Zunächst einmal ist es nicht wahr, dass dieses Buch in Amerika "in Grund und Boden rezensiert" wurde. Vielmehr ist es geradezu logisch, dass es bei den selbsternannten US-"Patrioten" nicht gut ankommen KANN. Und wer bezweifelt, dass es in den USA auch Historiker gibt, die eine durch Stars and Stripes getrübte Brille aufhaben, der soll sich einmal bewusst machen, wie sehr die offizielle Geschichtsschreibung seit Ende des 2. Weltkriegs von den damaligen Siegern bestimmt wird. Folgerichtig kennt die heutige Jugend dies- und jenseits des Atlantiks die "Geschichte" (im doppelten Wortsinn) häufig nur aus Hollywoodfilmen. Dennoch gibt es natürlich auch positive Rezensionen für das Buch, und viele Amerikaner wissen schon viel länger als wir, dass an "Pearl Harbor" etwas oberfaul war.
Bei jedem Verbrechen stellt sich immer die Frage nach dem Motiv und dem Cui Bono - also danach, wer davon letztlich profitiert. Das Motiv liegt klar auf der Hand: Die Regierung Roosevelt wollte in den Krieg eintreten, ihr waren aber die Hände gebunden, weil das amerikanische Volk in seiner großen Mehrheit mit diesem europäisch-asiatischen Krieg nichts zu tun haben wollte. Deshalb hatte man auch im Wahlkampf versprochen, amerikanische Soldaten aus diesen Konflikten herauszuhalten. Die Lage würde sich freilich schlagartig ändern, falls z.B. Japan die USA mit einem Erstschlag angreifen würde. Dieses Konzept ist ja keineswegs neu - letztlich hatte auch Hitler darauf zurückgegriffen, indem er behauptete, es werde "zurückgeschossen". Nur: Roosevelt brauchte schon etwas Handfesteres, denn im Gegensatz zur 1939 kriegsbereiten deutschen Bevölkerung würde der amerikanischen eine schlichte Behauptung dieser Art nicht ausgereicht haben, um ihre isolationistische Haltung aufzugeben. Von den unterschiedlichen Staatsformen einnmal ganz abgesehen.
Das Cui Bono ist auch geklärt, denn die USA gingen aus diesem Krieg als Supermacht hervor, die ihren Einflussbereich enorm ausdehnen konnte. Den Japanern brachte Pearl Harbor letztlich zwei Atombomben ein (meiner Auffasung nach zumindest zum Teil als Racheakt für Pearl Harbor, was die Lügen Roosevelts nur umso schlimmer macht, aber das muss er, wieder meiner Meinung nach, mit seinem jüngsten Richter ausmachen). Wie aber konnte es dazu kommen, dass Japan den US-Stützpunkt angriff und warum waren die Amerikaner scheinbar so ahnungslos? Genau das beschreibt Stinnett nicht nur minutiös, sondern vor allem auch lückenlos und überzeugend. Anhand vieler mittlerweile zugänglicher Akten, die jahrzehntelang unter dem "Streng Vertraulich"-Etikett ruhten, kann er seine Argumente auch mit Originaldokumenten untermauern. Und endgültig überzeugend wird das Ganze spätestens dann, wenn er klarmacht, dass es ihm keineswegs um eine nachträgliche Hinrichtung Roosevelts geht, sondern er dessen Vorgangsweise ganz im Gegenteil sogar gutheißt. Hier will sich keiner rächen oder das Nest beschmutzen. Es geht ihm um die historische Wahrheit. Und die besagt, anders kann man es heute nicht mehr sehen, dass der Angriff provoziert wurde und das Weiße Haus stets über jeden einzelnen Schritt der Japaner informiert war. Somit wurde der Angriff auch zugelassen.
Was uns Lesern dabei klar wird - und das ist meiner Ansicht nach der Hauptgrund für so manche Anfeindung des Buches - ist die frappierende Parallele zum 11. September. Nur dass Letzterer nicht dazu diente, in einen bestehenden Krieg einzutreten, sondern einen ganz neuen vom Zaun zu brechen. Das alles konnte Stinnett noch nicht wissen, als er das Buch schrieb, denn es erschien in den USA bereits 1999. Pearl Harbor und 9/11 sind freilich längst nicht die einzigen Beispiele in der Geschichte, in denen Machthaber oder Mächtige um der Macht oder meist vor allem um des Geldes wegen "eigene Leute" opferten und es anderen in die Schuhe schoben, um das eigene Volk dazu zu bringen, weitere Schandtaten zu legitimieren und zu unterstützen. Und Verschwörungen finden nicht nur statt, sie werden immer dann auch akzeptiert, wenn sie von den "anderen" ausgeheckt wurden, nur nicht von der eigenen Regierung. Siehe die angebliche Verstrickung Syriens in den Hariri-Mord oder die angeblich von Breschnew befohlene Ermordung von Papst Johannes Paul II. Das alles erscheint uns fast logisch, aber Pearl Harbor darf nichts anderes als der "Überraschungsangriff" der Japaner sein und bleiben. Zum Glück gibt es Menschen, die an der Wahrheit interessiert sind, auch 60 Jahre später. Wobei man Stinnetts Ansicht, das Ergebnis würde die Opferung Tausender Amerikaner rechtfertigen, durchaus nachvollziehen kann. Das Motiv war in diesem Fall womöglich sogar zumindest teilweise edel. Aber genau deshalb wäre es so wichtig, auch und gerade um der Opfer Pearl Harbors Willen, der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen. Die jetzige Regierung wird aus nachvollziehbaren Gründen nichts dazu beitragen, aber vielleicht wird die nächste so weit sein....