Dieses Buch habe ich für ein Seminar über das so genannte Web 2.0 (also die "neueren" partizipatorischen Kommunikationsmöglichkeiten im Web wie Weblogs, Wikis, Social Communities etc.) verwendet - und es hat mir am Ende eine neue Perspektive auf dieses Thema eröffnet. Nebenbei, aber konsequent und überzeugend, wird hier ein großer Unterschied zwischen Deutschland und dem angelsächsischen Raum hinsichtlich der Diskussion über das Web 2.0 dargestellt. In der deutschsprachigen Debatte geht es demnach in erster Linie um die Frage, inwieweit sich der Journalismus durch die vielen Beteiligten des Web 2.0 verändert und noch verändern wird. Dabei schwingt häufig - ob beabsichtigt oder unterschwellig - eine latente Abwertung mit, die Vielzahl der Stimmen sei journalistisch irrelevant und daher in der öffentlichen Debatte vernachlässigbar.
Laut der Autorin wird diese Ansicht allerdings in der englischsprachigen wissenschaftlichen Diskussion nicht so strikt vertreten, da dort der Blick nicht so sehr auf die A-List-Blogs fokussiert, sondern auch auf den so genannten Long-Tail gerichtet wird. Dies sind alle diejenigen Millionen Weblogs, die sich zumeist ganz speziellen Themen nach dem jeweiligen persönlichen Interesse widmen und häufig nur einige wenige, dafür aber treue Leserinnen haben. Im Laufe des Buches zitiert die Autorin zahlreiche Beispiele aus der umfangreichen englischsprachigen Literatur, die aufzeigen, dass sich längst verschiedene Teilöffentlichkeiten innerhalb der Blogosphäre herausgebildet haben, die mit einem herkömmlichen Begriff von Öffentlichkeit kaum zu fassen sind (die Autorin diskutiert in erster Linie das Öffentlichkeitsmodell von Jürgen Habermas und stellt dieses auch ausführlich und anschaulich dar).
Insgesamt lernt man aus diesem Fachbuch, dass die "neueren" interaktiven Medienformate des Web 2.0 keinesfalls den "Journalismus alter Schule" überwältigen und trivialisieren, sondern demgegenüber zu einer größeren Vielfalt an Meinungsäußerungen führen und damit auch Öffentlichkeit herstellen für Themen, für die sich vorher sonst niemand interessierte (oder, um es anders auszudrücken, von denen Journalisten dachten, niemand interessiere sich dafür). Das Buch ist sprachlich und gestalterisch angemessen; wichtige Begriffe werden definiert und voneinander abgegrenzt, Worthülsen wie zum Beispiel die unsägliche "Internetseite" sind mir keine aufgefallen. Alles in allem kann ich dieses Buch sehr empfehlen.