Das Wichtigste zuerst: Schnelles "Paulus" trägt die Bezeichnung Lehrbuch nicht zu unrecht. Es handelt sich um ein didaktisch gutes, angenehm zu lesendes Werk, das einen großen Chor aktueller Forschungsergebnisse zusammenführt. Die Kapitel bleiben auch je für sich verständlich. Somit dürfte es sich in Studienalltag und Examensvorbereitung bewähren.
Nur die Kurzzusammenfassungen vor den einzelnen Kapiteln entfalten zum Teil unfreiwillige Komik, weil sie dem Duktus eines Tageszeitungs-Horoskops zu folgen scheinen. Kostprobe: "Es gibt Ereignisse, die Klärung versprechen, in Wahrheit aber nur der Anlass für neue Kon-flikte sind. Vereinbarungen können unterschiedlich ausgelegt werden, vieles stellt sich im nachhinein anders dar." (117) Gemeint ist hier der Apostelkonvent in Jerusalem.
Insgesamt unterteilt sich der Band in zwei Abschnitte: Auf eine Darstellung des Denk- und Lebensweges folgt eine systematische Entfaltung der paulinischen Theologie, natürlich auf Grundlage der diachronen Analysen, die die religiöse Entwicklung durch die für echt befun-denen Briefe verfolgt.
Der evangelikale Leser wird bezweifeln, ob Schnelle das corpus paulinum wirklich vollständig erfasst hat. Eph und Kol werden überhaupt nicht zitiert. Von daher stehen die Überlegun-gen zu den Entwicklungen im paulinischen Denken immer unter dem Vorbehalt der Entscheidungen, die er in Bezug auf die Einleitungsfragen getroffen hat. Die Pseudepigraphie spaßeshalber einmal zugegeben ist es ja noch keineswegs ausgemacht, dass der Gal erst 55 und der Phil erst in Rom entstanden sind. Dem neuzeitlichen Geist schmeichelt es dann natürlich, wenn durch diese Datierungen eine Wandlung des paulinischen Denkens nachgewiesen werden kann, nach der das letzte Wort des Apostels (Phil) ein individuelle Eschatologie betonte anstatt eines apokalyptischen Weltendes (1. Thess).
Dennoch geht Schnelle nicht naiv historisch-kritisch medias in res, sondern stellt kluge geschichtstheoretische Überlegungen voran, in der er auch seine eigene Rolle als Exeget problematisiert: "Die Sozialisation des Historikers/Exegeten, seine Traditionen, seine politischen und religiösen Werteinstellungen prägen notwendig das, was er in der Gegenwart über die Vergangenheit sagt. Zudem sind auch die Verstehensbedingungen selbst, speziell die Vernunft ... einem Wandlungsprozess unterworfen..." (3f). Paulus hätte hier auch den Gesichtspunkt der Sünde eingeworfen. Geschichte jedenfalls spielt sich als ein Prozess von Sinnbildung für die Gegenwart ab. Diesen Sinnbildungsprozessen, die auch Paulus in seiner Gegenwart vollzogen habe, spürt Schnelle nach.
Der systematische Teil führt über Gotteslehre und Christologie bis de novissimis. Die Christologie wird in den Begriffen der Transformation (Jesu Weg nach Phil 2,6-11) und Partizipation (die Teilhabe der Gläubigen) beschrieben, die Bedeutung des Sühnebegriffs jedoch abge-schwächt. Gegen Bultmann indessen versteht Schnelle 1. Kor 15 wie es gemeint ist, nämlich als das Zeugnis des Paulus für die leibliche Auferstehung Jesu. Ob man die Auferstehung als Tat Gottes gelten lassen kann, ist eine weltanschauliche Frage (vgl. 483).
Ein besonderes Lob verdienen die Beschreibungen des Menschen im Hinblick auf Geist und Vernunft: Menschliche Existenz findet entweder in der Sphäre des Fleisches oder des Geistes statt. "Der Geist hat auch eine noetische Funktion, denn allein der Geist Gottes ermöglicht und gewährt die Einsicht in Gottes Heilsplan. ... Die von Gott geschenkte Erkenntnis im Geist eröffnet ein Verstehen des Handelns Gottes, das die menschliche Erkenntnis miteinbezieht und zu einem neuen Handeln führt, ohne jedoch die Eigenverantwortlichkeit des Menschen zu minimieren oder aufzuheben." (558) Für Paulus gehören Erkenntnis und Geist zusammen!
Insgesamt ist das Buch also nützlich sogar über den engen Horizont der "Uni-Theologie" hinaus. Man kann sich für ein gutes Lehrbuch bedanken, darf Schnelle aber auch wünschen, dass er die praktischen Erkenntnisse seiner wissenschaftstheoretischen Überlegungen und Paulusexegesen in Zukunft in noch stärkerem Maße auf die formale Seite und damit auf das Wie der theologischen Forschung selbst überträgt.
Gregor Heidbrink
Ichthys 42 (2006), 103f