Nachdem ich das letzte Buch von Vera Kaltwasser "Achtsamkeit in der Schule" mit großem Gewinn gelesen hatte, konnte ich mir nicht vorstellen, was es nun noch Neues über die Wirkung von Achtsamkeit zu sagen gäbe.
Aber da habe ich mich getäuscht: Der Autorin gelingt es hier auf der Höhe der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion über den engen Zusammenhang zwischen Körper, Geist, Gedanken und Gefühlen anschaulich darzulegen, wie wir uns oft mit unseren Gedanken in Stress versetzen, wie festgefahrene Denk-, Verhaltens- und Fühlmuster uns hindern, unser Potential zu entfalten.
Die Haltung der Achtsamkeit trainiert die Bewusstheit dafür, wie wir uns oft selbst schaden und die äußeren Stressoren innerlich noch anheizen, indem wir sie dramatisieren. Achtsamkeit fördert die Introspektion: Unbewusstheit für die eigenen Muster ist gerade im Beziehungsgeflecht mit Schülern oft der Ausgang für Machtkämpfe und anstrengende Auseinandersetzungen. (Wunderbar das Kapitel über "The Student of Hell" - Stoffhel, den Schüler, der es versteht gnadenlos "die Knöpfe" zu drücken. Jeder Lehrer hat seine ganz persönlichen Stoffhels, die passgenau auf die jeweiligen biographischen Muster passen.) (Interessant auch die Hinweise auf die jüngsten Ergebnisse der Spiegelneuronenforschung im Hinblick auf das Unterrichtsgeschehen.)
Keineswegs werden übrigens die äußeren Bedingungen der derzeitigen Schulsituation beschönigt, sondern durchaus realistisch beschrieben. Es hilft aber wohl nicht, sich im Beklagen von unzureichenden Verhältnissen zu erschöpfen, sondern es gilt Wege aufzuzeigen, wie es gelingen kann, die Kraftquellen im Lehrerberuf wieder sprudeln zu lassen und die Bedeutung der eigenen Persönlichkeit für den Lernprozess zu verstehen. Das ist wohl die wichtigste Aussage des Buches: Die Fähigkeit zur Präsenz im Klassenzimmer eröffnet den Zauber des Unterrichtens. Wer als Lehrer ganz präsent sein kann, der ist bereit, jeden Schüler wertschätzend wahrzunehmen, der ist in der Lage, genau zu spüren, was in jedem Augenblick ansteht.
Das Programm "Achtsame-Acht-Wochen" lädt dazu ein, auf Forschungsreise im eigenen Schulalltag zu gehen. Wenige einfache Übungen für eine tägliche Praxis der Selbstwahrnehmung werden vorgeschlagen, dann Beobachtungsaufgaben für den eigenen Schulalltag und Möglichkeiten des "Achtsamen Schreibens". Jede Woche hat sozusagen ein Thema. Schon beim Lesen bekommt man Lust die Übungen einmal auszuprobieren.
Ich werde nächste Woche mal damit beginnen und freue mich schon darauf. H.