"Freud ist und Schmerz dir seh ich, gleich verderblich,
Und gleich zum Wahnsinn reißt dich beides hin."
(Heinrich von Kleist, 1777-1811)
Ein Werk, 24 Auftritte sind vor genau 200 Jahren im Jahr 1808 erschienen, eine Geschichte aus grauer Vorzeit, Rache war der Anlass, einen Frauenstaat zu gründen. Zum Überleben werden Männer, vom Gott Mars bestimmt, bekämpft, gefangen genommen und ins Reich der Amazonen gebracht. Ein großes Liebesfest ist der Gefangen Strafe, bevor sie wieder entlassen werden. Die Handlung ist in Troja angesiedelt, der trojanische Krieg wird integriert und die Helden Achill und Odysseus sind es, die im Kampf mit Penthesilea bestehen müssen. Insbesondere ist der Sieg über Achill das Bestreben Penthesileas und sie animiert ihn damit, gleiches aus seiner Sicht zu wollen. Die Frage muss aufgeworfen werden, ob Gewalt oder Liebe, das Brutale oder das Überzarte den Gewinn ermöglicht. Jedenfalls ist für Kleist diese Komplementäreigenschaft scheinbar die eigentliche Botschaft, er lässt seine Protagonistin wie auch Achill ("In jedem schönen Sinn gewillt mein ganzes Leben in deiner Blicke Fesseln zu verflattern".) im Wechselbad der Gefühle die Handlung durchstehen. Und Liebe wie Gewalt erscheinen als Paradoxon oder eben als duales System in einer Person, "halb Furie, halb Grazie", so erschien sie dem Achill. Und dieser verkörperte auf Grund seiner Vergangenheit Gewalt, da er Hektor zu Tode schleifte. Und genau diese Tatsache macht ihn, den "Lieben, Wilden, Süßen, Schrecklichen" attraktiv für das Bekränzen mit Rosen. Diese Ambivalenz zeigt sich auch, wo der vermeintliche Sieg verloren für sie ward: "das Äußerste, das Menschenkräfte leisten, hab ich getan - Unmögliches versucht - Mein alles hab ich an den Wurf gesetzt; Der Würfel, der entscheidet, liegt, er liegt: Begreifen muss Ichs --- und dass ich verlor".
Ovid fand in seiner Ars amatoria (siehe dort) bereits, dass die Frau durchaus ihrer Liebe beraubt werden wolle, auch dort ist eine Dualität der Zuneigungen vorhanden, die stabile Ambivalenz, sowohl im aggressiven Verlangen wie im opfervollem Geben, verheißt. "Liebe ist Kriegskunst. Feiglingen bleibt sie verschlossen", reüssiert er dort. Dass Goethe sich nicht hat anfreunden können, ist verständlich, da er ebenso einen Gegenpol, hier zu seiner Iphigenie, spürt. Kleist reagiert sehr selbstbezüglich, wenn er das möglich unerträgliche Leben in eine unendliche Leidenschaft verwandeln muss, um lebensfähig zu bleiben. Und doch erkennen wir, dass alles was entsteht, zum Untergang bereit sein muss. Da wo Penthesilea sie selbst ist, will sie nichts anderes sein, außer tot. "Staub lieber, als Weib sein, das nicht reizt", zeigt ihre Bestimmung bei Kleist. Und diese Bestimmung gipfelt in der Aussage: "Verflucht das Herz, das sich nicht mäßigen kann". Kleist ist sehr persönlich, sein dämonisches Wesen ist allgegenwärtig, selbst in der letztendlichen Inszenierung. Penthesilea opfert Achill den Hunden, sie weiht ihn dem Tode, doch ohne wirkliche Absicht, dem Wahn folgend , um am Ende festzustellen: "So war es ein Versehen, Küsse, Bisse, / Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, / Kann schon das eine für das andere greifen". Penthesilea folgt ihm jedoch freiwillig in den Tod, Gewalt an andere und an sich scheint des Lebens Ziel. "Denn hier war ihres fernes Bleiben nicht." Freiwillig heißt aber auch, dass die brennende Ambivalenz zwischen Liebe und Gewalt dieses erst ermöglicht und verlorene Liebe zugleich Voraussetzung der Tat gegen sich ist.
Wie lange hat Kleist selbst gesucht, eine Frau zu finden, die das letztmögliche mit ihm teilte. Zwei Schüsse, zwei Tode in Absprache, so endet selbst gewählt sein Leben. Sein Leben? - dieses war nur ein Zujagen auf das Ende. Spannung und Stauung seines Lebens zeigen sich in diesem Werk, zuviel Blut bei zuviel Hirn, zu viel Gegensätze der Leidenschaft. Zuviel Sexus und Eros, traumhafte Übersteigungen, wenn immer wieder Penthesilea, nackt vom Sandel traufend aus dem Bade steigt, wenn Hand und Mund das Liebesspiel steigernd, überhitzte Ekstase dokumentieren, wenn Männlichkeit des Achill in "Männischkeit, beinahe Sadismus" (Zweig) ausartet, Leidenschaft zum Lustmord führt. Lenz zeichnet ein vermeintlich ruhiges Bild dieser aufgebracht ambivalenten Penthesilea: "Aus ihren Augen lacht die Freude / Auf ihren Lippen blüht die Lust / Und unterm Amazonenkleide / Hebt Mut und Drang und Stolz die Brust: / Doch unter Locken, welche fliegen / Um Ihrer Schultern Elfenbein, / Verrät ein Seitenblick beim Siegen / Den Wunsch besiegt zu sein." (Jakob M. R. Lenz (1751-1792)
Insgesamt ist dieses Stück keine Ruhmestat Kleists im Sinne des 19. Jahrhundert. Das Griechentum hat mit Hölderlin, Goethe, Hoffmann u. a. eine herausragende Stellung. Kleist torpediert ein wenig. Doch aus der heutigen Sicht spürt man, was Ovid bereits sagte, was Kleist hier sehr deutlich macht: keine Chance für die immerwährende Eintracht.
Sehr empfehlenswert.