Die Erwartungen an diese Doppel-CD wurden ja so kräftig geschürt, dass ich ein wenig misstrauisch wurde -- man argwöhnt in derlei Fällen schließlich immer einen Hautgout von Leichenfledderei. Aber um's kurz zu machen: Der Verdacht war unberechtigt. "Personal File" überzeugt: "Unplugged" zu einer Zeit, als man diesen Begriff weder kannte in der Musikszene, noch den zugrunde liegenden Tatbestand schätzte... Vermutlich verhielt sich's wirklich so, wie allerorten zu hören ist: Cash könnte diese Songs "auf Vorrat" aufgenommen haben, um sie in besseren Zeiten zu publizieren. Und Gottseidank wurden diese Tonbänder aus den Jahren 1973 bis 1982 überhaupt wiederentdeckt...
Vorab noch schnell ein Wort zum vielzitierten "edlen DigiPack". Keine Frage: Diese Doppel-CD wird optisch durchaus ansprechend präsentiert, das Begleitheft enthält die nötige Information zu den einzelnen Songs (sofern rekonstruierbar), und kein Geringerer als Greil Marcus liefert einen langen einfühlsamen Kommentar. Alles sehr solide und sehr erfreulich. Aber eigentlich hätten gerade diese Aufnahmen in der Aufmachung ein wenig mehr Liebe zum Handwerk verdient.
Egal -- man kauft sich Cashs "Personal File" schließlich wegen der Musik und tut gut daran.
Cash führt hier ein Konzept weiter, das sich Ende der 60er Jahre gelegentlich in seinen Alben andeutete, aber unbeachtet blieb: The man and his (acoustic) guitar -- und sonst nix. Eine Hinwendung zum "reinen Folk", wenn man so will, zu einer Zeit, als der Folk gerade mit neuen Einflüssen experimentierte, der Pop-Mainstream mit dem Bombast liebäugelte und der stets etwas widerborstige Cash von den marktbeherrschenden Labels zunehmend ignoriert wurde. Bei "Personal File" gibt's keinen Kotau vorm Zeitgeist; aber das kennen und lieben wir ja bei Cash.
Wem seine 1994er CD "American Recordings" gefallen hat, sollte hier unbedingt zugreifen. Wie dort, so auch hier -- und doch ganz anders: Cash solo und kreativ wie wenige andere -- allerdings hörbar jünger, gesünder, energischer; insofern kann man diese beiden Alben nur bedingt miteinander vergleichen bzw. sollte es ganz bleiben lassen. Sein Repertoire umfasst hier klassische Folk- und Gospelsongs ebenso wie seine und June Carters Kompositionen. Wie nicht anders zu erwarten, macht sich Cash das durchaus heterogene Korpus zu eigen; vom bloßen Hören lässt sich nicht unterscheiden, was eigene und was fremde Kompositionen sind. Kein ehrgeiziger Produzent hatte seine verschlimmbessernden Finger im Spiel; gerade die spartanische Darbietung macht diese 49 Songs zu etwas besonderem. Merke: Ein guter Sänger braucht sich nicht hinter einem Begleitorchester verstecken -- und wenn einer seine Stimme allein wirken lassen kann, dann ist das Cash.
Wenn man "Personal File" überhaupt mit irgend etwas vergleichen will, dann mit Leadbellys frühen Aufnahmen: Hier wie dort ein eigenwilliger Ausnahmemusiker, dessen Wurzeln tief in die amerikanische Musiktradition reichen, und hier wie dort ein Könner mit Ecken und Kanten, der aus dieser Musiktradition etwas Neues entwickelt, nämlich seinen eigenen, unverwechselbaren Stil.
Die CDs sind hervorragend abgemischt und von kundiger Hand zusammengestellt, will mir scheinen: CD1 tendiert eher zu klassischen Country-Themen, die Cash selbst augenzwinkernd einmal mit den Stichwörtern "mother, love, god, murder, home" usw. umrissen hatte; die Liedtexte auf CD2 sind eher die klassischer Gospels. Mein persönlicher Eindruck: An den Takes auf der 2. CD scheint Cash noch etwas mehr gelegen gewesen sein, und entsprechend wirken sie auch noch engagierter, intensiver -- aber das ist wohl subjektiv. Schön sind sie beide, diese CDs.
Freilich, nach oberflächlichem Reinhören könnte man "Personal File" im ersten Moment (aber nur im ersten!) als eintönig empfinden; die einzelnen Songs scheinen oft ineinander überzugehen (obwohl u.U. Jahre zwischen ihrer Aufnahme liegen), der Rhythmus ist meist getragen, eher largo als capriccioso, und zwischendurch kommentiert Cash immer wieder den ein oder anderen Song, berichtet über dessen Entstehungsgeschichte oder plaudert generell aus dem Nähkästchen. Unnötig zu erwähnen, dass er dabei bescheiden im Hintergrund bleibt. Es geht ihm um die Musik und um die, denen er sie widmet..
Gerade die vermeintliche Eintönigkeit macht aber den speziellen Charme von "Personal File" aus, das alles andere als eintönig ist -- Cash profiliert sich nämlich zum x-ten Mal als wunderbarer singender Geschichtenerzähler. Tatsächlich verbreitet dieses Album eine unglaublich entspannte Atmosphäre -- niemals einschläfernd, sondern gelassen, locker, in sich ruhend, und gleichzeitig auch eindringlich und intensiv.
Man muss sich in diese Musik reinhören: nicht weil sie so kompliziert wäre, sondern weil sie so genial einfach ist.