Daß ein guter fremdsprachiger Autor für unseren Markt entdeckt ist, merkt man daran, daß seine neuesten Werke nicht mehr zuerst als Taschenbücher erscheinen, sondern als gebundene Ausgaben. Das gilt seit einiger Zeit auch für den überaus merkwürdigen Jonathan Carroll, der seinen berühmten Nachnamen (diesmal ein echter, kein nom de guerre) mit Anmut und Würde trägt und etwas daraus macht, das den Zauber, den Lewis Carroll verbreitet, noch übertrifft. Wenn auch beide - Lewis und Jonathan - sehr viel mehr trennt als verbindet, so eint sie doch eine ganz besondere Eigenart: beide nehmen das "Unbewußte" in uns ernst und lassen sich voller Neugier und mit Enthusiasmus ein auf die Suche nach der Wirklichkeit dahinter. Und beide finden dort das gleiche: das Grauen. Das ist uns bewußt. Lewis Carroll umschreibt es mit einer an Wahnwitz grenzenden heiteren Phantasie, an der wir nicht ernsthaft zu kratzen wagen, weil wir ahnen, was wir freisetzen können. Jonathan Carroll ist noch weitaus schlimmer. Um wieviel schlimmer, erzähle ich Ihnen gleich. Warum nun diese lange Einleitung? Zum einen, damit - wenn Sie ihn noch nicht kennen - Sie den Namen dieses wundervollen Schriftstellers nicht vergessen. Zum anderen, damit Sie über eine naheliegende, aber unerwartete Verbindung eine Ahnung bekommen davon, was es für uns als Leser bedeuten kann, wenn ein überragender Autor uns die Wirklichkeit gewissermaßen aus den Augenwinkeln erkennen läßt: wir nehmen Schemen wahr, die wir lieber nicht zu genau erkennen wollen, und zum Glück lösen sie sich immer wieder in Nichts auf, wenn wir sie genauer ins Auge fassen wollen, weil uns die Neugier dann doch treibt.
Stellen Sie sich bitte ein Mädchen vor, das körperlich und geistig seinem Alter weit voraus ist, so schnell, daß sie Seele einfach nicht nachkommt, daß unstet erscheint und flüchtig wie Kain, weil es Erfahrungen (mit Männern, aber das dachten Sie sich schon...) aus lauter Neubegierde nicht aus dem Weg geht (aber auch offensichtlich nicht bewußt sucht, damit wir uns richtig verstehen), und das darüber eine Ahnung davon bekommt, wie der eine, der richtige Mann beschaffen sein könnte. Und als es endlich soweit ist - der richtige Mann scheint sich einzustellen, und aus dem frühreifen Mädchen beginnt eine richtige Frau zu werden -, wird es umgebracht. Der Mann, der richtige Mann, wird wegen Mordes verurteilt und überlebt die Haft nicht. Vorhang zu. Etliche Jahree später greift aus Gründen, die ihm erst allmählich klar werden, der Schriftsteller Samuel Bayer diese Geschichte aus seiner Schulzeit wieder auf (er hatte seinerzeit die Tote entdeckt) und beschließt, ein Buch darüber zu schreiben. Allmählich wird klar, daß nicht alle offenen Fäden dieses Falles sauber verknüpft sind, vielmehr einige bis in die Gegenwart reichen und sich dort zu neuen Mustern fügen. Je mehr er sich aber damit befaßt, desto rätselhafter wird alles. Und desto gefährlicher, bis alles in einer Katastrophe endet und in einer milde ausklingenden Farce von ausgesuchter Traurigkeit und Bestialität.
Wenn einer wie Jonathan Carroll dergleichen berichtet, berührt uns das besonders. Und doch ist das nicht die eigentliche Geschichte dieses Romans. Die eigentliche Geschichte ist die Geschichte vom Sam und Veronica, die sich ineinander verlieben, und deren wundersame Liebesgeschichte etwas wiederspiegelt von dem, was auch unser Alltag sein könnte, wenn wir nur wenig verrückter und mutiger wären - und ein wenig bösartiger und verzweifelter -, als wir es wirklich sind. Es ist keine romantische Geschichte, sondern eine wahrhaftige, und das auf mehrfache Weise. Einmal ist sie so wahrhaftig wie die Schauspieler auf der Bühne: sie alle sind so geschminkt, daß die charakteristischen Gesichtszüge hervorgehoben werden, so daß wir noch aus der letzten Reihe erkennen können, was gemeint ist; zum anderen aber ist sie so wahrhaftig wie die Schauspieler auf der Bühne, deren Spiel durch Einfühlungsvermögen und Nuancierung der Vergröberung ihrer Erscheinung erst Leben verleiht. Während wir also genau zu verstehen meinen, was da eigentlich gespielt wird, begreifen wir irgendwann, daß wir es nur deshalb verstehen, weil Jonathan Carroll seine Protagonisten so liebt, daß er sie lebendig werden läßt. Das ist wohl das Schönste in seinen Büchern. Das wir uns in allen seinen Hauptfiguren auf die eine oder andere Weise selbst wiederfinden.