiger christlicher Heavy-Metal-Bands gehuldigt zu werden, oder eben auch von musikalischen Schwerkalibern wie George Harrison oder Johnny Cash.
Popmusik hat ein fast noch größeres Herz als Gott, hier ist jeder willkommen und man kann auch als beinharter Atheist seine Freude an religiösen Bekenntnissen haben. Wenn sie denn gut gemacht sind und etwas von der Seele des Künstlers verraten. Egal, ob es um Gott, blaue Wildlederschuhe oder – das allerdings meist – Sex geht. Nina Hagen ist heutzutage im Hauptberuf TV-Promi Marke „schrill“ und hat seit gut 20 Jahren kein sonderlich hörenswertes oder beachtetes Album veröffentlicht. „Personal Jesus“ hat zumindest letzteres geändert. Denn man muss ihr zugestehen, dass sie es diesmal mit einiger Ernsthaftigkeit angeht, sich auf einem allgemein erträglichen Kulturfeld bewegt und immerhin ein gewisses Gespür für Songs hat, die man dem aufgeschlossenen Hörer anbieten kann und deren Auswahl zumindest aufhorchen lässt. Ein musikalisch solides Coveralbum ist „Personal Jesus“ geworden, „handwerklich sauber“ sagt man dazu gern, also irgendwo zwischen gutgeschmierter Profi-Backingband und hochbemühtem Musikschulen-Gestus. „Ehrlich“, „rau“, „authentisch“ soll das klingen – indes: der Funke springt nicht über, zumindest, wenn man sich nicht von ein paar Gospel-Floskeln und einer inbrünstigen Nina-Hagen-Stimme beeindrucken lässt, die immer ein wenig zu selbstgefällig intoniert („overacting“ heißt derlei im Schauspielberuf). Was – zugegebenermaßen – ein Geschmacksurteil ist, das nicht jedermann teilen muss. Das eigentliche Problem von „Personal Jesus“ ist das Hase-und-Igel-Syndrom: Es war immer schon jemand da, der all das, was dieses Album bietet, vorher besser gemacht hat. Was in gewisser Weise ein finales Urteil ist in Sachen „Coveralbum“.
Das beginnt selbstverständlich beim – auch als Auskopplung – herausgestellten Titeltrack: Es hilft nicht (und erscheint eigentlich auch nicht wirklich glaubhaft), dass Nina Hagen erzählt, dass sie die Johnny Cash-Version des Depeche Mode-Klassikers nicht kannte. Der Song ist seit Cashs „American Recordings“-Alben praktisch verbrannt, eine Ikone, an der man sich nicht versucht, ohne im Regelfall mächtig abzustinken. Oder „All You Fascists Bound To Lose“ – thematisch eher aus dem sonst gesteckten Rahmen fallend –, in den Vierzigern von Folk-Mastermind Woody Guthrie geschrieben (es gibt hier eine hinreißende 78’’-Version des Originals), ein halbes Jahrhundert später neuinterpretiert von Billy Bragg, der englischen Ein-Mann-Revolution, und Wilco, den Grandseigneurs aktuellen Americana-Verständnisses. Eine Nina Hagen-Version ist da nicht mehr als ein netter Versuch. Und wie man einen wirklich mitreißenden Gospel-Gestus ganz ohne Selbstzentrierung und ohne wirkliche (im Wortsinn) Kirchenverortung hinbekommen kann, lässt sich bei Bruce Springsteens „Pete Seeger Sessions“ von 2006 anschauen. Nina Hagen hat all dem nichts Neues hinzuzufügen, außer ihrer Exaltiertheit. Die allerdings kennt man auch so schon zur Genüge, ausgenommen vielleicht von Kreisen evangelischer Kirchentagsteilnehmer, wo das Album ganz sicher Gefallen finden wird. Und auch, wenn man ihr abnehmen mag, dass „Personal Jesus“ nicht wieder nur eine Macke ist: Das Gegenteil von gut ist immer noch gut gemeint. Und das wird nicht verziehen. Zumindest in der Popmusik.