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20 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Das Verschwinden des Augenblicks, oder: Ein Pokerabend mit Informationsjunkies, 19. Januar 2010
"Das ist kein Pamphlet gegen Computer. Die Informationsgesellschaft entwickelt Technologien ohne Alternative, und sie gehört, weil sie sich fast alle zwei Jahre neu erfindet, zum Spannendsten, was unsere Generation erleben kann. Deshalb müssen wir die Anpassung selbst in die Hand nehmen, statt angepasst zu werden" (157).
Seit knapp zwei Jahrzehnten sind die Menschen einer Veränderung ausgesetzt, die in der Geschichte ihresgleichen sucht. War zum Beispiel der Besitz eines Handys vor 15 Jahren auf einige wenige beschränkt, scheint es heute ein vor Gerichten einklagbares Menschenrecht auf mobiles Telefonieren zu geben. Social Networks à la Facebook gehören mittlerweile zur primären Organisationsform des sozialen Lebens einer gesamten Generation. Und auch Blackberrys und iPhones erobern zunehmend den öffentlichen Raum. In vielen Restaurants und Kneipen ist zu beobachten, wie Menschen sich stundenlang schweigend gegenübersitzen, ihr Bier missmutig in sich hineinkippen und dabei mit ihrem Spielzeug im Netz surfen, alle zwei Minuten ihre Mails checken, man könnte ja was verpassen, Musik downloaden etc.pp. In seinem neuen Buch "Payback" weist der Journalist und Schriftsteller Frank Schirrmacher auf den ernormen Veränderungsdruck dieser Entwicklung auf den Menschen hin und betont dabei stets, dass er keineswegs aus einer technikfeindlichen und kulturpessimistischen Position heraus argumentiere.
Schirrmachers zentrale These lautet, dass die Veränderungen durch die modernen Informationstechnologien signifikant anders sind als es die Erfindungen von Schrift, des Radios oder des Fernsehers waren: "Die Veränderung durch Informationstechnologien ist grundsätzlich anders: Sie verändern unsere kognitive Fähigkeit, sie verdrahten unser Gehirn neu, und die Reize, denen wir ausgesetzt sind, sind komplexer, subtiler und effizienter als alles, was wir im Alltag kennen" (170). Dahinter steckt der Gedanke, dass die permanente Ablenkung, die Handy, Internet & Co mit sich bringen, gravierende Auswirkungen auf unser kognitives System und vor allem auf unsere Fähigkeit, uns längerfristig auf einen Sachverhalt um zu konzentrieren, haben: "Doch es geht nicht um Intelligenz, es geht nicht um mangelnde oder abnehmende Intelligenz oder Verdummung. Damit Intelligenz überhaupt entsteht und bemerkt wird, benötigen wir Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit ist es, die uns mehr und mehr abhanden kommt. Sie ist [...] die wichtigste Energiequelle für unser emotionales und geistiges Selbst" (62).
Das ist in der Tat einer der fatalsten Auswirkungen der mannigfaltigen Möglichkeiten zum Multitasking. Man wird das Gefühl nicht los, dass viele Menschen mithilfe des technischen Gerätes ihrer Wahl permanent damit beschäftigt sind, ihre unmittelbare Zukunft zu planen oder doch nur zum 25. Mal ihre Mails zu kontrollieren und somit kaum mehr in der Lage sind, sich auf den Augenblick zu konzentrieren. Mit solchen Informationsjunkies einen Skat-, Doppelkopf- oder Pokerabend zu verbringen, kann einen in der Tat an den Rand des Wahnsinns treiben. Unter der Überschrift "Multitasking ist Körperverletzung" beschreibt Schirrmacher, was diese ständige Abwesenheit vom Augenblick für Konsequenzen auf zwischenmenschliche Verhaltens- und Kommunikationsformen hat.
Ws können wir tun, um im Zeitalter der digitalen Revolution die Kontrolle über unser Denken zu behalten bzw. zurückzugewinnen? Ein Medium an sich ist weder gut noch böse, aber wenn wir uns kritiklos sämtlichen Möglichkeiten der schönen neuen Informationswelt hingeben, werden wir das verlieren, was uns Menschen überhaupt erst zu Menschen macht: "Die Informationen hat jeder. Aber was Menschen verzweifelt lernen müssen, ist, welche Information wichtig und welche unwichtig ist. Das ist womöglich die große Stunde der Philosophie" (215). Es geht nicht darum, das Rad der technischen Entwicklung zurückzudrehen. Es geht darum, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass sämtliche von Menschen entwickelten Technologien nur so lange von Nutzen sind, wie wir uns ihnen nicht nur kritiklos hingeben, sondern uns dem enormen Veränderungsdruck bewusst werden, den diese auf uns haben. Schirrmachers Buch ist ein wichtiger Beitrag im Rahmen dieser Entwicklung.
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136 von 160 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
1:0 für den Computer, 21. November 2009
Den Titel des Buches versteht man nicht unbedingt. Doch es lohnt sich, zahlt sich aus, dieses Buch zu lesen. Norbert Bolz hat im Prinzip schon vor einigen Jahren das Thema ausführlich abgehandelt, doch Frank Schirrmacher macht es einfacher. Seine Hauptthese ist, dass wir in einem Zeitalter des Multitaskings leben und dies uns überfordert. Den Kampf mit dem Computer werden wir verlieren. Wie wir mittlerweile auch wissen, gibt es ein Multitasking gar nicht, auch Frauen sind dieser "Sache" nicht fähig. Wir müssen ständig entscheiden, welche Information wichtig ist und erleben, dass amazon, google usw. uns diese Arbeit inzwischen abnehmen. Frank Schirrmacher macht uns eindringlich darauf aufmerksam, dass wir darauf schauen müssen, was sich in unserer Art des Denkens durch den Computer verändert. Seine These ist, dass wir das Denken ausgelagert haben und deshalb Denken mit Informationsaufnahme verwechseln. Wir müssen akzeptieren, das der PC einfach manche Dinge besser kann. Der Mensch jedoch ist zum Chaos fähig, d. h. er kann von der Norm abweichen. Hierin liegt nach Schirrmacher die Chance im Umgang mit dem Computer. Der Mensch ist für Überraschungen gut, der PC fürs Rechnen. Und daher sollten wir uns nicht mit dem Computer vergleichen, sondern die Unterschiede klar machen.
Schirrmacher ist Journalist und deshalb kann man ihm verzeihen, dass er manche Ansätze nicht weiter vertieft. Wichtig ist es, dass wir in eine konstruktive Auseinandersetzung einsteigen, das Informationszeitalter nicht verteufeln, sondern es dem Menschen zu Nutze machen. Es ist zu wünschen, dass die von Schirrmacher angeregte Diskussion weiter fort geführt wird und damit an mehr Tiefe gewinnen wird.
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18 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Es hätte gereicht ein Interview des Autors zu hören ..., 7. Januar 2010
Frank Schirrmacher hat mit "Payback" zum wiederholten Mal ein Gespür für die Megathemen unserer Zeit bewiesen. Wie verändert sich unser (Alltags)leben durch die modernen Kommunikationsmethoden und inwieweit sollten bzw. können wir Einfluß auf die Richtung und das Ausmaß dieser Veränderungen nehmen. "Payback" hat es in kürzester Zeit auf die vorweihnachtlichen Bestseller-Listen geschafft, u.a. auch durch eine sehr gelungene mediale Untermalung. Ich bin selber durch mehrere sehr interessante Fernsehauftritte des Autors auf dieses Buch aufmerksam geworden. Leider mußte ich beim Lesen des Buches dann aber feststellen, dass sich der Inhalt des Buches in einem 30-minütigen Fernsehinterview bereits vollständig erschöpft und ich in der gedruckten "Langfassung" dann kaum noch neue Informationen oder Gedanken gefunden habe. Ein wenig hat mich diese Situation an einen Kinofilm erinnert, bei dem der Werbetrailer bereits alle Filmhighlights vorwegnimmt.
Die Kernaussagen des Buches lassen sich kurz zusammenfassen: Das Internet und die sonstigen neuen Informationsmedien haben unser Leben genausostark verändert, wie die Industrialisierung das Arbeitsleben am Beginn des ketzten Jahrhunderts. Multitasking, Informationsoverflow etc. führen zur Gefahr den "modernen Menschen" nicht nur im alltag zu überfordern, sondern ihn auch in der Ausübung seiner eigentlichen Kernkompetenzen (Kreativität, abwägendes Beurteilen, Spontanität) zu schwächen. Schirrmacher führt einige sehr plastische Beispiele an. Insgesamt bleibt er mir aber zu sehr im Leitartikel-Stil, d.h. die jeweiligen Kapitel sind wenig strukturiert. Die Darstellung von Fakten und Beispielen ist nicht abgegrenzt von der Kommentierung. Er springt zwischen den Thesen und streut häppchenweise Zitate ein, ohne die Gedanken dann wirklich einmal detailliert zu entwickeln. Der Stil dieses Buches hat mich tatsächlich an die Nutzung des Internets erinnert: Man klickt sich relativ schnell durch gut lesbare, kurze Abschnitte deren Informationen zum Teil überlappend sind, so dass sich dann mosaikartig so etwas wie ein Gesamtbild zusammensetzt. Dieses Gesamtkunstwerk erinnert aber eher an einen sehr grob gewebten Flickenteppich.
Insgesamt kommentiert Schirrmacher mehr als er wirkliche "Beweise" für seine Thesen anführt. Neben einigen wirklich augenscheinlichen Beobachtungen bzw. Studienergebnissen führt er zumeist Zitate von Experten unterschiedlichsten Fach-Hintergrunds an. Diese Form der Beweisführung halte ich - als Naturwissenschaftler - für sehr fragwürdig. Ich hätte mir gewünscht, dass Schirrmacher etwas mehr Rohdaten aufführt, so dass dem Leser auch die Möglichkeit gegeben wird, zu einer eigenen Einschätzung zu kommen. Die überzeugensten Buchpassagen sind aus meiner Sicht genau diejenigen, in denen Schirrmacher weniger kommentiert sondern vielmehr Studien im Detail zusammenfaßt und in einen Kontext stellt. Diese Herangehensweise hätte ich mir als Grundtenor des Buches gewünscht.
Ein Stück weit ist der Autor mit seinem Buch auch in die (im Buch selber beschriebene) Powerpoint-Falle getreten, indem er stark vereinfacht und sich auf griffige (kurze) Statements konzentriert und diesem Wunsch nach guter Lesbarkeit (in Form gut verdaubarer "read bites") dann die harten (und eventuell nicht so logisch-linearen) Fakten geopfert hat. Z.B. führt Schirrmacher immer wieder die Problematik der Algorithmen auf, die von Suchmaschinen wie Google genutzt werden und dadurch das Ergebnis präjudizieren bzw. die Ergebnisse vorfiltern basierend auf Prinzipien die den Sucher somit in seiner Entscheidungsfreiheit beschränken. Dieses ist in der Tat eine der völlig unterschätzen Gefahren im Google-Zeitalter, allerdings hätte sich Schirrmacher tatsächlich die Mühe machen müssen, etwas genauer auf die Basis dieser Algorithmen einzugehen anstatt immer diffus von mathematischen Funktionen zu sprechen. Man hat den Eindruck, dass der Autor einem möglichen Massenpublikum nicht zuviele Details zumuten wollte, schon gar nicht wenn diese mathematischer Natur sind. Der Erfolg der Bücher Stephen Hawkings zeigt aber, dass dieses durchaus möglich ist.
Formal ist das Buch in zwei Hauptabschnitte untergliedert: Einem ersten, das Problem beschreibenden Teil, sowie einem zweiten Teil der Lösungsansätze umfassen soll (aber nur rudimentär tut). Ich hätte mir gewünscht, dass auch im zweiten Teil Schirrmacher mehr fokussiert und konkret wird. Auch hier fühlte ich mich zu sehr an Leitartikel erinnert, die in der Regel sich in allgemein gültigen Lösungsvorschlägen erschöpfen und sich zu selten intellektuell auf die tatsächlichen Mühen der Eben einlassen.
Insgesamt vergebe ich 2 Sterne.
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