Aus der Amazon.de-Redaktion
Ein Wurstfabrikant, der sein Vermögen mit "Verbrechen an der Wurstlichkeit" verdient hat, macht's möglich: mit seinem Geld und viel pädagogischem Idealismus baut eine Handvoll Lehrer ein Internat auf. Ganz nach dem Motto: "...von der schlechten Ernährung zur guten Ausbildung. Von der Bratwurst zur Begabtenförderung".
Als Jordan, ein ehemaliger Schüler, dann als Pauker eingestellt wird, hat die Geschichte ihren Dreh- und Angelpunkt gefunden. Seine Klasse, alles Stipendiaten unterschiedlichster Herkunft und ein "durchgeknallter Sauhaufen", macht aus dem Klassenzimmer einen "Schnellkochtopf". Währenddessen jagt im Lehrerzimmer in schönster Überzeichnung eine menschliche Schwäche die andere: Beziehungsstreß, Streit um pädagogische Konzepte, Eitelkeiten, Lebenskrisen.
Und irgendwann dann beginnen sich aus diesem turbulent-bunten Durcheinander Figuren mit Profil und Gesicht herauszuschälen, entstehen Menschen, die von Vergangenem geprägt sind und beginnen, miteinander klarzukommen.
Alle sind sie irgendwie "Pawlows Kinder", die durch lieblose Kindheit, erlebten Mißbrauch, oder jahrelange und unerfüllte Beziehungen, ihre Kanten, Ecken und Macken haben. Manchmal wissen sie gar nicht warum, zu viel ist zugeschüttet und verdrängt. Aber, wie sagte doch der russische Nobelpreisträger, der durch die speichelnden Hunde berühmt wurde: das totale Vergessen findet nun mal nicht statt. Irgendwann, aufgrund irgendwelcher Auslöser sind sie wieder da, die alten Plagegeister.
So finden zum Schluß nach Problembewältigung im Zeitraffer Pauker Jordan und das Mädchen van Hagen zusammen. "Zwei Zerstörte legen ihre kaputten Haushalte zusammen, das ist schon fast Sanierung."
Manchmal ist es schon eine gewagte Anhäufung von Seelenmüll, der sich da unter schulischem Dach ansammelt. Aber es ist auch eine gekonnt mutige Gradwanderung, bei aller Frechheit und lebhaftem Sinn für Komik das verständnisvoll, sensible Händchen für die Figuren zu bewahren. Mag ja sein, daß dabei die eigene Erinnerung Hilfestellung gab: Simone Borowiak verbrachte ihr Schulzeit auf einem katholischen Mädchenpensionat. Wenn Väterchen Pawlow das noch kommentieren könnte... --Barbara Wegmann
Neue Zürcher Zeitung
«Pawlows Kinder» von Simone Borowiak
In der «Titanic» zu witzeln ist das eine. Romane zu schreiben etwas ganz anderes. Die ehemalige «Titanic»-Redaktorin Simone Borowiak hat sich inzwischen allerdings vom gut hundertseitigen, gekonnt kalauernden Ferienvergnügen namens «Frau Rettich, die Czerni und ich» (1992) und «Baroness Bibi» (1995) an das ausgewachsene Romanformat von 260 Seiten heran gearbeitet und gleichzeitig endgültig heraus aus der Satire-Ecke, in die sie leider ohnehin nie so recht hatte passen wollen. In ihrem neuen Buch, «Pawlows Kinder», erzählt die 1964 geborene Autorin die selbst viele Schulwechsel erlitten hat statt der Reise-Allotria der «Frau Rettich» und des Kanzler-Kohl-Krimis «Baroness Bibi» einen Kindertraum zwischen «Hanni und Nanni» und «Burg Schreckenstein», lediglich ein wenig flotter aufgemacht.
Im Anfang war das Portemonnaie eines buchstäblich schweinereichen Wurstfabrikanten und eine Handvoll frustriert-idealistischer Lehrer ohne Geld: eine glückliche Mischung für den Aufbau eines Elite-Internats mit dem Motto «Her mit allen Geschundenen des öffentlichen Systems! Recht auf Bildung!» Mittlerweile sind viele Jahre durchs Land gezogen, viele Schüler durch die Hände unserer Idealisten gegangen, und manche Ehemalige kommen gar zurück an ihre alte Schule, wo sie sich so zu Hause fühlten wie sonst nirgendwo auf der Welt. Cromwell zum Beispiel. So nannte man ihn, als er noch ein jugendlicher Heisssporn war, der den grösseren Jungs das Leben zur Hölle machte. Nun ist er mit Sack und Pack in eine Lehrerwohnung gezogen und wird in den nächsten zwei Jahren seine erste «Gruppe» zum Deutsch-Abitur führen.
Es versteht sich von selbst, dass er in diese Gruppe nichts als komische Käuze, Knallköpfe und Klassenkasper aufnimmt, während der obligate J. R. der Schule, Dr. Baumann, sich die vielversprechenden Streber herausgepickt hat. Klar ist auch, dass J. R. und Cromwell einander bös in die Quere kommen im Laufe der Zeit, und das nicht bloss bei der langhaarigen Patrizia, der blutjungen Musiklehrerin. Dann gibt es da noch eine gleichfalls blutjunge Künstlerin, die vergebens nach Cromwell schmachtet; eine autistische Schülerin, die schliesslich doch nicht vergebens geschmachtet haben wird; und einen hübschen Haufen weiterer handelsüblicher Herzensgeschichten, erfüllende, unerfüllte, erlittene . . .
Schüler wie Lehrer sind allesamt Originale mit krummen Nasen und geraden Charakteren. Selbst J. R. zeigt sich am Ende als Mensch, und die Autistin entpuppt sich ausgerechnet als Schauspieltalent: fast so wie im richtigen Leben und ganz so wie auf unserer kleinen Farm. Zwar wird Pawlows Kindern keines der zeitgemässen Schrecknisse erspart, vom Kindesmissbrauch über die Jugendgewalt bis zur «Heimsozialisation». Aber solange, hurra, die Schule nicht brennt, ist im Grunde alles in Ordnung. Nur der Roman nicht.
Immerhin hat Simone Borowiak ihre Feuerzangenbowle mit spritzigen Dialogen angereichert. Die Retourkutschen unter den Lehrern haben es in sich, und die Schüler sind ebenfalls nicht auf den Mund gefallen. «Wir waren so arm, wir hatten noch nicht mal eine Meinung!» schwallt der Jungkommunist (ja, so etwas gibt es in «Pawlows Kinder» tatsächlich!) drauflos, wenn er besser still wäre. Und als sich der Berufszyniker der Klasse endlich einen wohlverdienten Kinnhaken von weiblicher Hand, besser: Faust, einhandelt, spötteln die einen: «Sie sollten ihm einen Platz im Frauenhaus besorgen»; worauf die anderen zu bedenken geben, er sei der einzige Mensch auf Erden, «der da verkloppter rauskommt, als er reingeht». So frotzelt man sich durch die zwei Jahre und lockt den Leser durch ein, zwei flüchtige Lesestündchen im Märchenwunderland.
Alexandra M. Kedve