Ich werde es mir aus Gründen der Befangenheit verkneifen, eine detaillierte Rezension zum Buch von Hiltrud Cordes zu verfassen. Befangen einerseits, weil Hiltrud Cordes mir seit langen Jahren persönlich als überaus kompetente Kollegin bekannt ist. Zum anderen, weil eine solche Rezension 13 Jahre nach Veröffentlichung des Buches in wissenschaftlichen Kreisen etwas befremdlich wäre.
Aber das ist eigentlich auch gar nicht nötig, hat diese Arbeit doch mittlerweile das erreicht, was eine wissenschaftliche Arbeit im besten Sinne überhaupt nur erreichen kann: Sie wurde und wird weltweit von Wissenschaftler/inne/n im Bereich der Minangkabau-Kulturforschung nicht nur gelesen, sondern viele haben ihre eigenen Studien mithilfe der Arbeit von Hiltrud Cordes ausgerichtet. Bart Barendregt (NL), Kirstin Pauka (US), Martina Claus-Bachmann (DE), O'ong Maryono (TH) und ich selbst haben viele positive Anregungen in dieser Arbeit gefunden; von allen genannten Kolleg/inne/n wird diese Arbeit als Grundlagenarbeit und Pionierleistung gewürdigt.
Diese Arbeit ist eine wissenschaftlich ausgerichtete Schrift, die allen zu Beginn der 1990er Jahre in der Völkerkunde üblichen theoretischen, formalen und methodischen Vorgaben Rechnung trägt. Es ist kein praktisches Lehrbuch, und das will es auch gar nicht sein. Es basiert auf der Beschreibung prinzipieller Techniken, Interaktionsmuster und der kulturellen Einbettung insbesondere des west-sumatranischen "Silek Tuo"-Stils.
Das Buch behandelt z.B. keine Details von "Geheim"-Techniken, denn wenn es das täte, so wären sie nicht mehr "geheim". Und wenngleich (erstaunlicherweise) insbesondere im Markt der Selbstverteidigungskünste mit dem Attribut "geheim" oft versucht wird, einen Vermarktungsvorsprung zu erheischen, so ziemt sich dies für eine Wissenschaftlerin nicht. Sie hat vielmehr so zu agieren, daß der Schutz der Informationsgeber und auch deren Veröffentlichungsmaßgaben einzuhalten sind. Hiltrud Cordes hat ihre Arbeit an dieser Maxime ausgerichtet.
Allerdings wird der/die Leser/in sehr wohl eine Vorstellung davon erhalten, was im Sinne der Praktizierenden z.B. unter "geheim" zu verstehen ist, wie dieses "Geheime" in die alltäglichen Dinge des Lebens hineinwirkt. Und er/sie wird auch erfahren, welche Konzepte mit der Wirkung dieser Techniken assoziiert werden, und wer innerhalb der beschriebenen Gesellschaft in welchem Maße und in welcher Art und Weise Anteil an derartigen Vorstellungen hat. Er/sie wird also Antworten auf die Fragen finden, die in der Ethnologie bezüglich der Ausrichtung eines solchen Themas gestellt werden.
Der gesellschaftliche Kontext des traditionellen "silek" in West-Sumatra wird detailliert durchleuchtet. Zu den Resultaten der Bestandsaufnahme dieses gesellschaftlichen Kontextes gehörte für Hiltrud Cordes (wie wohl auch für alle anderen, die in diesem Feld geforscht haben) z.B. die überaus positive Einsicht, daß auch traditionelle "silek"-Lehrer mitnichten mentale Nippes-Püppchen sind, die im Sinne einer überzogenen oder Pseudo-"Krieger"-Ethik nicht bereit wären, ihr eigenes Tun und Handeln in der Jetzt-Zeit zu reflektieren. Auch die "traditionellen" Elemente dieser Kunst beweisen eine enorme Fähigkeit zur gesellschaftlich relevanten Dynamik - der beste Beweis hierfür ist wohl im Fakt zu sehen, daß es diese "traditionellen" Stile auch heute noch gibt, und daß sie weiterhin lebendig sind.
Das heißt zum Beispiel ganz pragmatisch, daß ein Lehrer verantwortungsvoll handelt und einer Schülerin, deren Person (Westlerin, Frau, recht hoch gewachsen) seinem eigenen Stil (Silek Batu Mandi) nicht angemessen ist, einem kompetenten "Kollegen" weiterempfiehlt, dessen Stil (Silek Tuo) und Schule (Pusako Minang) dieser Person eher angemessen erscheint. So geschah es bei Hiltrud Cordes und ihren beiden Lehrern.
Den ersten dieser beiden Lehrer habe ich Jahre später noch persönlich kennengelernt. Er war ganz und gar nicht "beleidigt". Vielmehr war er immer noch voll der Anerkennung für die Arbeit von Hiltrud Cordes. Ich habe an anderer Stelle einige Techniken seines Stils persönlich in Augenschein nehmen dürfen - sie waren einer Frau im Sinne der traditionellen Rollenvorstellungen der Minangkabau tatsächlich nicht angemessen.
Wenn Hiltrud Cordes und ihrer Arbeit überhaupt ein "Vorwurf" zu machen ist, dann der, daß es in den 1990er Jahren beinahe unmöglich war, das "silek" in West-Sumatra weiter zu erforschen ohne an dieser wichtigen Publikation gemessen zu werden. Auch in West-Sumatra, auch von vielen "silek"-Praktizierenden dort. Was der einen ein Kompliment, ist dem anderen eine Last ... die ich allerdings gerne getragen habe ... ;)