Paulas Katze ist der zweite Band der Trilogie Ein Haus in Berlin. Zwar besteht ein gewisser Zusammenhang zwischen den drei Teilen, doch können alle Titel unabhängig voneinander gelesen werden. Das Haus in Berlin befindet sich im Scheunenviertel. Es handelt sich dabei um einen großstadttypischen Wohnkomplex mit mehren Höfen. Entsprechend ihrer sozialen Stellung bewohnen die Mieter eine Wohnung im Vorderhaus (Beletage) oder im Hinterhaus. Die Handlung in Paulas Katze spielt 1935, die Nürnberger Rassegesetze sind gerade in Kraft gesetzt worden.
Paula ist eine Malerin, nicht mehr ganz jung, durch ihren jüdischen Vater Halbjüdin, die mit ihren Eltern im Vorderhaus lebt. Katharina, 16, genannt Katze, ist ihre Cousine; beide verbindet eine enge Freundschaft. Paulas Mutter und Katharinas Großmutter, bei der das junge verwaiste Mädchen im Hinterhaus lebt, sind Schwestern, pflegen allerdings ein sehr distanziertes Verhältnis zueinander. Nach dem Auszug einer jüdischen Familie aus der Beletage wird deren Wohnung von einer Familie strammer Nazis übernommen, in deren Sohn Gerolf Katharina sich verliebt. Gerolf sieht in ihr das Idealbild der nordischen Frau und bindet sie auf eine besitzergreifende Art an sich. Fortan ist das ohnehin wurzellose, rebellische Mädchen hin- und hergerissen zwischen ihrer Loyalität zu Paula und ihrer starken Zuneigung zu dem jungen Nazi. Diese Situation und der sich daraus ergebende Strudel von Ereignissen, gepaart mit ihren schwierigen Familienverhältnissen und dem Mangel an anderen Bezugspersonen, machen Katharina blind für die Realität. Erst spät, mit der Entschlüsselung eines lange gehüteten Familiengeheimnisses, erkennt sie das Groteske ihrer Lage und erhält ihren Realitätssinn zurück.
In gewohnter Manier gelingt es Waltraut Lewin, den Leser in den Bann der Handlung zu ziehen und darin einzubinden. Die Geschichte ist aus Katharinas Perspektive erzählt, allerdings auf eine Art, dass der Leser in Kenntnis der historischen Ereignisse mehr weiß und Zusammenhänge früher erkennt als sie und ihr so gedanklich immer einen Schritt voraus ist.
Das Buch vereint mehrere Kategorien in sich: es ist eine Geschichte über einen bestimmten Aspekt des Nationalsozialismus, eine Liebesgeschichte und eine Familiengeschichte. Es hat Momente großer Tragik, aber es bringt auch Dinge wieder ins Lot. Es beschreibt das Leben, wie es ist.
Ich empfehle dieses Buch allen, die Bücher schätzen, die sich in irgendeiner Form mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen, und allen Lesern, die Waltraut Lewin mögen. Jenen, die diese Autorin noch nicht für sich entdeckt haben, sei sie hiermit ans Herz gelegt. Es lohnt sich. Paulas Katze wird zwar als Jugendbuch vermarktet, doch ich finde es auch für erwachsene Leser ansprechend und sehr empfehlenswert.