Eigentlich eine Enttäuschung, wenn man den Status dieses Werks in Rechnung stellt. Das Buch ist zu geschwätzig und unorganisiert, um es frei weg zu sagen. Was im ersten Buch noch positiv überrascht - die Fülle der Personen, der alltäglichen Ereignisse, der alltagsgeschichtlichen Einblicke und auch das bäuerlich-proletarische Milieu ... -, dessen wird man bald überdrüssig. Sicher, ein realistischer Blick in die dänischen Zustände Ende des 19. Jahrhunderts, aber dem Buch fehlt die Struktur, es ist zu chaotisch, zu überbordend. Für historisch interessierte Leser kann es keinen besseren Autoren geben, als Kunstwert kommt Nexøs erstes Opus leider zu kurz.
Die deutsche Übersetzung unterstreicht das durch ihre unruhige Syntax noch und durch die oft verkomplizierende Wahl des Vokabulars. Im Dänischen wirkt Nexøs anspruchsvolle Prosa ruhiger, aber auch sie kann die chaotische Fülle nicht bändigen. Am ehesten wird man noch im szenischen Bereich fündig, denn es finden sich immer wieder geniale Miniaturen. Großartig wird die Rohheit der Zeit geschildert und die Denkweise einfacher, undifferenzierter Menschen - das ist hervorragend eingefühlt und eine Fundgrube für alle psychologisch Suchenden.
Trotzdem, es wirkt wie ein großes Fressen edelster Speisen - irgendwann kann man nicht mehr und hat es über, und dann beginnt das Buch zu langweilen und zu nerven. Immerhin, wo Pelle noch zu kurz kommt, das wird bei Ditte Menschenkind deutlich besser gemeistert.
Die zweibändige gebundene DDR-Ausgabe ist übrigens ästhetisch deutlich attraktiver wohl auch haltbarer. Beide Ausgaben geben die Übersetzung von Mathilde Mann wider.