Mehr als zwei Wochen lang habe ich Ferngläser recherchiert, dutzende Exemplare erwogen, stand mehrmals kurz vor dem Kauf und habe es dann doch wieder verworfen. Bis ich im Internet auf das Papilio stieß, zwei, drei Rezensionen dazu las und ohne zu zögern ein Exemplar bestellte. Vor zwei Tagen kam es an und seither tue ich fast keinen Schritt mehr ohne es.
Das Papilio ist kein gewöhnliches Fernglas, es ist vor allem ein Nahglas, mehr noch, es ist eine neue Weltanschauung. Die Wiese im Garten wird zum Dschungel, der Teich zum eigenen Universum, innerhalb einer halben Stunde habe ich gelernt, die Welt des Kleinen neu zu sehen und zu begreifen. Ich beobachtete eine Spinne - jedes ihrer acht Augen war deutlich zu erkennen -, die scheinbar reglos im Gras saß und dann nach einer Fliege sprang, die Paarung zweier wunderschöner Libellen - eine der beiden tat sich danach an einer Spinne gütlich - und dann Molche im Wasser, die Vögel in der Luft: herrlich. Die Bilder sind gestochen scharf, die Farbwidergabe prächtig. Aber man kann das Glas zu mehr nutzen, zum Beispiel zur Selbstbeobachtung. Die ausgestreckte Hand wird zur Riesenpranke und vor dem Spiegel lässt sich jede Falte, jedes Haar, jeder Zahn unter die Lupe nehmen, mehr noch, unters Mikroskop. Das nämlich ist dieses Fernglas: ein Mikroskop. Es sollte zur Grundausrüstung im Biologieunterricht gehören und unter den Weihnachtsbaum jedes interessierten Kindes, denn es bietet mehr als schöne Bilder, es regt zum Denken an, zum anders Wahrnehmen. Allein das Rasenmähen mit der Maschine erscheint nun plötzlich als Schandtat, wenn man einmal realisiert hat, was da alles kreucht und fleucht.
Die Anwendungsmöglichkeiten sind schier endlos: Briefmarken, Edelsteine und Kristalle, Mikroelektronik, Kunstobjekte und Gemälde, Baumaterialien ... - alles, was einen näheren Blick verträgt.
Gibt es auch was zu meckern? Dass das Gerät "Made in China" ist, dürfte längst keine Diffamierung mehr sein. Für eine achteinhalbfache Vergrößerung ist das Sichtfeld mit angegebenen 105 m etwas beschränkt. Hier könnte das 6,5er abhelfen; auch beim Nahfokus ist schneller Bewegung schwerer zu folgen; man sollte also abwägen, ob Vergrößerung oder Bildweite wichtiger ist. Die in dieser Preisklasse üblichen Farbränder beim Gegenlichtsehen gibt es auch hier - ein Vogel auf der Baumspitze oder im Flug erhält einen leichten gelblichen Rand, den man bei guten Leicas oder Zeiss nicht hat. Durch die enormen Distanzunterschiede muss man beim Fokussieren ganz schön kurbeln, viereinhalb Umdrehungen, um von unendlich auf unter 50 cm zu kommen (Spitzengläser haben hier eine einfache Umdrehung). Je näher das Objekt, um so geringer wird natürlich die Tiefenschärfe, d.h. Objekte die sich unmittelbar davor oder dahinter befinden sind unscharf und bei voluminöseren Insekten manchmal sogar bestimmte Teile (wenn ich die Rückenzeichnung betrachte, habe ich die Beine nicht mehr im Fokus). Der größte Nachteil dürfte allerdings sein, dass es schon im Dämmerlicht deutlich nachlässt und bei Mondlicht oder Dunkelheit fast gar nicht mehr zu gebrauchen ist, selbst beim Sterne gucken kommt nicht mehr viel. Außerdem ist es nicht wasserdicht.
Das klingt wie eine Menge Kritik, aber man darf nicht vergessen, dass es kein teures Glas ist und qualitativ manches 200 Euro-Gerät locker wegsteckt. Wer Naturfilme liebt oder Insekten- und Pflanzenphotographien, wird erstaunt feststellen, wie platt diese Bilder doch eigentlich sind: das Papilio gibt im Mikrobereich volles 3-D-Gefühl und stechende Farben. Mit weniger als 300 Gramm Gewicht und beigelieferter Gürteltasche/Tragriemen ist es immer mit dabei und gerade noch klein genug, um auch in die Jackentasche zu passen. Wie robust es ist, muss sich noch zeigen, aber 30 Jahre Garantie klingen doch recht selbstbewusst. Mein 6,5er Ersatzglas jedenfalls hat nach einem kleineren Sturz nun leichte double vision (da ist drinnen was verrutscht).
Bei allen relativen Schwächen: dieses Glas ist einmalig und weniger als 5 Punkte kommen hier nicht in Frage! Muss man einfach haben!