Pressestimmen
»Boris Akunin heißt der neue Krimistar aus Russland.« (ARD Kulturweltspiegel )
»Hätte Puschkin Krimis geschrieben, wäre dieses Meisterwerk entstanden.« (New York Times Book Review )
"Die hochspannende Krimireihe um die Nonne Pelagia von Boris Akunin ist in Russland mittlerweile legendär, zu Recht. Selten findet man so viel Lust am Fabulieren und derart abstruse Verwicklungen und Wendungen, zudem vor einem außergewöhnlich interessanten historischen Hintergrund. Und die Figur der rothaarigen, sommersprossigen Pelagia - das Schlitzohr in Nonnentracht - kann man einfach nur gern haben." (WDR )
»Hätte Puschkin Krimis geschrieben, wäre dieses Meisterwerk entstanden.« (New York Times Book Review )
"Die hochspannende Krimireihe um die Nonne Pelagia von Boris Akunin ist in Russland mittlerweile legendär, zu Recht. Selten findet man so viel Lust am Fabulieren und derart abstruse Verwicklungen und Wendungen, zudem vor einem außergewöhnlich interessanten historischen Hintergrund. Und die Figur der rothaarigen, sommersprossigen Pelagia - das Schlitzohr in Nonnentracht - kann man einfach nur gern haben." (WDR )
Kurzbeschreibung
Langsam glaubt Ordensschwester Pelagia selbst, dass hinter allem göttliche Fügung steckt. Warum sonst geschehen überall dort, wohin ihr Weg sie führt, schreckliche Verbrechen? Diesmal ist sie mit Bischof Mitrofani per Schiff unterwegs, als man in einer der Kabinen einen ermordeten Passagier findet. Natürlich beauftragt man Pelagia mit der Klärung des Falles. Die junge Nonne macht sich auf die Suche nach dem Mörder, der alles tut, um seiner Verfolgerin zu entkommen – selbst wenn er sie dafür töten muss ...
Als ebenso kluge wie charmante Begleiterin ist Schwester Pelagia ihrem Bischof Mitrofani unentbehrlich geworden, und so begleitet sie ihn auf einer Schiffsreise von Moskau nach Zarinin. Schon bald werden ihre kriminalistischen Fähigkeiten auf eine erneute Probe gestellt: Ein Passagier wird nachts in seiner Kabine im Schlaf überrascht und umgebracht. Es handelt sich um den Anführer einer zum Judentum konvertierten Gruppe orthodoxer Russen, die auf dem Weg nach Jerusalem ist, ins Heilige Land.
Diese Gruppe hatte dem Ermordeten nicht nur ihre gesamte Reisekasse anvertraut, sondern ihn auch als ihren »Messias« verehrt. Doch seinen bürgerlichen Namen und seine Herkunft scheint niemand auf dem Schiff zu kennen. So steuert man den nächsten Hafen an, wo Sergej Sergejewitsch Dolinin, ein hoher Beamter des russischen Innenministeriums, bereits auf Pelagia wartet, um mit ihr die Ermittlungen aufzunehmen. Er hat den Geburtsort des »Messias« in Erfahrung gebracht, und so machen sich die beiden zu diesem im Ural gelegenen Ort auf. Dort angekommen, finden sie schnell den eigentlichen Namen des Opfers heraus: Pjotr Scheluchin.
Dolinin scheint sich mit dieser Auskunft zu begnügen und reist zurück nach St. Petersburg. Doch Pelagia kann sich damit nicht zufrieden geben: Die neugierige Nonne setzt ihre Nachforschungen fort – und wird selbst zur Gejagten, als man zum ersten Mal versucht, sie umzubringen. Der Mörder heftet sich fortan an ihre Fersen und zwingt sie zu einer weiten Reise, die sie bis nach Jerusalem führt …
Als ebenso kluge wie charmante Begleiterin ist Schwester Pelagia ihrem Bischof Mitrofani unentbehrlich geworden, und so begleitet sie ihn auf einer Schiffsreise von Moskau nach Zarinin. Schon bald werden ihre kriminalistischen Fähigkeiten auf eine erneute Probe gestellt: Ein Passagier wird nachts in seiner Kabine im Schlaf überrascht und umgebracht. Es handelt sich um den Anführer einer zum Judentum konvertierten Gruppe orthodoxer Russen, die auf dem Weg nach Jerusalem ist, ins Heilige Land.
Diese Gruppe hatte dem Ermordeten nicht nur ihre gesamte Reisekasse anvertraut, sondern ihn auch als ihren »Messias« verehrt. Doch seinen bürgerlichen Namen und seine Herkunft scheint niemand auf dem Schiff zu kennen. So steuert man den nächsten Hafen an, wo Sergej Sergejewitsch Dolinin, ein hoher Beamter des russischen Innenministeriums, bereits auf Pelagia wartet, um mit ihr die Ermittlungen aufzunehmen. Er hat den Geburtsort des »Messias« in Erfahrung gebracht, und so machen sich die beiden zu diesem im Ural gelegenen Ort auf. Dort angekommen, finden sie schnell den eigentlichen Namen des Opfers heraus: Pjotr Scheluchin.
Dolinin scheint sich mit dieser Auskunft zu begnügen und reist zurück nach St. Petersburg. Doch Pelagia kann sich damit nicht zufrieden geben: Die neugierige Nonne setzt ihre Nachforschungen fort – und wird selbst zur Gejagten, als man zum ersten Mal versucht, sie umzubringen. Der Mörder heftet sich fortan an ihre Fersen und zwingt sie zu einer weiten Reise, die sie bis nach Jerusalem führt …
Klappentext
"Jeder beliebige Akunin-Leser wird Ihnen bestätigen, dass Miss Marple nur ein bleicher Schatten von Schwester Pelagia ist."
Gazeta.ru
Gazeta.ru
"Großartig, einfach großartig! Alles, was Akunin schreibt, ist sehr gut. Jeder, der etwas von ihm gelesen hat, ist begeistert; jeder, dem dies noch bevorsteht, wird es sein."
Afischa
"Die neue Generation russischer Autoren versteht sich nicht mehr als das soziale Gewissen des Landes, sondern nähert sich immer mehr an die internationale moderne Literatur an. Bestes Beispiel hierfür ist Boris Akunin. Früher arbeitete er als Philologe und übersetzte Romane aus dem Japanischen, heute ist er der gefragteste russische Autor überhaupt."
Washington
Über den Autor
Boris Akunin ist das Pseudonym des 1956 geborenen Moskauer Philologen, Kritikers und Essayisten Grigori Tschtschartischwili. Als Boris Akunin schreibt er historische Kriminalromane, die weltweit sensationelle Erfolge feiern. Den Auftakt bildete die Serie um den Ermittler Erast Fandorin, einen Vorfahren seines neuesten Serienhelden Nikolas Fandorin. Eine zweite Serie von Romanen um die Nonne Pelagia, die in der russischen Provinz des 19. Jahrhunderts mit unkonventionellen Methoden Verbrechen aufklärt, ist mit drei Bänden mittlerweile abgeschlossen. Akunins Romane erreichen Millionauflagen und werden in siebzehn Sprachen übersetzt.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Auf der »Stör«
Pfannkuchen
Weich und rund wie ein Gummiball kugelte sich Pfannkuchen auf das Dampfschiff »Stör«: Er wartete ab, bis sich eine dichte Nebelschwade über die Anlegestelle gelegt hatte, buckelte und kruckelte sich ganz klein zusammen, bis er selber beinahe aussah wie eine kleine graue Wolke, husch, husch bis an den Rand des Kais – und mit einem Satz auf den gusseisernen Poller. Dann leise wie ein Mäuschen auf dem straff gespannten Tau an Bord getippelt – Kleinigkeit für Pfannkuchen (er hatte sogar schon einmal Barynja getanzt auf so einem Seil, wegen einer Wette)! Und keiner hat was gesehen. Ahoi, da bin ich, der neue Passagier, Gott zum Gruße!
Er hätte sich natürlich auch ein Billett kaufen können, ruiniert hätte ihn das nicht. Fünfunddreißig Kopeken bis zur nächsten Anlegestelle, der Stadt Ust-Swijashsk. Aber das hätte ja geheißen, sein Handwerk nicht zu achten, er war schließlich ein »Rasin«! »Gänse« und »Karpfen«, die konnten seinethalben Billetts lösen.
Pfannkuchen trug seinen Spitznamen, weil er so klein und wendig war, und wenn er ging, mit trippelnden, federnden Schritten, sah es aus, als ob er rollte. Auch sein Kopf mit den kurz geschorenen Haaren war kugelrund. Nur die Ohren standen seitwärts ab wie winzig kleine Schäufelchen – allerdings erstaunlich feinhörige Schäufelchen.
Was das für welche sind, diese Rasins? Na, Leute vom Fluss halt, an sich nichts weiter Besonderes, aber ohne sie wäre der Fluss wie ein Sumpf ohne Mücken – und nicht unser Fluss. Am Ufer haben sie ja auch ein paar Meister im Ausräumen fremder Taschen, Marder genannt, aber das sind bloß ein paar verstreute Einzelgänger und außerdem meistenteils Zugewanderte, weshalb man sie auch nicht sehr achtet; aber die Rasins, die achtet man, denn die hat es hier schon immer gegeben.
Woher dieses Wort kommt, darüber gibt es zwei verschiedene Auffassungen. Sie selber meinen – von Stenka Rasin, dem legendären Räuberhauptmann, der genau wie sie auf dem Fluss, der uns alle ernährt, die fetten »Gänse« ausnahm. Die braven Anwohner der Flussufer sagen allerdings etwas anderes, sie leiten das Wort nämlich von »Rasieren« ab, womit gewisse Kreise bekanntlich das Entfernen fremder Wertgegenstände zur eigenen Verwendung bezeichnen.
Wie dem auch sei, es war jedenfalls eine gute Arbeit, Pfannkuchen liebte sein Handwerk. Man besteigt ein Boot, wenn grad keiner guckt, drückt sich zwischen den Passagieren herum bis zur nächsten Anlegestelle und steigt dann gemütlich wieder aus. Was du erwischt hast, gehört dir, der Rest schippert eben weiter.
Was daran so reizvoll ist?
Nun, zunächst mal ist so eine Spazierfahrt auf dem Fluss sehr frischluftig, das fördert die Gesundheit. Das zum einen. Dann wiederum trifft man die unterschiedlichsten Menschen, und manchmal kriegt man so spannende Geschichten zu hören, dass man darüber glattweg seine Arbeit vergisst. Das zum anderen. Aber was die Hauptsache ist: weit und breit kein Zuchthaus, keine Zwangsarbeit. Zwanzig Jahre arbeitete Pfannkuchen jetzt schon auf dem Fluss, aber wie so ein Gefängnis aussieht, davon hatte er nicht den geringsten Schimmer, und er hatte auch noch nie eins zu Gesicht bekommen. Kannst ja mal versuchen, ihn zu schnappen. Zack – fliegt die Beute ins Wasser, und keiner kann dir mehr was nachweisen, der gute alte Fluss hat alle Beweise verschluckt. Na schön, du wirst natürlich durchgewalkt, logisch, aber so dolle wird man dich auch wieder nicht durchwalken, das Publikum auf so einem Dampfschiff ist nämlich sehr kultiviert und rücksichtsvoll, nicht so wie in den Dörfern am Fluss: Da wohnen so ungehobelte Burschen, die können einen Dieb glatt totschlagen, aus reinem Mangel an Bildung.
Die »Rasins« bezeichnen sich selber auch als »Hechte« und die Passagiere als »Gänse« und »Karpfen«. Da gibt es übrigens so eine witzige Redensart, die alle nachplappern, ohne sie zu verstehen: Die Hechte sind im Teiche, damit die Karpfen nicht zu faul werden.
Der erste Dampfer des Frühlings ist für einen »Rasin« der höchste Feiertag, der zählt mehr als jeder kirchliche. Im Winter wirst du schwer wie Blei vom Nichtstun, soll schon vorgekommen sein, dass einer verhungert ist. Da hockt man in der Bude rum, wünscht den elenden Winter zum Kuckuck und wartet auf den Frühling wie der Bräutigam auf die Braut. Und sie, die lang ersehnte, ziert sich und geniert sich und will einfach nicht kommen – vor Juni fährt kein Dampfer. In diesem Jahr aber kam der Frühling wie ein junges, zartes Mädchen zu Pfannkuchen und zierte sich kein bisschen. Kam und schmiegte sich an ihn, heiß und zärtlich – es war einfach sagenhaft, ganz unvergleichlich. Kaum zu fassen, erster April, und das Eis war schon weggetaut, die Schifffahrtssaison eröffnet.
Der Fluss führte Hochwasser, die Ufer waren kaum zu sehen, aber die »Stör« hielt mit gedrosselten Maschinen genauen Kurs in der Mitte der Fahrrinne. Der Kapitän war wegen des Nebels sehr auf der Hut, alle zwei Minuten ließ er das Horn heiser tuten: »Uhuuuu! Oheee weg daaaa, ich kooooommeeee!«
Für einen Kapitän ist Nebel immer ein Verdruss, aber für Pfannkuchen war er der beste Kumpel. Hätte er mit sich reden lassen, die Hälfte seines Verdienstes hätte er ihm abgetreten, gerne sogar, wenn er nur immer hübsch dicht waberte und wallte, der Gute.
Heuer allerdings wäre es eine Sünde gewesen, sich zu beklagen, denn der Nebel rackerte sich ab, dass es eine wahre Pracht war. Und direkt über dem Fluss war er am dichtesten. Das Zwischendeck, wo die Kabinen sind, hatte er vollkommen eingemummt, und das Oberdeck mit den Rettungsbooten, wo die Seesack- und Beutelpassagiere an der Reling entlang hockten, packte er abwechselnd immer ein und wieder aus, ein und wieder aus. Genau wie im Märchen: Eben waren da noch Menschen – plötzlich sind sie alle weg, und nur noch eine milchige Brühe ist übrig. Das Einzige, was noch aus dem Nebel rausguckte, waren die Kommandobrücke und der schwarze Schornstein. Dem Kapitän kam es da oben bestimmt so vor, als sei er nicht ein Kapitän, sondern Gott Zebaoth, und er fahre nicht mit seiner »Stör« auf dem Fluss, sondern schwebe bloß so auf Wolken dahin.
Alle Boote der Flussschifffahrtsgesellschaft »Nord« hießen übrigens nach irgendwelchen Fischen, das war so eine Schrulle des Reeders. Vom Flagschiff an, der »Hausen« mit ihren drei Decks (zehn Rubel die Kabine erster Klasse), bis zum allerletzten keuchenden Schleppkahn, der »Gründling« oder »Ukelei« hieß oder so ähnlich.
Die »Stör« war nicht besonders groß, aber sie war ein solides Dampferchen, das seinen Mann ernährte. Sie verkehrte zwischen Moskau und Zarizyn. Ihre Passagiere fuhren aber meistens noch viel weiter, ins Heilige Land oder gleich nach Amerika. Viele reisten zum Vorzugstarif des Palästinavereins. Pfannkuchen unternahm niemals Seereisen, weil es nichts einbrachte, aber er kannte sich genauestens aus.
Mit einem Billett der Schifffahrtsgesellschaft »Nord« reiste man folgendermaßen: zunächst von Moskau auf der Oka bis Nischni Nowgorod, dann auf dem Fluss bis Zarizyn; anschließend mit dem Zug bis Taganrog, und von da aus wieder per Schiff, jetzt allerdings auf einem Hochseedampfer, wohin man eben wollte, je nach Bedarf. Die Reise ins Heilige Land, dritter Klasse, kostete alles in allem nur 46 Rubel 50 Kopeken. Nach Amerika war’s natürlich teurer.
Pfannkuchen hatte bis jetzt noch niemanden angezapft, seine Hände steckten brav in den Hosentaschen, nur seine Augen und Ohren, die waren die ganze Zeit rührig – und die Beine, versteht sich. Kaum dass sich der Nebel ein wenig verdichtete, ging es wisch, wisch auf leisen Sohlen von einem zum anderen und hübsch ausgespickt, was das so alles für Leute waren und ob sie auch gut auf ihre Wertsachen Acht gaben.
So macht man das nämlich: als Erstes ganz in Ruhe alles ausbaldowern und dann, kurz bevor der Dampfer wieder anlegt, fein säuberlich reinen Tisch machen. Aber vor allem muss man einen guten...
Pfannkuchen
Weich und rund wie ein Gummiball kugelte sich Pfannkuchen auf das Dampfschiff »Stör«: Er wartete ab, bis sich eine dichte Nebelschwade über die Anlegestelle gelegt hatte, buckelte und kruckelte sich ganz klein zusammen, bis er selber beinahe aussah wie eine kleine graue Wolke, husch, husch bis an den Rand des Kais – und mit einem Satz auf den gusseisernen Poller. Dann leise wie ein Mäuschen auf dem straff gespannten Tau an Bord getippelt – Kleinigkeit für Pfannkuchen (er hatte sogar schon einmal Barynja getanzt auf so einem Seil, wegen einer Wette)! Und keiner hat was gesehen. Ahoi, da bin ich, der neue Passagier, Gott zum Gruße!
Er hätte sich natürlich auch ein Billett kaufen können, ruiniert hätte ihn das nicht. Fünfunddreißig Kopeken bis zur nächsten Anlegestelle, der Stadt Ust-Swijashsk. Aber das hätte ja geheißen, sein Handwerk nicht zu achten, er war schließlich ein »Rasin«! »Gänse« und »Karpfen«, die konnten seinethalben Billetts lösen.
Pfannkuchen trug seinen Spitznamen, weil er so klein und wendig war, und wenn er ging, mit trippelnden, federnden Schritten, sah es aus, als ob er rollte. Auch sein Kopf mit den kurz geschorenen Haaren war kugelrund. Nur die Ohren standen seitwärts ab wie winzig kleine Schäufelchen – allerdings erstaunlich feinhörige Schäufelchen.
Was das für welche sind, diese Rasins? Na, Leute vom Fluss halt, an sich nichts weiter Besonderes, aber ohne sie wäre der Fluss wie ein Sumpf ohne Mücken – und nicht unser Fluss. Am Ufer haben sie ja auch ein paar Meister im Ausräumen fremder Taschen, Marder genannt, aber das sind bloß ein paar verstreute Einzelgänger und außerdem meistenteils Zugewanderte, weshalb man sie auch nicht sehr achtet; aber die Rasins, die achtet man, denn die hat es hier schon immer gegeben.
Woher dieses Wort kommt, darüber gibt es zwei verschiedene Auffassungen. Sie selber meinen – von Stenka Rasin, dem legendären Räuberhauptmann, der genau wie sie auf dem Fluss, der uns alle ernährt, die fetten »Gänse« ausnahm. Die braven Anwohner der Flussufer sagen allerdings etwas anderes, sie leiten das Wort nämlich von »Rasieren« ab, womit gewisse Kreise bekanntlich das Entfernen fremder Wertgegenstände zur eigenen Verwendung bezeichnen.
Wie dem auch sei, es war jedenfalls eine gute Arbeit, Pfannkuchen liebte sein Handwerk. Man besteigt ein Boot, wenn grad keiner guckt, drückt sich zwischen den Passagieren herum bis zur nächsten Anlegestelle und steigt dann gemütlich wieder aus. Was du erwischt hast, gehört dir, der Rest schippert eben weiter.
Was daran so reizvoll ist?
Nun, zunächst mal ist so eine Spazierfahrt auf dem Fluss sehr frischluftig, das fördert die Gesundheit. Das zum einen. Dann wiederum trifft man die unterschiedlichsten Menschen, und manchmal kriegt man so spannende Geschichten zu hören, dass man darüber glattweg seine Arbeit vergisst. Das zum anderen. Aber was die Hauptsache ist: weit und breit kein Zuchthaus, keine Zwangsarbeit. Zwanzig Jahre arbeitete Pfannkuchen jetzt schon auf dem Fluss, aber wie so ein Gefängnis aussieht, davon hatte er nicht den geringsten Schimmer, und er hatte auch noch nie eins zu Gesicht bekommen. Kannst ja mal versuchen, ihn zu schnappen. Zack – fliegt die Beute ins Wasser, und keiner kann dir mehr was nachweisen, der gute alte Fluss hat alle Beweise verschluckt. Na schön, du wirst natürlich durchgewalkt, logisch, aber so dolle wird man dich auch wieder nicht durchwalken, das Publikum auf so einem Dampfschiff ist nämlich sehr kultiviert und rücksichtsvoll, nicht so wie in den Dörfern am Fluss: Da wohnen so ungehobelte Burschen, die können einen Dieb glatt totschlagen, aus reinem Mangel an Bildung.
Die »Rasins« bezeichnen sich selber auch als »Hechte« und die Passagiere als »Gänse« und »Karpfen«. Da gibt es übrigens so eine witzige Redensart, die alle nachplappern, ohne sie zu verstehen: Die Hechte sind im Teiche, damit die Karpfen nicht zu faul werden.
Der erste Dampfer des Frühlings ist für einen »Rasin« der höchste Feiertag, der zählt mehr als jeder kirchliche. Im Winter wirst du schwer wie Blei vom Nichtstun, soll schon vorgekommen sein, dass einer verhungert ist. Da hockt man in der Bude rum, wünscht den elenden Winter zum Kuckuck und wartet auf den Frühling wie der Bräutigam auf die Braut. Und sie, die lang ersehnte, ziert sich und geniert sich und will einfach nicht kommen – vor Juni fährt kein Dampfer. In diesem Jahr aber kam der Frühling wie ein junges, zartes Mädchen zu Pfannkuchen und zierte sich kein bisschen. Kam und schmiegte sich an ihn, heiß und zärtlich – es war einfach sagenhaft, ganz unvergleichlich. Kaum zu fassen, erster April, und das Eis war schon weggetaut, die Schifffahrtssaison eröffnet.
Der Fluss führte Hochwasser, die Ufer waren kaum zu sehen, aber die »Stör« hielt mit gedrosselten Maschinen genauen Kurs in der Mitte der Fahrrinne. Der Kapitän war wegen des Nebels sehr auf der Hut, alle zwei Minuten ließ er das Horn heiser tuten: »Uhuuuu! Oheee weg daaaa, ich kooooommeeee!«
Für einen Kapitän ist Nebel immer ein Verdruss, aber für Pfannkuchen war er der beste Kumpel. Hätte er mit sich reden lassen, die Hälfte seines Verdienstes hätte er ihm abgetreten, gerne sogar, wenn er nur immer hübsch dicht waberte und wallte, der Gute.
Heuer allerdings wäre es eine Sünde gewesen, sich zu beklagen, denn der Nebel rackerte sich ab, dass es eine wahre Pracht war. Und direkt über dem Fluss war er am dichtesten. Das Zwischendeck, wo die Kabinen sind, hatte er vollkommen eingemummt, und das Oberdeck mit den Rettungsbooten, wo die Seesack- und Beutelpassagiere an der Reling entlang hockten, packte er abwechselnd immer ein und wieder aus, ein und wieder aus. Genau wie im Märchen: Eben waren da noch Menschen – plötzlich sind sie alle weg, und nur noch eine milchige Brühe ist übrig. Das Einzige, was noch aus dem Nebel rausguckte, waren die Kommandobrücke und der schwarze Schornstein. Dem Kapitän kam es da oben bestimmt so vor, als sei er nicht ein Kapitän, sondern Gott Zebaoth, und er fahre nicht mit seiner »Stör« auf dem Fluss, sondern schwebe bloß so auf Wolken dahin.
Alle Boote der Flussschifffahrtsgesellschaft »Nord« hießen übrigens nach irgendwelchen Fischen, das war so eine Schrulle des Reeders. Vom Flagschiff an, der »Hausen« mit ihren drei Decks (zehn Rubel die Kabine erster Klasse), bis zum allerletzten keuchenden Schleppkahn, der »Gründling« oder »Ukelei« hieß oder so ähnlich.
Die »Stör« war nicht besonders groß, aber sie war ein solides Dampferchen, das seinen Mann ernährte. Sie verkehrte zwischen Moskau und Zarizyn. Ihre Passagiere fuhren aber meistens noch viel weiter, ins Heilige Land oder gleich nach Amerika. Viele reisten zum Vorzugstarif des Palästinavereins. Pfannkuchen unternahm niemals Seereisen, weil es nichts einbrachte, aber er kannte sich genauestens aus.
Mit einem Billett der Schifffahrtsgesellschaft »Nord« reiste man folgendermaßen: zunächst von Moskau auf der Oka bis Nischni Nowgorod, dann auf dem Fluss bis Zarizyn; anschließend mit dem Zug bis Taganrog, und von da aus wieder per Schiff, jetzt allerdings auf einem Hochseedampfer, wohin man eben wollte, je nach Bedarf. Die Reise ins Heilige Land, dritter Klasse, kostete alles in allem nur 46 Rubel 50 Kopeken. Nach Amerika war’s natürlich teurer.
Pfannkuchen hatte bis jetzt noch niemanden angezapft, seine Hände steckten brav in den Hosentaschen, nur seine Augen und Ohren, die waren die ganze Zeit rührig – und die Beine, versteht sich. Kaum dass sich der Nebel ein wenig verdichtete, ging es wisch, wisch auf leisen Sohlen von einem zum anderen und hübsch ausgespickt, was das so alles für Leute waren und ob sie auch gut auf ihre Wertsachen Acht gaben.
So macht man das nämlich: als Erstes ganz in Ruhe alles ausbaldowern und dann, kurz bevor der Dampfer wieder anlegt, fein säuberlich reinen Tisch machen. Aber vor allem muss man einen guten...