Mit dem Erwachen kam der Schmerz. Der Schlaf hatte ihn vorübergehend blockiert, durch bizarre, fantastische Träume ersetzt, kleine Fluchten in die Welt des Unbewussten, aber als Thore Bardon die Augen aufschlug, war der Schmerz wieder gegenwärtig. Er nagte an seinem Herzen, nährte sich an seiner Seele, und es gab nichts, was er dagegen tun konnte. Er lag schwitzend auf seiner Pritsche in der Kommandantenkabine, spartanisch und schmucklos wie alle Unterkünfte im Wohndeck des Schweren Kreuzers IBODAN, starrte in die Dunkelheit und hörte das Keuchen seiner stoßartigen Atemzüge, als wäre er nur ein unbeteiligter Beobachter und kein Akteur.
Im Hintergrund rumorte das stetige, gedämpfte Dröhnen der Ringwulst-Impulstriebwerke und täuschte Beständigkeit vor, obwohl es keine Beständigkeit mehr gab, nur noch Zerstörung, Untergang, Tod.
Tod
Bardon stöhnte auf.
Die Erinnerungen brachen wieder über ihn herein, eine Bilderflut aus vergangenen Tagen, wahllos herausgegriffene Momentaufnahmen aus dem Leben auf Gunrar II im 34. Tamanium, die lächelnden Gesichter seiner Frau und Kinder, glückliche Augen, unbeschwert, ahnungslos. Die Geborgenheit, die er im Kreis seiner Familie gefunden hatte, hallte als mattes Echo in ihm wider, überlagert von dem Wissen, dass Gunrar II nicht mehr existierte, dass alle, die er einst gekannt und geliebt hatte, tot waren, für immer verloren, verglüht im Feuersturm der Bestienschiffe.
Er war allein.
Nur noch der Schmerz begleitete ihn.
Und alles, was ihm geblieben war, war die Mission.
Die Mission
Der Gedanke belebte ihn. Er vertrieb nicht den Schmerz, reduzierte ihn aber zu einem dumpfen Druck im Hinterkopf, aus dem er jederzeit wieder hervorbrechen konnte, brüllend und grell und unerträglich. Doch solange er an der Mission arbeitete, solange er sie mit aller Kraft verfolgte, sich durch nichts und niemand von ihr abbringen ließ, blieb der Schmerz nicht nur gedämpft, sondern verwandelte sich in etwas, das an Hoffnung erinnerte
wenn es denn im 97. Jahr des großen Krieges Hoffnung überhaupt noch geben konnte.
Thore Bardon schwang die Beine von der harten Pritsche und stand auf. Der Kabinencomputer registrierte seine Bewegung und machte Licht. In der plötzlichen Helligkeit schienen die kahlen Wände näher zu rücken, ihn wie eine eiserne Faust zu umschließen. Er kniff die Augen zusammen, atmete tief durch und wartete, bis sich der jagende Schlag seines Herzens wieder beruhigt hatte.
Er musste kühl bleiben, durfte kein Gefühl zeigen. Er war der Kommandant, und die Besatzung verließ sich auf ihn. Sie sah zu ihm auf, erwartete Autorität und Führung in einer Zeit, in der das Chaos herrschte und der Tod triumphierte. Wenn ihre verzweifelte, tollkühne Mission Erfolg haben sollte, dann musste er mit der Präzision eines Uhrwerks funktionieren und durfte keinerlei Schwäche zeigen.
Sein Blick fiel auf das Holobild auf der Nachtkonsole, und der Schmerz brannte wie Feuer in seinem Herzen. Es zeigte Jercy und ihre drei Kinder Aból, Dhoma und Chemee, in einem glücklichen Moment eingefroren, vor der Kulisse des zentralen Raumhafens von Gunrar II.
Ich werde es für euch tun, dachte er grimmig. Ich werde den Weltraum durchmessen und die Zeit mir untertan machen, und dann werde ich euch zurückholen aus der Finsternis des Todes. Ich werde nicht zulassen, dass ihr für immer im Grab bleibt.
Er stapfte mit schweren Schritten in die Nasszelle, trat unter die Dusche und ließ von dem lauwarmen, dünnen Wasserstrahl den kalten Nachtschweiß und die Müdigkeit fortwaschen. Er war ein großer, kräftiger Mann mit samtbrauner Haut, kahl geschorenem Schädel und einem Gesicht, das jungenhaft gewirkt hätte, wäre es nicht von dem verzehrenden Schmerz zerfurcht, der ihn auf Schritt und Tritt begleitete. Das Licht in seinen Augen war erloschen, der Mund ein freudloser Strich, der das Lächeln schon vor langer Zeit verlernt hatte. Von seinem rechten Schulterblatt bis zum Solarplexus zog sich eine rosige Narbe, ein Souvenir der Schlacht um Lhordavan im 44. Tamanium, eine der wenigen Schlachten, die die Lemurer gegen die Bestien gewonnen hatten.
Doch während er im Orbit um Lhordavan gekämpft hatte, furchtlos und heldenhaft, wie es von ihm erwartet wurde, war eine andere Flotte der Schwarzen Bestien über Gunrar II hergefallen und hatte alle getötet, die er liebte. Gunrar war nur eine dünn besiedelte Agrarwelt gewesen, Lhordavan aber ein hoch entwickelter Industrieplanet, dessen Produktionskapazitäten für den Krieg von entscheidender Bedeutung waren. Bardon konnte verstehen, warum das Oberkommando der Flotte einen dichten Verteidigungsring um Lhordavan gelegt, Gunrar II jedoch ungeschützt gelassen hatte.
Strategische Erwägungen.
Nüchternes Kosten-Nutzen-Denken.
Lhordavan musste um jeden Preis gehalten werden, und sie hatten es geschafft, auch wenn Hunderte von Raumschiffen zerstört wurden und Hunderttausende von Männern und Frauen gefallen waren. Ein großer Sieg, ein bitterer Triumph. Und währenddessen war Gunrar II verbrannt, mit allem, was dort lebte, seiner Frau Jercy und den Kindern, seinen Nachbarn und Freunden
Genug!, dachte Bardon zornig. Hör auf, dich selbst zu quälen. Gunrar ist Geschichte, und es liegt allein an dir, die Geschichte zu ändern
sofern dies überhaupt möglich ist.
Er trocknete sich ab, schlüpfte in seine Uniform und warf einen Blick auf die Zeitanzeige seines Kom-Armbands. Es war kurz vor 24.00 Uhr Bordzeit. Er hatte nur drei Stunden geschlafen. Flüchtig überlegte er, sich noch einmal hinzulegen, vielleicht etwas Musik zu hören, um Entspannung zu finden, aber er verwarf den Gedanken. Blieb er allein, würden ihn nur die Erinnerungen heimsuchen, das Glück verlorener Tage, das sich in Schmerz verwandelt hatte. Er musste in die Zentrale gehen, musste irgendetwas tun, um sich abzulenken und die Mission voranzutreiben.
Das unveränderte Dröhnen der Impulstriebwerke verriet, dass der Schwere Kreuzer noch immer in der Sublichtphase war, aber vielleicht waren die Reparaturen am Halbraumantrieb inzwischen abgeschlossen. Vielleicht konnten sie den Flug zum 87. Tamanium endlich fortsetzen und ihre Mission erfüllen.
Thore Bardon straffte sich, strich mit einer automatischen Bewegung die Schöße seiner Uniformjacke glatt und trat hinaus auf den Korridor. Hier war das Dröhnen der Impulstriebwerke lauter und erinnerte an das Grollen urzeitlicher Tiere, im Bauch des Schiffes eingeschlossen. Es roch nach Ozon, verbranntem Stahlplastik und verdampften Kühlmitteln, eine Folge des Treffers, den die Steuerbordseite der IBODAN vor einigen Tagen abbekommen hatte, als der kleine, aus fünf Schiffen bestehende Verband auf eine Flotte der Bestien gestoßen war.
Sie hatten sich nur durch eine schnelle Flucht vor der Vernichtung retten können, aber der blinde Sprung in den Halbraum hatte sie weit von ihrem Kurs abgebracht, und die Reparaturarbeiten kosteten weitere wertvolle Zeit.
Bardon ging mit schnellen Schritten durch den Korridor, stieg in den Antigravschacht und ließ sich hinauf zur Kommandoebene des Schweren Kreuzers tragen. Unterwegs begegnete ihm kein Crewmitglied, eine Folge der späten Stunde, aber auch der Verluste, die sie erlitten hatten. Ein Viertel der Besatzung war tot, ein weiteres Viertel verwundet. Und die überlebende Crew war müde und erschöpft, von den Entbehrungen gezeichnet, den Schrecken der vergangenen Wochen und Monate, aber auch von der heiligen Entschlossenheit erfüllt, die ihnen allen in diesen düsteren Stunden Kraft gab.
Wir sind die letzte Hoffnung von Lemur, dachte Bardon, das einzige Bollwerk des Großen Tamaniums, das noch nicht in Trümmern liegt. Von unserem Erfolg oder Misserfolg hängt nicht nur unsere Zukunft ab, sondern auch unsere Vergangenheit.
Er schauderte, als ihm plötzlich die Hybris ihres Planes dämmerte, die ungeheuerlichen, unvorstellbaren Folgen, die ihre Mission für die gesamte Galaxis Apsuhol haben würde
Aber es nicht zu tun, zu resignieren und sich mit der...
Mit dem Erwachen kam der Schmerz. Der Schlaf hatte ihn vorübergehend blockiert, durch bizarre, fantastische Träume ersetzt, kleine Fluchten in die Welt des Unbewussten, aber als Thore Bardon die Augen aufschlug, war der Schmerz wieder gegenwärtig. Er nagte an seinem Herzen, nährte sich an seiner Seele, und es gab nichts, was er dagegen tun konnte. Er lag schwitzend auf seiner Pritsche in der Kommandantenkabine, spartanisch und schmucklos wie alle Unterkünfte im Wohndeck des Schweren Kreuzers IBODAN, starrte in die Dunkelheit und hörte das Keuchen seiner stoßartigen Atemzüge, als wäre er nur ein unbeteiligter Beobachter und kein Akteur.
Im Hintergrund rumorte das stetige, gedämpfte Dröhnen der Ringwulst-Impulstriebwerke und täuschte Beständigkeit vor, obwohl es keine Beständigkeit mehr gab, nur noch Zerstörung, Untergang, Tod.
Tod
Bardon stöhnte auf.
Die Erinnerungen brachen wieder über ihn herein, eine Bilderflut aus vergangenen Tagen, wahllos herausgegriffene Momentaufnahmen aus dem Leben auf Gunrar II im 34. Tamanium, die lächelnden Gesichter seiner Frau und Kinder, glückliche Augen, unbeschwert, ahnungslos. Die Geborgenheit, die er im Kreis seiner Familie gefunden hatte, hallte als mattes Echo in ihm wider, überlagert von dem Wissen, dass Gunrar II nicht mehr existierte, dass alle, die er einst gekannt und geliebt hatte, tot waren, für immer verloren, verglüht im Feuersturm der Bestienschiffe.
Er war allein.
Nur noch der Schmerz begleitete ihn.
Und alles, was ihm geblieben war, war die Mission.
Die Mission
Der Gedanke belebte ihn. Er vertrieb nicht den Schmerz, reduzierte ihn aber zu einem dumpfen Druck im Hinterkopf, aus dem er jederzeit wieder hervorbrechen konnte, brüllend und grell und unerträglich. Doch solange er an der Mission arbeitete, solange er sie mit aller Kraft verfolgte, sich durch nichts und niemand von ihr abbringen ließ, blieb der Schmerz nicht nur gedämpft, sondern verwandelte sich in etwas, das an Hoffnung erinnerte
wenn es denn im 97. Jahr des großen Krieges Hoffnung überhaupt noch geben konnte.
Thore Bardon schwang die Beine von der harten Pritsche und stand auf. Der Kabinencomputer registrierte seine Bewegung und machte Licht. In der plötzlichen Helligkeit schienen die kahlen Wände näher zu rücken, ihn wie eine eiserne Faust zu umschließen. Er kniff die Augen zusammen, atmete tief durch und wartete, bis sich der jagende Schlag seines Herzens wieder beruhigt hatte.
Er musste kühl bleiben, durfte kein Gefühl zeigen. Er war der Kommandant, und die Besatzung verließ sich auf ihn. Sie sah zu ihm auf, erwartete Autorität und Führung in einer Zeit, in der das Chaos herrschte und der Tod triumphierte. Wenn ihre verzweifelte, tollkühne Mission Erfolg haben sollte, dann musste er mit der Präzision eines Uhrwerks funktionieren und durfte keinerlei Schwäche zeigen.
Sein Blick fiel auf das Holobild auf der Nachtkonsole, und der Schmerz brannte wie Feuer in seinem Herzen. Es zeigte Jercy und ihre drei Kinder Aból, Dhoma und Chemee, in einem glücklichen Moment eingefroren, vor der Kulisse des zentralen Raumhafens von Gunrar II.
Ich werde es für euch tun, dachte er grimmig. Ich werde den Weltraum durchmessen und die Zeit mir untertan machen, und dann werde ich euch zurückholen aus der Finsternis des Todes. Ich werde nicht zulassen, dass ihr für immer im Grab bleibt.
Er stapfte mit schweren Schritten in die Nasszelle, trat unter die Dusche und ließ von dem lauwarmen, dünnen Wasserstrahl den kalten Nachtschweiß und die Müdigkeit fortwaschen. Er war ein großer, kräftiger Mann mit samtbrauner Haut, kahl geschorenem Schädel und einem Gesicht, das jungenhaft gewirkt hätte, wäre es nicht von dem verzehrenden Schmerz zerfurcht, der ihn auf Schritt und Tritt begleitete. Das Licht in seinen Augen war erloschen, der Mund ein freudloser Strich, der das Lächeln schon vor langer Zeit verlernt hatte. Von seinem rechten Schulterblatt bis zum Solarplexus zog sich eine rosige Narbe, ein Souvenir der Schlacht um Lhordavan im 44. Tamanium, eine der wenigen Schlachten, die die Lemurer gegen die Bestien gewonnen hatten.
Doch während er im Orbit um Lhordavan gekämpft hatte, furchtlos und heldenhaft, wie es von ihm erwartet wurde, war eine andere Flotte der Schwarzen Bestien über Gunrar II hergefallen und hatte alle getötet, die er liebte. Gunrar war nur eine dünn besiedelte Agrarwelt gewesen, Lhordavan aber ein hoch entwickelter Industrieplanet, dessen Produktionskapazitäten für den Krieg von entscheidender Bedeutung waren. Bardon konnte verstehen, warum das Oberkommando der Flotte einen dichten Verteidigungsring um Lhordavan gelegt, Gunrar II jedoch ungeschützt gelassen hatte.
Strategische Erwägungen.
Nüchternes Kosten-Nutzen-Denken.
Lhordavan musste um jeden Preis gehalten werden, und sie hatten es geschafft, auch wenn Hunderte von Raumschiffen zerstört wurden und Hunderttausende von Männern und Frauen gefallen waren. Ein großer Sieg, ein bitterer Triumph. Und währenddessen war Gunrar II verbrannt, mit allem, was dort lebte, seiner Frau Jercy und den Kindern, seinen Nachbarn und Freunden
Genug!, dachte Bardon zornig. Hör auf, dich selbst zu quälen. Gunrar ist Geschichte, und es liegt allein an dir, die Geschichte zu ändern
sofern dies überhaupt möglich ist.
Er trocknete sich ab, schlüpfte in seine Uniform und warf einen Blick auf die Zeitanzeige seines Kom-Armbands. Es war kurz vor 24.00 Uhr Bordzeit. Er hatte nur drei Stunden geschlafen. Flüchtig überlegte er, sich noch einmal hinzulegen, vielleicht etwas Musik zu hören, um Entspannung zu finden, aber er verwarf den Gedanken. Blieb er allein, würden ihn nur die Erinnerungen heimsuchen, das Glück verlorener Tage, das sich in Schmerz verwandelt hatte. Er musste in die Zentrale gehen, musste irgendetwas tun, um sich abzulenken und die Mission voranzutreiben.
Das unveränderte Dröhnen der Impulstriebwerke verriet, dass der Schwere Kreuzer noch immer in der Sublichtphase war, aber vielleicht waren die Reparaturen am Halbraumantrieb inzwischen abgeschlossen. Vielleicht konnten sie den Flug zum 87. Tamanium endlich fortsetzen und ihre Mission erfüllen.
Thore Bardon straffte sich, strich mit einer automatischen Bewegung die Schöße seiner Uniformjacke glatt und trat hinaus auf den Korridor. Hier war das Dröhnen der Impulstriebwerke lauter und erinnerte an das Grollen urzeitlicher Tiere, im Bauch des Schiffes eingeschlossen. Es roch nach Ozon, verbranntem Stahlplastik und verdampften Kühlmitteln, eine Folge des Treffers, den die Steuerbordseite der IBODAN vor einigen Tagen abbekommen hatte, als der kleine, aus fünf Schiffen bestehende Verband auf eine Flotte der Bestien gestoßen war.
Sie hatten sich nur durch eine schnelle Flucht vor der Vernichtung retten können, aber der blinde Sprung in den Halbraum hatte sie weit von ihrem Kurs abgebracht, und die Reparaturarbeiten kosteten weitere wertvolle Zeit.
Bardon ging mit schnellen Schritten durch den Korridor, stieg in den Antigravschacht und ließ sich hinauf zur Kommandoebene des Schweren Kreuzers tragen. Unterwegs begegnete ihm kein Crewmitglied, eine Folge der späten Stunde, aber auch der Verluste, die sie erlitten hatten. Ein Viertel der Besatzung war tot, ein weiteres Viertel verwundet. Und die überlebende Crew war müde und erschöpft, von den Entbehrungen gezeichnet, den Schrecken der vergangenen Wochen und Monate, aber auch von der heiligen Entschlossenheit erfüllt, die ihnen allen in diesen düsteren Stunden Kraft gab.
Wir sind die letzte Hoffnung von Lemur, dachte Bardon, das einzige Bollwerk des Großen Tamaniums, das noch nicht in Trümmern liegt. Von unserem Erfolg oder Misserfolg hängt nicht nur unsere Zukunft ab, sondern auch unsere Vergangenheit.
Er schauderte, als ihm plötzlich die Hybris ihres Planes dämmerte, die ungeheuerlichen, unvorstellbaren Folgen, die ihre Mission für die gesamte Galaxis Apsuhol haben würde
Aber es nicht zu tun, zu resignieren und sich mit der Realität abzufinden, hatte noch weitaus schlimmere Konsequenzen. Das lemurische Reich zerstört, Millionen und Abermillionen tot, Milliarden auf der Flucht nach Karahol, der fernen Zwillingsgalaxis.
Und Jercy
seine drei Kinder
Der Tod hatte sie in Gestalt der Bestien geholt und ihm weggenommen, aber er wusste jetzt, dass der Tod nicht das Ende sein musste. Die Zeit war ein unerbittlicher Feind, doch nicht unbezwingbar.
Wenn die Ergebnisse ihrer Nachforschungen stimmten, wenn die Informationen, die sie auf mühevolle und gefährliche Weise gesammelt hatten, den Tatsachen entsprachen, dann war es möglich, den Lauf der Geschichte zu ändern. Das Große Tamanium konnte in all seiner Macht und Herrlichkeit wieder auferstehen, die tödliche Gefahr, die von den Bestien ausging, im Keim erstickt werden.
Und Jercy und seine Kinder würden leben.
Sie würden nie gestorben sein.
Leise zischend öffnete sich vor ihm das Schott, und er betrat die Zentrale. Die Köpfe der diensthabenden Offiziere drehten sich in seine Richtung und nickten knapp. Niemand schien überrascht, dass der Kommandant lange vor seinem offiziellen Dienstbeginn in die Zentrale zurückkehrte.
»Halaton kher lemuu onsa«, murmelte Palanker, sein Erster Offizier, die traditionelle Grußformel. Gesegnet sei das Land der Väter.
Palanker war ein muskulöser, gedrungener Mann mit dunklen, kurz geschnittenen Haaren und einem breitflächigen Gesicht, in dem sich manchmal, wenn seine Selbstkontrolle nachließ, derselbe Schmerz spiegelte, der auch Bardon zerfraß. Auch seine Familie war in den Kriegswirren ums Leben gekommen, seine Heimatwelt von den Bestien verwüstet worden.
Es gab kaum ein Besatzungsmitglied an Bord, das keine Angehörigen verloren hatte. Und die wenigen Glücklichen, deren Familien noch lebten, mussten sich mit der Tatsache abfinden, dass sie wie so viele andere Lemurer über den Sonnentransmitter nach Karahol evakuiert worden waren, zwei Millionen Lichtjahre entfernt, unerreichbar.
Palanker stand vom Kommandantensessel auf und trat einen Schritt zurück. Bardon nahm wortlos Platz und überflog die Statusanzeigen. Die Zahl der roten Warndioden, die die Schäden der Bordsysteme anzeigten, hatte sich um die Hälfte reduziert.
Sehr gut, dachte Bardon erleichtert. Es gibt also Fortschritte. Und Fortschritt bedeutet Hoffnung.
»Die Reparaturen am Halbraumtriebwerk sind fast abgeschlossen«, sagte Palanker nach einem kurzen Räuspern. »Die Cheftechnikerin hat mir versichert, dass wir in spätestens einer Stunde den Überlichtflug fortsetzen können.«
»Ausgezeichnet«, nickte Bardon.
Er sah auf den großen Hauptbildschirm, auf dem sich vor dem schwarzen, sternendurchfunkelten Hintergrund des Weltraums die Ortungsreflexe der vier anderen Schweren Kreuzer des kleinen Verbands abzeichneten. Palanker folgte seinem Blick.
»Die anderen Schiffe sind bereits hyperflugtauglich«, fügte er hinzu. »Allerdings sind die Waffenleitsysteme der GORGARTH und der PALPADIUM noch immer defekt. Die Reparaturen werden einige Tage in Anspruch nehmen.«
»Dann sollten wir besser auf keine weiteren Bestienschiffe stoßen«, brummte Bardon.
Erneut bedauerte er, dass der Hohe Tamrat Merlan ihnen nur eine Hand voll Schwere Kreuzer zur Verfügung gestellt hatte. Die 230 Meter durchmessenden Schiffe waren den meisten Einheiten der Bestien weit unterlegen. An Bord eines Schlachtschiffs der GOLKARTHE-Klasse hätte er sich viel sicherer gefühlt. Die Giganten mit einem Durchmesser von 1600 Metern waren veritable Kampfmaschinen, die mit ihren Gegenpolkanonen ganze Planeten vernichten konnten.
Aber wir können froh sein, dass uns Merlan überhaupt ein paar Schiffe gegeben hat, dachte Bardon, trotz des Mangels an kampffähigen Einheiten und ausgebildetem Personal. Und das haben wir nur Ruun Lasoth und seinen hervorragenden Verbindungen zum Flottenkommando und den Hohen Tamräten zu verdanken
»Wo ist Lasoth?«, fragte er laut.
Palanker zeigte auf ein kleineres Schott im Hintergrund der Zentrale. »Im Positronikraum«, sagte er. »Schon seit Stunden.«
Bardon richtete sich auf. »Übernimm wieder das Kommando«, befahl er. »Und informiere mich, sobald das Halbraumtriebwerk funktionstüchtig ist.«
»Natürlich«, erwiderte Palanker, während er sich wieder auf dem Kommandantensitz niederließ.
Bardon durchquerte die Zentrale und betrat den Positronikraum. Ruun Lasoth, der Chefwissenschaftler des 1. Tamaniums, saß an einem der Terminals und studierte die Daten, die über den Monitor flimmerten. Er blickte nicht auf, als Bardon hereinkam und am Nachbarterminal Platz nahm. Lasoth war ein hagerer alter Mann mit grauem Teint und einem schütteren Haarkranz, der wie eine Krone auf seinem Kopf saß. Die ausgeprägte Hakennase und eingefallenen Wangen gaben seiner Physiognomie etwas Raubvogelhaftes, und seine Augen waren kalt und hart wie dunkles Eis.
»Gibt es neue Erkenntnisse?«, fragte Bardon, als das Schweigen sich dehnte. »Irgendetwas, das uns weiterhilft?«
»Ich bin dabei, die Daten auszuwerten, die wir in den Trümmern der wissenschaftlichen Station auf Zalmut gefunden haben«, erklärte Lasoth, ohne den Blick von dem Monitor zu wenden. »Sie bestätigen das, was wir über die Aktivitäten des Suen-Klubs wissen. Die von Tamrat Markam geleiteten Zeitforschungen waren nach zwanzig Jahren theoretischer Arbeit weit genug fortgeschritten, um in die Praxis umgesetzt zu werden.«
»Mit der Zeitmaschine im 87. Tamanium«, sagte Bardon.
»Sofern sie existiert«, erwiderte der Wissenschaftler. Er drehte den Kopf und richtete den kalten Blick seiner Augen auf den Kommandanten. »Genau das ist das Problem. Die mir zur Verfügung stehenden Unterlagen sind in diesem Punkt widersprüchlich. Durch die Zerstörung der Gartenstadt Madun auf Suen sind die meisten Dokumente vernichtet worden. Der Suen-Klub ist ausgelöscht, Tamrat Markam verschollen oder tot, die beteiligten Wissenschaftler des Zeitforschungsprojekts sind unter mysteriösen Umständen verstorben oder spurlos verschwunden.«
Bardon trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Abdeckplatte des Computerterminals. »Was ist mit diesem Regnal-Orton, von dem in den Unterlagen immer wieder die Rede ist?«, fragte er. »Er muss ein enger Vertrauter Markams gewesen sein.«
»Und ein maßgeblicher Ideenlieferant für die Zeitforschungen des Suen-Klubs«, bestätigte Lasoth. Er zuckte die Schultern. »Allerdings gibt es in den Staatsarchiven des Großen Tamaniums keine Daten über ihn. Wenn er wirklich einer der führenden Wissenschaftler des Projekts Zeitmaschine gewesen ist, muss er unter größter Geheimhaltung gearbeitet haben aus welchen Gründen auch immer.«
»Oder die Unterlagen über ihn sind bei einem der Angriffe der Bestien auf Lemur vernichtet worden«, warf Bardon ein.
»Durchaus möglich«, meinte Lasoth. Er seufzte. »So, wie sich der Krieg entwickelt hat, ist es ein Wunder, dass wir überhaupt auf die Spur des Zeitforschungsprojekts gestoßen sind. All das Chaos, die schrecklichen Zerstörungen
«
Er verstummte. Bardon sah ihn an und fand in seinen kalten Augen ein Echo seines eigenen Schmerzes. Auch Lasoth hatte seine Familie verloren, seine Frau, seine Kinder, seine Enkel
Aber der Schmerz hatte ihn nicht resignieren lassen. Im Gegenteil, er schien seine Entschlossenheit noch zu stärken, diese Mission zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen, trotz der nur lückenhaften Informationen, über die sie verfügten.
»Wenn es diesen Prototypen der Zeitmaschine wirklich gibt, werden wir ihn finden«, erklärte Bardon mit fester Stimme. »Und wenn wir das gesamte 87. Tamanium nach ihm absuchen müssen wir werden ihn finden.«
»Und hoffen, dass er einsatzbereit ist«, murmelte der Wissenschaftler. Er hob in einer müden Geste die Hände. »Leider sind die Daten auch in diesem Punkt sehr vage. Aus einigen von Markams persönlichen Aufzeichnungen scheint hervorzugehen, dass der Prototyp erfolgreich getestet wurde, doch andere Unterlagen widersprechen dem. Es steht noch nicht einmal fest, wer die Zeitmaschine gebaut hat. Möglicherweise ist sie nicht Markams Werk, sondern das Produkt einer untergegangenen Zivilisation, und Markam und der Suen-Klub sind nur durch Zufall auf sie gestoßen.«
»Das wäre die schlechteste Alternative.« Bardon nickte düster.
»Wir müssten mit unseren Untersuchungen wieder bei null anfangen«, bestätigte Lasoth. »Und sie werden Zeit erfordern. Zeit, die wir vielleicht nicht haben
«
Bardon unterdrückte ein verzweifeltes Lachen. Es war eine Ironie des Schicksals, dass eine Expedition, die mit einem Zeitexperiment das Schicksal des lemurischen Volkes wenden wollte, an der Zeit zu scheitern drohte. Während sie hier saßen und miteinander sprachen, durchkreuzten die Flotten der Bestien die Galaxis, um die letzten Reste der lemurischen Zivilisation auszulöschen. Vielleicht steuerten in diesem Moment die Schiffe des Feindes jenen Planeten an, auf dem sich die Zeitmaschine befand, und zerstörten sie. Vielleicht kamen sie zu spät, um das rettende Zeitexperiment wagen zu können
»Sobald wir das 87. Tamanium erreichen, wissen wir mehr«, sagte er laut, um die lastende Stille zu brechen, die Depression zu vertreiben, die im Schweigen mitschwang.
»Die geheime Forschungsstation des Suen-Klubs auf Torbutan liegt fernab aller bewohnten Welten. Es ist unwahrscheinlich, dass die Bestien sie gefunden und zerstört haben. Wir werden auf Torbutan landen und dort die Antworten finden, die wir suchen.«
Lasoth sah ihn offen an, und die Müdigkeit, die plötzlich das kalte Schwarz seiner Augen mattierte, erschreckte Bardon. Die lange, gefährliche Suche nach der Zeitmaschine forderte ihren Tribut. Sie waren alle am Ende ihrer Kräfte, und dabei lag das Ende ihres Weges noch in weiter Ferne.
»Wir wissen nicht, ob die Station noch immer in Betrieb ist«, wandte Lasoth ein. »Und selbst wenn, ist es fraglich, ob Torbutan wirklich der Standort der Zeitmaschine ist. Markams Unterlagen sind
«
»Mit diesem Problem werden wir uns befassen, wenn wir Torbutan erreichen«, unterbrach Bardon. »Ein Schritt nach dem anderen, Lasoth. Nur so kommt man ans Ziel.«