Selten fand ich es schwieriger, den passenden Anfang zu einer Rezension zu finden. Aus zwei Gründen: Erstens ist es m.E. unsinnig, Band 1 oder Band 2 der vorliegenden Chronik getrennt zu rezensieren, weil beide sowohl formal wie auch inhaltlich dem selben Arbeitsprinzip folgen. Zweitens möchte ich nicht den Eindruck erwecken, als wüsste ich dieses Werk nicht zu würdigen, auch wenn ich einzelne Aspekte durchaus kritisch sehe.
Also am besten der Reihe nach: Michael Nagula legt hier eine im besten Wortsinne einmalige Fleißarbeit vor, die mit unglaublich vielen Detailinformationen, persönlichen Erinnerungen und (positiv gemeint) Insider-Informationen brilliert. Jedem/r Leser/in, der/die nicht im inneren Zirkel der schriftstellerischen Zunft oder des Verlagswesens verkehrt, öffnen sich mit diesen beiden Büchern Tore in eine eigene Welt mit besonderen Gesetzen, schillernden "Figuren" und teilweise dramatischen Abläufen.
Während Band 1 auf gut 500 Seiten noch die lange Zeit von 1961 bis 1974 abdeckt, passen in den selben Umfang von Band 2 "nur noch" die Jahre 1975 bis 1980. Diese auf den ersten Blick ungleiche Aufteilung erschließt sich beim Lesen recht schnell, denn Nagula hat hier in einer umtriebigen Branche recherchiert, deren Produkte in erster Linie schnell (und vergleichsweise billig) produziert werden mussten, für baldigen und massenhaften Konsum gemacht waren und deshalb keinem der Beteiligten Zeit für akribische Geschichtsschreibung gelassen haben.
Erschwerend kam für die Recherche natürlich noch dazu, dass sogar in der Zeit ab 2002, in der Nagula die Chronik-Häppchen für die Heftserie schrieb, die in diese Bücher eingeflossen sind, zahlreiche Akteure der Gründerjahre nicht mehr für Interviews zur Verfügung standen bzw. durch Verlagsübernahmen oder -pleiten und diverse andere Umwälzungen im Unterhaltungsliteratur-Markt Quellen längst versiegt waren.
Band 2 hingegen macht deutlich spürbar, dass hier die meisten Autoren, Verlagsoberen und Zuarbeiter von "außen" lange und intensiv Rede und Antwort gestanden haben. Auch viele Dokumente, wie Briefe, Verträge, Exposés und andere analoge Datenspeicher wurden im Dunstkreis der Mitte der Siebziger schon "größten Weltraumserie der Welt" penibel gesammelt und der Nachwelt erhalten.
Alle sich bietenden Gelegenheiten hat Michael Nagula engagiert und begeistert genutzt, um die Entstehungs- und Wachstumsgeschichte des Phänomens PERRY RHODAN zwischen Buchdeckel zu bringen. Und weil diese Serie mit ihren Spin-offs, Nebenserien, Merchandising-Produkten und Versuchsballons nicht im luftleeren Raum standen, lesen wir auch, wann und warum die Autoren wegen der Konzeption anderer Serien im Pabel-Moewig-Verlag (oder anderen) an die Grenzen ihrer Leistungskraft stießen, welche Querelen hinter den Kulissen das gemeinsame "Baby" bedrohten und welche Konkurrenzprodukte (Star Wars, TERRANAUTEN, u.v.m.) sich wie auf PERRY RHODAN ausgewirkt haben.
An diesen Stellen machten sich bei mir ebenso viele "Aha"-Erlebnisse wie "Muss das sein?"-Seufzer breit.
So gern ich mich durch die großen Zusammenhänge in der bundesdeutschen Unterhaltungsliteratur leiten ließ, so oft fragte ich mich, vor allem in Band 2, ob diese Exkurse zu DÄMONENKILLER, MYTHOR, DIE SEEWÖLFE und anderen Serien wirklich in dieser epischen Breite nötig waren. Manche Erläuterung zu "warum Band X bis Band Y von PERRY RHODAN von nur vier Autoren geschrieben wurden" geriet so nämlich zu einer Kurz-Chronik dieser anderen Serien - und so was gehört für meinen Geschmack eben nicht in ein Werk mit der Überschrift "PERRY RHODAN-CHRONIK". Da hätte ich mir einen etwas tougheren Lektor gewünscht, der einige (Dutzend) Seiten aus dem Manuskript streicht.
Das Zweite, was mich gelegentlich genervt hat, war die (zugegeben: lese- und verständnisfreundliche) Technik Nagulas, bestimmte Themen, die sich über mehrere Jahre entwickelten, in jedem Jahr, das seine Chronik gerade behandelt, erneut aufzugreifen. Diese Technik erspart dem Autor zwar Hundertschaften von Fußnoten mit Verweisen auf frühere Kapitel und mir ein ständiges Hin- und Herblättern in einem oder gar beiden Bänden der Chronik. Ab der zweiten Wiederholung einzelner Informationen (z.B.: Welche konzeptionellen Probleme zogen sich durch den kompletten Zyklus "ATLAN - König von Atlantis" und wer war mit der Rahmenhandlung warum unglücklich oder auch nicht) hat mich allerdings genau diese Schreibtechnik genervt.
Müßig, darüber zu spekulieren, welcher Prozentsatz dieser Doppelungen von den recycelten ursprünglichen Kurz-Kapiteln aus den Heftromanen stammt, ob Michael Nagula sich jedes Mal bewusst dafür entschieden hat, dies oder jenes nochmal zu schreiben, oder was in den Büchern geblieben ist, um Volumen zu machen oder weil zu wenig Zeit für das Lektorat blieb (wir erinnern uns: Band 1 war zunächst für September 2010 angekündigt, erschien dann im April 2011, Band 2 statt im Mai 2011 erst im Dezember).
Beide Kritikpunkte, die epischen Exkurse in andere Serien und Genres wie auch die Wiederholungen von Inhalten, schmälern Nagulas Verdienst um das Werk kaum, sondern sind für sich nur einen dezenten Hinweis wert: Insgesamt stellen die beiden Chronik-Bücher für mich etwas nie Dagewesenes dar, was Umfang, Vollständigkeit, Lesbarkeit und, ja sogar Neutralität der Darstellung angeht.
Bleibt nur noch die Frage, wie die Worte des Autors in seiner Danksagung am Ende von Band 2 zu verstehen sind. Dort wendet er sich unter anderem an Eckart Schwettmann, Verlagsleiter von hannibal, der die Veröffentlichung dieser "zweibändigen" Chronik ermöglicht habe. Diese Formulierung lässt keinen Raum dafür, dass die, z.B. bei Transgalaxis, angekündigten Bände 3 und 4 noch kommen - beide ursprünglich vorgesehen für 2012.
Sollten diese Folgebände (Band 3 - Die Ära Vlcek 1985 - 2000; Band 4 - Die Ära Feldhoff ca. 1996 - 2010), die die Zeit nach dem legendären Band 1000 zum Thema haben, auf Eis gelegt worden sein, kann ich nur sagen: Schade! Und diese Bewertung wiegt für mich viel schwerer als jede Kritik an Details...