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Pawlows Kinder
 
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Pawlows Kinder [Gebundene Ausgabe]

Simone Borowiak
3.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Frech, witzig, schnörkellos direkt, lauter Geschichtchen, die ein Schulalltag nun mal so schreiben kann: So zeichnet die TITANIC- erfahrene Simone Borowiak das Leben und Lernen in einem Internat. Manchmal mit so scharfer Zunge und spitzer Feder, daß einem geradezu die Spucke wegbleibt. Keine Penne wie bei Dr. Specht, kein Rührstück à la Feuerzangenbowle. Auch der Rühmannsche Pauker hätte wenig Chancen in einem Roman, für den Pawlow, der Vater der Verhaltenspsychologie, Pate stand.

Ein Wurstfabrikant, der sein Vermögen mit "Verbrechen an der Wurstlichkeit" verdient hat, macht's möglich: mit seinem Geld und viel pädagogischem Idealismus baut eine Handvoll Lehrer ein Internat auf. Ganz nach dem Motto: "...von der schlechten Ernährung zur guten Ausbildung. Von der Bratwurst zur Begabtenförderung".

Als Jordan, ein ehemaliger Schüler, dann als Pauker eingestellt wird, hat die Geschichte ihren Dreh- und Angelpunkt gefunden. Seine Klasse, alles Stipendiaten unterschiedlichster Herkunft und ein "durchgeknallter Sauhaufen", macht aus dem Klassenzimmer einen "Schnellkochtopf". Währenddessen jagt im Lehrerzimmer in schönster Überzeichnung eine menschliche Schwäche die andere: Beziehungsstreß, Streit um pädagogische Konzepte, Eitelkeiten, Lebenskrisen.

Und irgendwann dann beginnen sich aus diesem turbulent-bunten Durcheinander Figuren mit Profil und Gesicht herauszuschälen, entstehen Menschen, die von Vergangenem geprägt sind und beginnen, miteinander klarzukommen.

Alle sind sie irgendwie "Pawlows Kinder", die durch lieblose Kindheit, erlebten Mißbrauch, oder jahrelange und unerfüllte Beziehungen, ihre Kanten, Ecken und Macken haben. Manchmal wissen sie gar nicht warum, zu viel ist zugeschüttet und verdrängt. Aber, wie sagte doch der russische Nobelpreisträger, der durch die speichelnden Hunde berühmt wurde: das totale Vergessen findet nun mal nicht statt. Irgendwann, aufgrund irgendwelcher Auslöser sind sie wieder da, die alten Plagegeister.

So finden zum Schluß nach Problembewältigung im Zeitraffer Pauker Jordan und das Mädchen van Hagen zusammen. "Zwei Zerstörte legen ihre kaputten Haushalte zusammen, das ist schon fast Sanierung."

Manchmal ist es schon eine gewagte Anhäufung von Seelenmüll, der sich da unter schulischem Dach ansammelt. Aber es ist auch eine gekonnt mutige Gradwanderung, bei aller Frechheit und lebhaftem Sinn für Komik das verständnisvoll, sensible Händchen für die Figuren zu bewahren. Mag ja sein, daß dabei die eigene Erinnerung Hilfestellung gab: Simone Borowiak verbrachte ihr Schulzeit auf einem katholischen Mädchenpensionat. Wenn Väterchen Pawlow das noch kommentieren könnte... --Barbara Wegmann

Neue Zürcher Zeitung

Unsere kleine Farm

«Pawlows Kinder» von Simone Borowiak

In der «Titanic» zu witzeln ist das eine. Romane zu schreiben etwas ganz anderes. Die ehemalige «Titanic»-Redaktorin Simone Borowiak hat sich inzwischen allerdings vom gut hundertseitigen, gekonnt kalauernden Ferienvergnügen namens «Frau Rettich, die Czerni und ich» (1992) und «Baroness Bibi» (1995) an das ausgewachsene Romanformat von 260 Seiten heran gearbeitet – und gleichzeitig endgültig heraus aus der Satire-Ecke, in die sie leider ohnehin nie so recht hatte passen wollen. In ihrem neuen Buch, «Pawlows Kinder», erzählt die 1964 geborene Autorin – die selbst viele Schulwechsel erlitten hat  – statt der Reise-Allotria der «Frau Rettich» und des Kanzler-Kohl-Krimis «Baroness Bibi» einen Kindertraum zwischen «Hanni und Nanni» und «Burg Schreckenstein», lediglich ein wenig flotter aufgemacht.

Im Anfang war das Portemonnaie eines buchstäblich schweinereichen Wurstfabrikanten und eine Handvoll frustriert-idealistischer Lehrer ohne Geld: eine glückliche Mischung für den Aufbau eines Elite-Internats mit dem Motto «Her mit allen Geschundenen des öffentlichen Systems! Recht auf Bildung!» Mittlerweile sind viele Jahre durchs Land gezogen, viele Schüler durch die Hände unserer Idealisten gegangen, und manche Ehemalige kommen gar zurück an ihre alte Schule, wo sie sich so zu Hause fühlten wie sonst nirgendwo auf der Welt. Cromwell zum Beispiel. So nannte man ihn, als er noch ein jugendlicher Heisssporn war, der den grösseren Jungs das Leben zur Hölle machte. Nun ist er mit Sack und Pack in eine Lehrerwohnung gezogen und wird in den nächsten zwei Jahren seine erste «Gruppe» zum Deutsch-Abitur führen.

Es versteht sich von selbst, dass er in diese Gruppe nichts als komische Käuze, Knallköpfe und Klassenkasper aufnimmt, während der obligate J. R. der Schule, Dr. Baumann, sich die vielversprechenden Streber herausgepickt hat. Klar ist auch, dass J. R. und Cromwell einander bös in die Quere kommen im Laufe der Zeit, und das nicht bloss bei der langhaarigen Patrizia, der blutjungen Musiklehrerin. Dann gibt es da noch eine – gleichfalls blutjunge – Künstlerin, die vergebens nach Cromwell schmachtet; eine autistische Schülerin, die schliesslich doch nicht vergebens geschmachtet haben wird; und einen hübschen Haufen weiterer handelsüblicher Herzensgeschichten, erfüllende, unerfüllte, erlittene . . .

Schüler wie Lehrer sind allesamt Originale mit krummen Nasen und geraden Charakteren. Selbst J. R. zeigt sich am Ende als Mensch, und die Autistin entpuppt sich ausgerechnet als Schauspieltalent: fast so wie im richtigen Leben und ganz so wie auf unserer kleinen Farm. Zwar wird Pawlows Kindern keines der zeitgemässen Schrecknisse erspart, vom Kindesmissbrauch über die Jugendgewalt bis zur «Heimsozialisation». Aber solange, hurra, die Schule nicht brennt, ist im Grunde alles in Ordnung. Nur der Roman nicht.

Immerhin hat Simone Borowiak ihre Feuerzangenbowle mit spritzigen Dialogen angereichert. Die Retourkutschen unter den Lehrern haben es in sich, und die Schüler sind ebenfalls nicht auf den Mund gefallen. «Wir waren so arm, wir hatten noch nicht mal eine Meinung!» schwallt der Jungkommunist (ja, so etwas gibt es in «Pawlows Kinder» tatsächlich!) drauflos, wenn er besser still wäre. Und als sich der Berufszyniker der Klasse endlich einen – wohlverdienten – Kinnhaken von weiblicher Hand, besser: Faust, einhandelt, spötteln die einen: «Sie sollten ihm einen Platz im Frauenhaus besorgen»; worauf die anderen zu bedenken geben, er sei der einzige Mensch auf Erden, «der da verkloppter rauskommt, als er reingeht». So frotzelt man sich durch die zwei Jahre und lockt den Leser durch ein, zwei flüchtige Lesestündchen im Märchenwunderland.

Alexandra M. Kedveš

Kurzbeschreibung

Irgendwo in der deutschen Provinz haben sich ein paar Lehrer einen Traum erfüllt und "ihr" Internat aufgebaut. Als sie den ehemaligen Schüler Jordan einstellen, sorgt der mit seiner Vorliebe für verschrobene Schüler und pädagogische Extratouren sofort für Unordnung. Eine Tragikomödie um Liebe, Macht und Macken nimmt ihren Lauf. Virtuos und erfrischend schreibt Simone Borowiak mit jenem heißen Atem, der einen Text zur Literatur macht. Die Autorin besitzt die seltene Gabe, eine ernste Geschichte komisch und leicht zu erzählen.

Autorenportrait

Simone Borowiak, geboren 1964, verbrachte ihre Kindheit und Jugend auf sieben Schulen, kam 1986 zum Satiremagazin "Titanic" und wirkte dort sieben Jahre lang als Redakteurin. 1992 landete sie mit "Frau Rettich, die Czerni und ich" ihren ersten Erfolg, der 1998 auch in die Kinos kam.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

"H e I e n e K a u f m a n n wachte an diesem Morgen viel zu früh auf, weil Hilmar in der Küche bellte. Hilmar war nicht ihr Hund, sondern ihr Mann. Und er verbellte die drei Schachteln Zigaretten, die er täglich durch seine Bronchien jagte. War morgendliches Abhusten eigentlich ein Scheidungsgrund? Sie war froh, daß er für ein paar Tage auf einen Kongreß fuhr. Helene merkte, daß sie ungerecht wurde. Schließlich waren die Folgen ihres eigenen Tabakkonsums auch nicht immer geräuschlos. Wenn sie ehrlich war, konnte sie nach einem Nikotin-Exzeß noch besser kläffen als Hilmar. Aber an diesem Morgen war sie besonders gereizt. Sie hatte schlecht geschlafen und bedrohliche Träume gehabt, an die sie sich nicht mehr genau erinnern konnte. Bruchteile von Träumen. Als hätte es nachts in ihrem Hirn Asche geregnet: Nichts war greifbar, aber alles schwarz. Helene beschloß zur Aufhellung ihres Gemütes den Comic-Pullover anzuziehen, den ihr ein Jahrgang zum Abschloß geschenkt hatte. Darauf sah m an Homer Simpson in seinem Fernsehsessel in der vollen Pracht seiner Schmutziger-Alter-Mann-Unterwäsche; in der einen Hand eine Bierdose, in der anderen die Fernbedienung, grinste er übers ganze Backpfeifengesicht. "Nehmen Sie sich ein Beispiel an ihm!" hatten dieSchüler befohlen. "Arbeiten Sie nicht so viel."Sie zog ihn tatsächlich an und lächelte das erste Lächeln des Tages. Der Pulli verfehlte nie seine Wirkung. Wenn Helene damit einkaufen ging, waren Homers derbe Herrlichkeit und seine schreckenerregende Unterhose Blickfang Nr. 1 in jeder Fußgängerzone. Helene ging in die Küche. Hilmar bellte zur Begrüßung und schenkte ihr Kaffee ein. Helene wurde unwillig, als sie sah, wie umständlich er ein paar Bücher in seiner Mappe verstaute. Mein Gott, war der Mann alt geworden. Sicher, sie war genauso gealtert, aber anders, fand Helene, in einer anderen Zeitrechnung. Der bellende Hilmar beschleunigt, in Hundejahren, sie dagegen hatte mit fünfzig jede Wahrnehmung von Zeitzeichen an sich sel bst eingestellt. Siesah immer das gleiche Bild im Spiegel. Die paar Falten zählten nicht, die hatte sie sich ja schließlich hart und ehrlich durch Rauchen und Sorgenmachen erarbeitet. So sah sie nun mal aus, und so würde das auf ewig bleiben.Sie wußte, daß sie sich damitselbst belog, aber es half ihr, und kein Dritter kam dadurch zu Schaden. Außer vielleicht Hilmar. Aber damit mußte er leben, mit seinem sichtbaren Verfall und ihrer triumphierenden Alterslosigkeit. Sie hatten sich während des Studiums kennengelernt und waren zusammengeblieben, mehr aus Versehen als aus Liebe. Sie pflegten einen freundlichen Umgangston, hatten sich aber nichts mehr zu sagen. Wenn sie mal länger miteinander sprachen, dann führten sie in aller Regel ein Fachgespräch. Ein reibungsloserPädagogenhaushalt, bestehend aus zwei friedlich koexistierenden Kettenrauchern. Helene hatte einmal die Frage ihres Bruders, wie es denn so mit Hilmar laufe, beantwortet: "Gut. Er mischt sich nicht in ..."
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