Pauline und Claudine sind zwei Zwillingsschwestern, sehr unterschiedlich hinsichtlich Biografie, Charakter und Lebens-Situation, jedoch kaum unterscheidbar im Aussehen. Schön sind sie beide. Claudine versucht vergeblich, in Paris als Pop-Sternchen Fuss zu fassen, während Pauline in der Provinz ein zurückgezogenes Leben führt. Claudine benötigt die ständige Anerkennung ihrer Umwelt, die sie sich mangels Begabung durch provozierendes Verhalten und promiskuitives Sexualleben zu verschaffen sucht. Pauline ruht in sich selber und in ihrer Liebe zu ihrem Freund. Die Autorin leitet dieses entgegengesetzte Verhalten der beiden aus ihrer unterschiedlichen Behandlung in ihrer Kindheit durch einen selten unsensiblen Vater ab, der Claudine durch den Vergleich mit ihrer begabteren Schwester stets aufs Neue demütigte. Kein Wunder, dass die Schwestern sich hassen.
Anlässlich des ersten Live-Konzertes von Claudine übernimmt die musikalisch begabte Pauline die Rolle ihrer Schwester als Pop-Sängerin, um ein Debakel zu vermeiden. Die erneute Bestätigung der Überlegenheit ihrer Schwester erträgt Claudine nicht: Sie begeht Selbstmord. Pauline schlüpft in die Rolle der verhassten Schwester; sie, die Unschuld aus der Provinz, wird als Claudine-Darstellerin mit dem mondänen und dekadenten Leben ihrer Schwester konfrontiert, ja, sie muss es jetzt selber leben. Aufgrund ihres Aussehens, ihrer Claudine nachempfundenen sexuellen Zugänglichkeit, letztlich aber auch ihrer Begabung hat sie Erfolg. Sie kassiert ab und verschwindet.
Die Rollenübernahme durch Pauline gibt der Autorin Gelegenheit zu teilweise köstlicher, teilweise beissender Kritik an den Praktiken der desorientierten und hedonistischen Pariser Musikszene, eine Kritik, die sich mühelos generalisieren lässt. Köstlich ist beispielsweise die Darstellung der Empfindungen Paulines bei ihrer Umgestaltung zu einem mondänen erotisch aufreizenden "Star", beissend die Beobachtung der teils erfolgreichen Anmach-Versuche wildfremder wie näherstehender Männer, die sich durch die Bank als schwanzgesteuerte Einfaltspinsel erweisen. Sex ist für beide Schwestern eine Sache von Ausbeutung (durch die Männer) und Berechnung (von den Frauen), nicht des Vergnügens. Man gewinnt den Eindruck, dass das Leben der Autorin wenig erfreulich verlief und dass insbesondere ihre Erfahrungen mit der Männerwelt eher deprimierend waren. Virginie, die Autorin, scheint am Leben und an den Männern zu leiden.
Der Plot ist zwar pfiffig angelegt, strotzt aber vor Unwahrscheinlichkeiten. Stimmigkeit des Romans ist auch nicht unbedingt das Anliegen der Autorin; es liegt auf der Hand, dass sie wesentliche gesellschaftliche wie psychologische Schattenseiten des Lebens in den 90-igern aufgreifen möchte, um sie geradezu brutal zu denunzieren. Doch die Analyse ist eher oberflächlich, teilweise werden die üblichen Vorurteile bedient. Die Dramaturgie ist virtuos; es fällt schwer, nicht weiterzulesen. Die Sprache, frech und liederlich, ist bewusst auf das Milieu und die Protagonisten abgestimmt, kann aber den komplexen gesellschaftlichen Strukturen nur unzureichend gerecht werden.