In seinem Buch Opern auf Schallplatten" moniert Karl Löbl, der österreichische Kritiker, bei einer CD-Aufnahme dieser Oper, dass dort die Poesie fehle. Dieser Satz hat mich bei sämtlichen CDs und DVDs dieses Werkes stets begleitet und beeinflusst. So auch hier. Laurent Pellys Inszenierung besticht durch sehr genaue Personenführung und interessante Regieeinfälle (Geneviève und Melisande tragen das gleiche Kostüm, das Sterbebett steht auf dem Brunnen, wo Golaud im ersten Bild Melisande findet), musikalisch lässt Bertrand de Billy das Orchester ruhig, aber bestimmt fließen, gibt bei den dramatischen Stellen (Szene Ynold/Golaud im dritten Akt, der Eifersuchtsausbruch im vierten und dem Mord an Pelleas im fünften) dem Affen aber genug Zucker und die Sänger (besser: Schauspieler, denn diesen Titel haben sie sich hier verdient) sind sehr, sehr gut (Gerade Frau Dessay hätte ich nicht zugetraut, abseits von ihren Belcanto-Rollen, der Melisande ein solches akustisches und optisches Profil zu geben). Es kommt bei mir also keine Sekunde Langeweile auf. Bei einer Musik, die bei dem einen oder anderen Hörer schon mal ein Gähnen hervorrufen kann (ich habe häufig genug beobachtet, dass bei Aufführungen nach der Pause viele Plätze leer blieben) ist dies fast 90% der Miete.
Doch, um auf den Anfang zurückzukommen, das Quäntchen Poesie, nachzuvollziehen z.B. in Karajans Aufnahme, fehlt hier meiner Meinung. Denn, wenn auch alle Sänger gut sind, es entsteht kein richtiger Ensembleklang, ein wenig mehr "Samt in der Stimme" ist für mich gerade bei Arkel, Docteur und Geniviève wünschenswert und das Bühnenbild mit den abgestorbenen Bäumen, den riesigen Säulen, etc wirkt eher kalt gestylt, als poetisch auf die Musik abgestimmt. Aber egal, wenn eine DVD mit "Pelléas et Melisande" dann diese.
Thomas Hardow
P.S: ein kleiner Wermutstropfen. Die Aufführung ist wohl für die DVD -Veröffentlichung an der einen oder anderen Stelle nachgebessert worden. Zunächst fällt" der Zwischenvorhang für einen Umbau, doch zwei Sekunden später ist er aufgezogen (hier stimmt das Timing nicht). Extremer aber im vierten Akt: In der Szene Arkel/Melisande hat Frau Dessay die Arme vor der Brust verschränkt. Im Close up sind diese aber unten (im Film wäre das ein Regiefehler). Die anschließende Stelle mit dem Ausbruch Golauds ist dieser zu dunkel ausgeleuchtet, sind Melisande und Arkel im Bild, ist das Licht korrigiert. Vielleicht ist das durch verschiedene Qualitäten der Kameras entstanden. Auch wenn das nur marginal erscheint. Da hier viele Kameraschnitte eingesetzt werden,irritiert es und lenkt mich vom Geschehen ab. Etwas mehr Sorgfalt in der Redaktion hätte fünf Sterne gebracht.