das Buch mit dem "aktuellsten Wissensstand" zu Persönlichkeitsstörungen (Seitenzahl 425 nicht wie angegeben 250)
Das vorliegende Buch 'Persönlichkeitsstörungen: Ursachen und Behandlung' stellt das aktuelle 'State of the Art' Wissen zum Thema Persönlichkeitsstörungen dar. Die Autoren haben sich bemüht, auf eine Vielzahl strittiger Fragen Antworten zu geben. So werden unter anderem folgende Aspekte betrachtet: Was verstehen wir unter einer Persönlichkeitsstörung? Wo ist die Grenze zwischen normaler und abnormaler Persönlichkeit? Stimmt es, dass Persönlichkeitsstörungen chronischer verlaufen und schwerer zu behandeln sind als z.B. affektive und Angststörungen? Wie entsteht eine Persönlichkeitsstörung und welche Bedeutung haben neurowissenschaftliche Befunde für das Verständnis der Entwicklung von Persönlichkeitsstörungen? Wie lassen sich Persönlichkeitsstörungen behandeln?
Über diese Fragen hinausgehend stellt der Herausgeber ein neuropsychosoziales Ätiologiemodell vor, das als Grundlage für eine allgemeine Psychotherapie von Persönlichkeitsstörungen dienen kann. Mir als Herausgeber war weiterhin wichtig, ein 'Gesamtbild der Persönlichkeitsstörungen' zu vermitteln und nicht lediglich die einzelnen Persönlichkeitsstörungen getrennt voneinander abzuhandeln. Außerdem wurde entscheidender Wert darauf gelegt, wissenschaftlich abgesicherte Befunde, anstatt theoriebezogene (oft nicht evaluierte) Modellvorstellungen darzustellen. Einzelne Kapitel werden v.a. den wissenschaftlich interessierten Leser ansprechen. So stellen Schmitt und Gollwitzer die Grundlagen der Messung von Persönlichkeitsstörungen eingängig dar und reflektieren diese unter kritischen Gesichtspunkten (vgl. Kapitel 3). Im Rahmen der Ätiologie von Persönlichkeitsstörungen diskutiert van Elst Persönlichkeitsstörungen als Frontalhirnsyndrom (vgl. Kapitel 5.4). Seinen Ausführungen vorangestellt wird auf den momentanen Forschungsstand zur Ätiologie von Persönlichkeitsstörungen ausführlich eingegangen (vgl. Kapitel 5 [Barnow]). Außerdem wurde zum besseren Verständnis und zur Bewertung der Vielzahl der aktuellen neurowissenschaftlichen Befunde ein Kapitel über die neuronalen Grundlagen von Emotionen aufgenommen (vgl. Kapitel 4 [Pritzel]). Andere Beiträge z.B. Klassifikation und Beschreibung von Persönlichkeitsstörungen (Kapitel 1 [Barnow], Behandlung von Persönlichkeitsstörungen (vgl. Kapitel 6) und die Kasuistiken (vgl. Kapitel 7) werden speziell für Psychotherapeuten oder niedergelassene Ärzte von Interesse sein. Bezüglich der Therapie von Persönlichkeitsstörungen stellt beispielsweise Trautmann eine innovative 'Ego-Therapie' für Menschen mit histrionischer Persönlichkeitsstörung vor (vgl. Kapitel 6.2.3). Der Herausgeber präsentiert zudem Ergebnisse der Evaluation eines neuen Ansatzes zur stationären Dialektisch Behavioralen Therapie (DBT) (vgl. Kapitel 6.2.4), während die Berner Arbeitsgruppe eine Übersicht über kognitv-verhaltenstherapeutische Ansätze vermittelt und besonders die Schema-fokussierte Therapie, die von dieser Arbeitsgruppe weiter entwickelt wurde, vorstellt (Kapitel 6.2.1 [Zorn & Roderer]). Tiefenpsychologische Ansätze zur Behandlung von Persönlichkeitsstörungen, vor allem der interpersonelle Ansatz, werden im Kapitel 6.2.2 vorgestellt [Freyberger]. Die psychopharmakologische Behandlung wird hingegen im Kapitel 6.4. [Dose] beschrieben. Ein Anliegen des Herausgebers war, Wege für eine Überwindung einer schulenspezifischen Sichtweise aufzuzeigen und mittels des vorgestellten allgemeinen Ätiologiemodells eine multimodal orientierte Therapie vorzuschlagen (siehe Kapitel 6.1. generelle Richtlinien von Psychotherapie bei Persönlichkeitsstörungen).
Ein weiterer Schwerpunkt des Buches liegt in der Schilderung von Fallkasuistiken durch Psychotherapeuten, in denen diese die Behandlung 'schwieriger Fälle' anschaulich darstellen und Lösungsvorschläge unterbreiten. So wird z.B. der Behandlungsverlauf einer Patientin mit dissoziativer Identitätsstörung (multipler Persönlichkeit) beschrieben (vgl. Kapitel 7.1 [Dudeck]). Weitere Fallkasuistiken beinhalten therapeutische Situationen mit narzisstisch gestörten Patienten (vgl. Kapitel 7.2 [Sachse]), Personen mit impulsiver Persönlichkeitsstörung (vgl. Kapitel 7.3 [Bernheim]) und einer Patientin mit Borderline Persönlichkeitsstörung (vgl. Kapitel 7.4 [Limberg]).
Diese Fallbeschreibungen machen die Komplexität und Grenzen von Psychotherapie bei Menschen mit Persönlichkeitsstörungen, aber auch die Grenzen der Psychotherapeuten (und deren Überwindung) deutlich. So mancher Psychotherapeut wird die hier geschilderten schwierigen Interaktionen wieder erkennen. Zusammenfassend ist das Buch für den psychologischen oder ärztlichen Psychotherapeuten(in), Psychiater(in), Wissenschaftler(in), Studierende der Psychologie, Medizin oder anderer Heilberufe, aber auch für den Arzt und die Ärztin in der Allgemeinarztpraxis hilfreich. Auch liefert das vorliegende Buch Informationen für Menschen, die selbst an einer Persönlichkeitsstörung leiden bzw. Angehörige haben, von denen sie glauben, dass diese eine erhebliche Problematik im Persönlichkeitsbereich aufweisen.
Sven Barnow