Ein ehemaliger, mittlerweile verstorbener, russischer Präsident und eine junge Indie-Pop Gruppe aus Springfield, Missouri, Amerika. Zwei Vorstellungen könnten wohl kaum konträrer sein, doch bei den vier Jungs von Someone Still Loves You Boris Yeltsin scheint es ein ums andere Mal besser zu funktionieren. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass die Zeit der verrückten Bandnamen das Zeitalter der The Bands so langsam abzulösen scheint. Man wird sehen.
Die Entstehungsgeschichte der Band mit dem lustigen Namen (der nach eigenen Angaben keineswegs aus politischen Motiven gewählt wurde) liest sich wie aus einem Lehrbuch für amerikanische High School-Musiker. Vier Jungs lernen sich in der Schule kennen, bemerken ihren ähnlichen Musikgeschmack, gründen eine Band mit dem Ziel, einmal selbst in der Indie-Section des lokalen Plattenladens zu stehen.
Nachdem man die vorherigen Aufnahmen im Rahmen von Broom (2005) selbst an den man gebracht hatte und schon als Nachfolger von The Shins gehandelt wurde, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Plattenfirmen sich darum reißen würden, die Jungspunde fest an sich zu binden. Den Zuschlag bekam letztendlich Polyvinyl, jenes Label, welches unter anderem Architecture In Helsinki ein aufgeräumtes Zuhause bietet und auf dem vor kurzem auch Pershing erschien.
Pershing ist eine Sommerplatte. Man legt sie auf (oder auch ein) und prompt öffnet sich die Wolkendecke am Horizont, um die feinen Sonnenstrahlen hindurch dringen zu lassen. Ein locker-leichter Song folgt hier dem nächsten und irgendwie hat man das Gefühl, dass nicht eines der Stücke mehr als fünf Minuten bis zu seiner Vollendung gebraucht hätte. In die Glue Girls verliebt man sich auf Anhieb, dank der schwungvollen Akustikgitarre, bei Boring Fountain sind es die Bläser, die einem das Stimmungstief auszutreiben wissen. Schnell gewöhnt man sich an den Lo-Fi Sound und aufgrund der eingängigen Melodien bedarf es auch nicht besonders vielen Hördurchgängen, bis man die Songs intus hat. Die Höhepunkte der Scheibe bekommt man eher in der ersten Hälfte zu hören, dafür lauscht man dort aber umso lieber. Meine beiden Lieblinge Modern Mystery und The Beach Song möchte ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen und als unbedingte Anspieltips vermerken.
Minimalen Punktabzug gibt es allerdings für das Albumcover, dieses sieht nämlich aus, als hätte man einem noch sehr unreifen Familienmitglied vollkommene künstlerische Freiheit gewährt. Man orientiert sich wohl nicht nur auf musikalischer Ebene an den Shins, die in Punkto worst album cover schon einige milestones vorgelegt haben. Aber was solls, denkt sich der Mann von Welt. Es geht hier schließlich um Musik, wer Kunst sehen will, der geht ins Museum oder zur Google Bildersuche.