Eines muss man Schirrmacher lassen: Sein Gefühl dafür, in der Luft liegende Themen als erster massentauglich aufzugreifen und dadurch längst überfällige Debatten auszulösen, ist unschlagbar - ob Demographie, Familie oder jetzt die totale Digitalisierung des Alltags. Mit "Payback" hat der FAZ-Herausgeber einen Schwerpunkt gewählt, der uns alle angeht: Wer hat nicht das Gefühl, zu viel Zeit vorm Computer zu vertrödeln? Wer kennt nicht die Gewissensbisse, wenn man sich eine halbe Stunde ziemlich sinnlos in einem sozialen Netzwerk von Profil zu Profil geklickt hat? Und genießen wir nicht eigentlich viel eher die Computer-freie Zeit, ohne Klingeltöne, Ablenkung und künstliches Bildschirmlicht, können uns aber trotzdem nicht überwinden, die ganzen technischen Gadgets beiseite zu legen? Insbesondere der zweite Halbsatz des Untertitels von "Payback" klingt verheißungsvoll: Schirrmacher gelobt nicht weniger, als der vom PC in Versuchung geführten Sucht-Gemeinde den Weg zu weisen, wie sie "die Kontrolle über ihr Denken zurückgewinnt". Der Klappentext verspricht gar "bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse".
Und genau hier drückt der Schuh: Schirrmacher weckt hohe Erwartungen, doch sein knapp 250 Seiten schmales Werk kann die Versprechen nicht im Ansatz einlösen. Wer sich auf das sehr hohe Ross des Erlösers von allen technischen Qualen schwingt, darf nicht überrascht sein, dementsprechend tief zu fallen. Ist "Payback" denn nun ein Sachbuch? Dafür entpuppen sich die "bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnisse" als zu vorhersehbar. Was Schirrmacher an Studien auftischt, ist längst in das Allgemeingut eines durchschnittlich gebildeten Lesers übergegangen: Wir haben uns durch das Internet an kürzere Texte gewöhnt, dadurch nimmt die Geduld mit längeren Texten ab - Skandal! Wer sich mit ständig mit klingelnden Handys, blinkenden Internet-Tabs und piependen Haushaltsgeräten umgibt, büßt an Konzentration ein - sensationell! Und manchmal sind Technik-Benutzer sogar so beeinflussbar, dass sie Computer unbewusst vermenschlichen - unerhört! Das stellt ungeachtet der durchaus alamierenden Folgen nun wirklich nicht das abendländische Weltbild auf den Kopf - abgesehen davon, dass wir auch ganz ohne Computereinsatz tagtäglich in den schlichtesten Supermärkten dieser Welt Manipulationsversuchen ausgesetzt sind. Natürlich sind Studien, die solche Effekte belegen, hilfreich und sollten gar als Warnsignal verstanden werden. Jedoch hätte auch ohne "Payback" niemand den immensen Einfluss der Computer bestritten. Nein, für ein Sachbuch kratzt "Payback" zu sehr an der Oberfläche und ist - vielleicht noch entscheidender - viel zu einseitig.
Diese Einseitigkeit, welche die gegenteiligen Effekte des Internets elegant unterschlägt, ist kein Mangel an sich. Doch dann müsste man es wohl mit der Kategorie "Streitschrift" versuchen - und auch da kann Schirrmacher nicht punkten. Immerhin hat der Autor hier volle 250 Seiten lang Gelegenheit, seine Thesen unwidersprochen an den Mann zu bringen. Ein Luxus, den man im Fernsehen oder im Internet nur selten erfährt. Bei so viel Spielraum für eine einseitige Darstellung darf der Leser dann aber auch erwarten, eine überzeugende Argumentation zu Gesicht zu bekommen. Doch die Panik-Attacken angesichts der Schirrmacher'schen Apokalypse halten sich in Grenzen. Schirrmacher will die ultimative Bedrohung der vielen im Internet erhobenen Daten heraufbeschwören. Sicher wird einem mulmig, wenn man sich vorstellt, die Google-Daten fielen personalisiert einem skrupellosen Erpresser in die Hände. Aber das ganze Leben ist ein einziger Vertrauensbeweis gegenüber anderen - nicht erst seit der Erfindung des PCs. Heute muss man darauf vertrauen, dass private Fotos aus sozialen Netzwerken nicht in falsche Hände geraten. Früher war man darauf angewiesen, dass die neugierige Mitarbeiterin eines Fotostudios intime Bilder für sich behält und nicht nach eingehender Betrachtung ihrem Freundeskreis zugänglich macht. In beiden Varianten geschieht Unrecht und in beiden Fällen, heute wie damals, ist Vertrauen mit Risiko verbunden. Datenmissbrauch ist durch den Computer sicher einfacher geworden, aber man muss nicht so tun, als hätte es ihn vorher nicht gegeben oder er sei weniger schwerwiegend gewesen. Auch als flammende Streitschrift kann Schirrmacher mangels schlagkräftiger Argumente also nicht überzeugen - dabei hat der Autor sich eigentlich auf die richtige Seite geschlagen.
Bleibt die Kategorie "Ratgeber" - immerhin ist da ja noch dieses Versprechen, Schirmmacher wisse, wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen. An der Antwort darauf hat er sich im kürzeren zweiten Teil abgearbeitet, auf dem nach enttäuschendem Auftakt alle Hoffnungen ruhen. Doch über das triviale und nebulöse Statement, man müsse die Menschen in den Disziplinen fördern, in denen sie dem Computer überlegen seien (also eher kreative Tätigkeiten), kommt Schirrmacher nicht hinaus. Wie man das vom Autor griffig als Körperverletzung gegeißelte Multitasking vermeidet, darüber hat sich Schirrmacher leider keine Gedanken mehr gemacht. Stattdessen singt der Autor dasselbe technikfeindliche Klagelied wie im ersten Teil - und erweckt damit genau den Eindruck, den er unbedingt vermeiden will: Den des nörgelnden Opas, der nicht mehr so richtig mitkommt. Auch als gelungener Ratgeber kommt "Payback" damit leider nicht infrage.
Ein wohlwollendes Urteil über dieses Buch könnte lauten: Schirrmacher hat einen leicht verdaulichen Einstieg in eine hochbrisante Thematik mit einigen erhellenden Abschnitten geschrieben. Weniger wohlwollend ließe sich aber auch sagen: "Payback" ist nicht der versprochene Ratgeber für einen ausgewogenen Umgang mit Technik, sondern wärmt kalten Kaffee in Buchformat auf, der auch problemlos in einen kompakten Essay gepasst hätte. Schirrmacher bedauert den Niedergang der Konzentrationsfähigkeit, die für die Lektüre von Büchern erforderlich ist. "Payback" jedenfalls ist keine Werbung dafür, diese wieder verstärkt zu trainieren.