Nachdem mir persönlich das letzte Werk Empire" überhaupt nicht gefiel, setzte ich alle Hoffnungen in diese neue Platte, daß die Jungs für meinen Geschmack wieder die Kurve kriegen würden.
Das ist durchaus gelungen, worüber ich sehr froh bin.
Steigen wir einfach mal ein:
"Underdog" war ja in einer Sony-Werbekampagne zu hören.
Ich selbst habe diesen Spot nie gesehen, sodaß ich den Track beim ersten Durchlauf auch zum ersten Mal hörte. Typische z.T. "verschleppte" Kasabian-Gitarren hier. Genau DAS, was ich bei einer Kasabian-Platte hören möchte. Guter Rocksong mit eingängigem Refrain. Toller Start.
Bei "Where Did All The Love Go?" war ich sehr überrascht. Und begeistert hat er mich dann auch erst beim zweiten Mal Hören. Jetzt finde ich ihn richtig, richtig toll und kann ihn mir sogar gut als Single vorstellen. Klingt fast tanzbar. Der Refrain, speziell auch die Backing-Vocals sind brillant. Und die Streicher-Passagen tun ihr übriges.
"Swarfiga" ist dann einfach ein eigentlich nicht erwähnenswertes, kurzes Instrumental-Einsprengsel. Sehr atmosphärisch geraten fügt es sich jedoch gut ein.
"Fast Fuse", welches bereits als limitierte Vinyl-EP zu haben war, und somit bekannt ist, besticht durch eine großartige, treibende Basslinie. Insgesamt klingt der Song recht bluesig. Macht Spaß.
Jetzt kommen wir zu den Tracks bei denen Gitarrist Sergio Pizzorno die Lead-Vocals von Tom Meighan übernimmt. "Take Aim" fand ich im ersten Moment recht unspektakulär und langweilig, aber der Track wächst bei jedem Durchlauf. Er bezieht seine Spannung aus dem wunderbar gespannten Bogen und der Steigerung von reiner Gesang/Akustik-Instrumentierung zu einem ausladenen Song mit Bläsern, elektronischen Elementen und Streichern gen Ende. Im Grunde ein Geniestreich, aber der erste ruhigere Moment auf der Platte.
"Thick As Thieves" (schön, diesen Songtitel nach Jahren einmal wieder zu lesen, nachdem "The Jam" ihn vor 30 Jahren bereits verwandten) schlägt dann in eine ähnliche Kerbe. Klingt etwas nach "British Legions" vom "Empire"-Album. Und mit "Hey Ho! Where Did We Go?" finden wir hier mit den catchiesten Refrain des Albums. Und grade in den Refrain-Momenten klingt es hier etwas nach den grandiosen "La's", oder partiell auch die ruhigeren Kula-Shaker-Sachen.
"West Ryder/Silver Bullet" ist dann das vielzitierte Duett mit Rosaria Dawson. Für mein Empfinden ist dies jedoch bereits das einzig bemerkenswerte hier.
Gefällt mir eigentlich nicht allzugut dieser Song.
Dem nachfolgt das vorab von der Band kostenlos zur Verfügung gestellte "Vlad The Impaler". Auch davon bin ich etwas enttäuscht. Natürlich haben wir hier klassische Kasabian-Elemente mit recht aggressiven Gitarren und treibendem Bass, aber irgendwie kommt mir dieser Song nicht so recht "aus den Puschen". Wenn man denkt, daß er jetzt endlich eine Wut vom Zaun bricht, ist er auch schon wieder vorbei. Er wirkt ein wenig gewollt und unfertig für mich. Keineswegs ein schlechter Song. Aber er reißt mich nicht wirklich vom Hocker, um das mal flappsig darzustellen.
"Ladies & Gentlemen (Roll The Dice)" ist dann erfrischend anders. So hat man Kasabian bislang nicht gehört.Tremolo-Gitarren-Parts und starker Orgel-Einschlag machen diesen Track zu einem weiteren Highlight.
Und grade durch diese Orgel-Passagen führt uns die Band mit dem nächsten Song "Secret Alphabets" zu einem der besten Psychedelic-Rock-Stücke der jüngeren Vergangenheit. Auch hier kommt wieder die Orgel zum Tragen (ein magischer Moment, etwa vergleichbar mit der Atmosphäre die der Synthie-Klangteppich von Portisheads "Machine Gun" an dessen Ende erzeugt) und der Song wächst sich mit orchestralem Finish zu einem wahrlichen Meisterwerk aus. Einer der besten Songs in Kasabians Katalog.
Darauf folgt "Fire" und ist "eigentlich nur" 08/15-Kasabian-Rock. Aber wie. Als erste physische Single des Tonträgers bestens gewählt, alleine des überbordenen zum Mitsingen einladenden Refrains wegen. Sicher ein Live-Favorit der kommenden Tournee.
Den Abschluß bildet dann "Happiness". Wie der Titel schon andeutet ein sehr optimistisches Stück. Die Gospel-Parts erinnern mich teilweise stark an ähnliche Elemente beim Black Rebel Motorcycle Club. Wunderschöner Schlußpunkt eines doch überraschenden, richtig starken Albums.
Insgesamt fällt auf, daß es eine richtig gute Neo-Psychedelic/Rock-Platte geworden ist. Alternative Rock denke ich, ist es inzwischen weniger.
Vielleicht nicht mit aller Konsequenz, aber ich denke, "vom Neuen das Beste" was aus dieser Ecke zu bekommen ist, ist diese Platte fürwahr.
Wenn Oasis von "Dig Out Your Soul" als psychedelischem Album sprechen und man ein solches sucht, ist "West Ryder Pauper Lunatic Asylum" jedoch definitiv die bessere Wahl.
Wer allerdings immer noch auf ein zweites Debüt-Album, respektive eine Neuauflage von "Club Foot" wartet, sollte die Finger von dieser Platte lassen.
Auch wenn Chris Karloff, mit der Hauptsongwriter der Band, noch erheblichen Anteil an "Empire" hatte, doch bereits dies ja eine Abkehr vom Sound des Debüts darstellte, so sollten hier diesbezüglich nun die Alarmglocken klingeln, wenn man eine Rückkehr erwartet hätte, nach seinem Ausstieg...
Kasabian klingen nun definitiv anders.
Frischer.
Und besser.
Ich gebe starke 4/5 Sternen, wenn ich mich festlegen müßte, da ich den Mittelteil doch etwas schwächer finde.
Die Platte beginnt und endet jedoch bärenstark.
Ob es ganz ans Debüt heranreicht, möchte ich hier noch nicht abschließend klären.
Aber es ist nah dran, qualitativ.
Anzumerken ist noch, daß selbst das haptische Erlebnis nicht zu kurz kommt.
Auch diese neue Platte erschien auf Doppel-10"-Vinyl. Somit haben sie es "geschafft", alle 3 Werke in diesem Format zu veröffentlich.
Wunderbar.
Und sowieso ist "West Ryder Pauper Lunatic Asylum" der beste Albumtitel diesen Jahres.
Spielend.