"Korsaren der Karibik" ist ein komplexes Spiel mit vielen Elementen: Handelssimulation, Kriegsspiel, Rollenspiel. Um das Regelwerk zu verinnerlichen, braucht es auch für Vielspieler zwei bis drei Partien. Dadurch erhöht sich in den ersten Runden die Spieldauer erheblich. Erst wenn alle Spieler regelfest sind, ist eine ganze Partie in drei bis vier Stunden möglich.
Der Reiz des Spieles besteht sicherlich vor allem in den vielen Möglichkeiten. Die Spieler sind sehr frei in der Wahl ihrer Strategie und können auf vielen unterschiedlichen Wegen erfolgreich sein. Allerdings erschien den testenden Spielern auch nach drei Partien das Spiel etwas unausgeglichen an manchen Stellen. So kostet beispielsweise eine Fregatte genau so viel Gold wie eine Galeone, obwohl die Galeone in fast allen Bereichen besser ist als die Fregatte. Diese ist nur besser geeignet, wenn es darum geht, Kauffahrer aufzubringen oder einem Kampf zu entkommen. So nimmt der Anreiz, weiter als Pirat zu agieren, sobald man sich ein gutes Schiff leisten kann, rapide ab.
Ein anderes Beispiel: Es ist möglich, auch die Schiffe der Kolonialmächte oder des Piraten zu erobern. Das beste Schiff im Spiel, das Man-o-War, ist sogar ausschließlich durch Entern zu erhalten. Es ist aber oft zu leicht, mit einer leicht aufgerüsteten Galeone einen solchen Kampf zu gewinnen. Dadurch kann es dazu kommen, dass ein Spieler, dem es schnell gelang, zu einer Galeone zu kommen, ebenfalls schnell ein Man-o-War entern kann. Ein Spieler, der in den ersten Runden mehr Pech hatte und es noch nicht zu einem besseren Schiff geschafft hat, ist ab nun leichte Beute und hat nur noch wenige Chancen, wenn der erfolgreiche Spieler es geschickt anstellt. Zwar ist es nicht möglich, komplett aus dem Spiel zu fliegen, aber einen solchen Rückstand aufzuholen, ist ziemlich schwer bis unmöglich.
Ein weiterer Makel ist die Anleitung. Viele kleine Fragen erschließen sich erst im Spiel. Entweder schweigt die Anleitung ganz oder gibt nur an einer kleinen Stelle Auskunft, die erst mal gefunden werden muss, wenn eine konkrete Frage auftaucht.
Dennoch ist das Spiel interessant und spannend. Die Komplexität und die vielen Möglichkeiten sind eher etwas für Vielspieler. Gelegenheitsspieler wird es zu langwierig sein, sich überhaupt in die Spielregeln einzuarbeiten. Ein weiter Pluspunkt ist das schöne Spielmaterial, welches auch den Kaufpreis rechtfertigt. Allerdings sind die Segel der Schiffsmodelle nicht sehr widerstandsfähig, was zu vorsichtiger Handhabung mahnen sollte.
Insgesamt ist das Spiel zu empfehlen, aber durch einige unausgegorene Punkte und Schwächen muss das positive Gesamtfazit stark eingeschränkt werden. Potential für unterhaltsame Spielnachmittage ist in jedem Fall vorhanden!