Dass ich das noch erleben werde, hätte ich auch nie gedacht... ein Van-Morrison-Album, das mich hauptsächlich zum Gähnen inspiriert.
Dabei hatte der Meister doch früher viel Gepür für fremde Musik-Genres -- ob er mit Georgie Frame Jazz spielte, mit Chis Barber und Lonnie Donegan Skiffle, mit den Chieftains Folk oder was sonst noch -- immer war er gut; "gut" ist kein Ausdruck. Der Meister aller Klassen, das schon eher.
"war", muss man nun leider sagen, und "damals". In "Pay the Devil" spult Morrison sein Programm runter, viele Country-Klassiker sind dabei, auch Eigenkompositionen, und dank all seiner Routine und unbestrittenen Könnerschaft ist das Album wenigstens nicht schlecht. Ein, zwei Nummern fallen sogar positiv auf. "My Bucket's Got a Hole in It" ist hübsch, aber das liegt auch an den Begleitmusikern (besonders dem mit der Fiddle) und auch "Till I Gain Control Again" ist nicht übel, bildet einen versöhnlichen Abschluss. Ob diese positiven Ausnahmen damit zusammenhängen, dass hier vor allem Van Morrison right from Belfast zu hören ist, der Country-Stilmerkmale hervorragend in seine eigene Musik eingliedern kann?
Bei den echten Country-Nummern hingegen erlebt man vor allem Enttäuschungen. Schlecht ist das Ganze nicht, wie gesagt. Aber es wirkt lieblos zusammengeschustert, und ohne Gespür für die Charakteristika des Genres -- denn die bestehen eben nicht darin, alles im selben Rhythmus runterzuschrammeln. Ob nun böswilligere Zeitgenossen als ich gar den Verdacht hegen, auch Van the Man wolle noch schnell ein Stück abschneiden vom derzeitigen C&W-Revival-Kuchen? Vielleicht wollte er ja auch nur mal was Neues ausprobieren, und das kann schon mal schiefgehen.
Nein, da hätte Morrison besser die Finger von gelassen. Mit den Großen des Genres, Johnny Cash, Waylon Jennings, The Dixie Chicks, Emmylou Harris usw., von mir aus auch Garth Brooks, kann er hier nicht mithalten. Ihm fehlt einfach der musikalische Instinkt; zum ersten Mal in seiner Karriere, wie mir scheint. Leider gleicht er dieses Manko auch nicht durch Originalität aus.
Und ein richtiges Morrison-Album ist das hier eben auch nicht -- bis auf die wenigen positiven Ausnahmen. Hoffen wir auf Morrisons nächstes, denn bei diesem hat er sich vom Teufel übers Ohr hauen lassen.