"Prostitution is just a form of dating." (CB)
Chester Browns Begegnungen mit Sex-Arbeiterinnen in Bordellen oder bei ihm zu Hause seit März 1999 bis heute ist der ambitionierte, in Teilen durchaus diskussionswürdige Versuch, Sexualität als Konsumware moralisch und ökonomisch zu verteidigen und von "romantic relationships" abzukoppeln. Gleichzeitig ist es ein Pamphlet gegen die monogame, auf Dauer angelegte Partnerschaft, die seiner Meinung nach früher oder später mit Beschädigungen endet. Dabei geht er auf eine befremdliche Art dogmatisch vor, und sein Freund Seth nennt ihn liebevoll "robot", weil seine Ausdrucksfähigkeit, mimisch und stimmlich, limitiert sein soll. Die Unbedingtheit seiner Position ist mitunter bestechend formuliert, seine Argumente bisweilen nicht ganz schlüssig, durchaus anfechtbar, auch unsinnig, und genau das macht das Buch, mehr aber noch den umfänglichen, handgeletterten Anhang lesenswert. Wer keine abgeschlossene Meinung zu diesem Thema hat, findet hier reichlich Reibungsfläche und Ausgangspunkte. Eine Aufarbeitung dieses Lebens mit Frauen, die sich fiktiver Vornamen bedienen, ist "Paying for it" freilich auch, und es darf gelacht werden - über ihn, nicht über die Frauen. Zumal der Autor mit einer Dezenz vorgeht, die schon fast ein wenig überkorrekt wirkt. Seine Partnerinnen für 30 oder 60 Minuten haben allesamt schwarze Haare, kein Gesicht, Namen von Geburts- oder Wohnorten werden abgekürzt, viele private Informationen hat er gar nicht für den Text genutzt, damit niemand reale Personen erkennen kann, was bei der Simplizität der Zeichnungen auch ziemlich kurios wäre. Eine sehr lohnende Lektüre, mit der man sicherlich mehr erfährt über Freier (hier: "johns") als über die Bedingungen der gehobenen Sexarbeit in Kanada. Denn so vieles kommt hier gar nicht vor, weil es nicht zu seinem Erfahrungshorizont gehört. Weitgehend ausgeblendet sind: Straßenstrich, horrende Tagesmieten, Drogenabhängigkeit, AIDS, Zuhälter, Fließband-Sexualität in ungelüfteten, schlecht tapezierten Häusern, "sex-slaves" bzw. Migrantinnen, die entweder zu dieser Tätigkeit gezwungen werden oder gar keine andere Wahl zu haben scheinen. Trotzdem äußert er sich auch zu eingen von diesen Aspekten, und hier merkt man, auf welch wackligem Boden seine in weiten Teilen angelesene, verengte Position tänzelt, wenn es nicht um Escort-Services oder Wohnungsprostitution geht. Doch sollte man auch nicht zu päpstlich sein: Das ist kein Sachbuch, sondern ein Einwurf, ein Beitrag - nichts Definitives, nichts zum Übernehmen, sondern zum Weiter- und Gegendenken.
"When I hire a prostitute I hope that she`s a free person who has chosen the work." (CB)
Sie heißen Carla, Angelina, Danielle, Kitty, Millie und vor allem Denise. Er verliebt sich ein wenig in Denise. Fühlt sich leer jedes Mal, wenn sie sich trennen müssen ("She likes me, but I'm pretty sure she wouldn't use the word love to describe how she feels about me"). Eines kümmert ihn kaum: Dass die Frauen, mit denen er "vaginal intercourse" pflegt, kaum bzw. wohl eher keine Lust empfinden, schon gar nicht einen Orgasmus haben. Ihm reicht es, dass sie nett zu ihm sind und zu Beginn ganz klar formulieren, welche Regeln einzuhalten sind. Ein ängstliches Gesicht sollten sie während des Geschlechtsaktes nicht machen, das verwirrt ihn. Auch mag er es gar nicht, wenn die versprochene Leistung nicht eingehalten wird ("mediocre blowjob"). Sex ist, daran lässt Brown keinen Zweifel, eine Dienstleistung, quality time. Auch zwischen Freunden sollte es möglich sein, meint er, Sex gegen Geld zu tauschen. Um sich gegenseitig zu helfen. Und ob die Freundin mit ihrem Partner schläft, um die Beziehung nicht zu gefährden (und nicht etwa aus Verlangen) oder mit einem Fremden aus freiem Willen, um die Haushaltskasse aufzubessern, ist für ihn im Grunde dasselbe. Seine grundsätzlichen Standpunkte zur Prostitution decken sich fast vollständig mit denen von HYDRA, der Vereinigung von Sex-Arbeiterinnen in Deutschland. Doch dass er selbst Huren rezensiert auf speziellen Online-Plattformen könnte selbst einem libertinärem Geist befremdlich vorkommen.
"...there are romantic couples who are absolutely right for each other at this moment in time, but those two people are going to change, and it's tremendously unlikely that they're going to change in exactly the same way." (CB)
Formal reißt Brown keine Bäume aus. Seine Panels haben immer dieselbe, rechteckige Größe. Sie sind immer auf dieselbe Weise angeordnet. Er zeichnet schematische Gesichter, kennt nur zwei, höchstens drei Ausdrucksformen. Die Zimmer sind spartanisch eingerichtet. Seine Kapitel heißen "Larissa" oder "Back to Anne". Es sind Fellatio und Geschlechtsakte zu sehen, doch pornographisch, schweinisch ist das Buch an keiner Stelle. Zunächst geht es darum, keine Fehler zu machen, zu lernen, wie man sich als Freier richtig verhält. Sich nicht schuldig zu fühlen. Die gute, sehr gute Dienstleisterin zu finden. Die Höhe des Trinkgeldes richtig einzuschätzen. Diesen Lebensstil seinen Freunden zu erklären, die Contra geben. Einige Frauen sind recht mitteilsam, erzählen von den Bedingungen ihrer Arbeit, wie sie dazu gekommen sind. Eine Escort-Lady besteht darauf, keine Hure zu sein, auch wenn letztlich alle Verabredungen Sex inkludieren.
"I think marriage is an evil institution." (CB)
Chester Brown glaubt, so wie er seien alle "johns". Von Alexis wird er nicht wieder erkannt. Sie hieß damals Susan. Er ist auch bereit zu zahlen, wenn die Frau nicht attraktiv ist und er "nicht kann". Ihm ist es wichtig, dass sich auch die Frau wohl fühlt. Er besteht auf ein Kondom, auch wenn eine es mal vergisst (dass es so etwas gibt). Er überzieht die Zeit nicht. Er überschreitet keine Grenzen. Ein verlässlicher Kunde, treu und berechenbar. Ein Traum für jede Professionelle. Er lässt seinen Kumpel Seth im Anhang zu Wort kommen, gewährt ihm einen eigenen Kommentarbereich. Er lässt Widersprüche zu. Er ist tatsächlich komisch, so wie Buster Keaton komisch ist, der in seinen Filmen auch nie gelacht hat. Er ist zärtlich. Er ist ohne Eifersucht. Im Grunde müssten (bestimmte, einige) Frauen auf ihn fliegen, denn hässlich ist er nicht unbedingt. Und er ist ein Kreativer. Doch er hat gewählt: Die Dienstleistung kaufen, anstatt den Alltag zu teilen, die Sorgen, Veränderungen auszuhalten. Irgendwie kriegt er das so hin (in seinem Buch), dass ich ihn nicht bedauere. Er macht sich nicht lächerlich, oder vielleicht nur, als er beim ersten Mal unter dem Bett nachsieht, ob da jemand sein könnte. Dieser Weg, sexuell aktiv zu sein, ist gewiss nicht nachahmenswert, aber für ihn wohl genau richtig. Nun kann ich sagen: Ich bin dabei gewesen. Und es war sehr unterhaltsam. Habe mehrmals laut gelacht.